Jack Whites "Boarding House Reach": Lässig kommt von nachlässig

23. März 2018, 11:00
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Der US-amerikanische Rockstar veröffentlicht heute sein neues Album

Wien – Schwarz-Blau schon wieder. Klar, er ist ja ein Konservativer und pflegt ein fast schon konfessionelles Verhältnis zum Analogen. Wenn es sein muss, kann er aus einem Stück Draht, einem Nagel und einem Brett eine Klampfe bauen. Für den Blues reicht das, und der ist Jack Whites Geschäft. Mit den einschlägigen Wiedergängern The White Stripes wurde er weltberühmt, er war die männliche Hälfte des Duos, das sich meist in den Farben Rot und Weiß inszenierte.

Seit er 2012 sein Solodebüt Blunderbuss veröffentlichte, sind Schwarz und Blau die Farben seiner Wahl. Dementsprechend getönt ist das (hässliche) Cover seines am Freitag erscheinenden Albums Boarding House Reach. Alles wie immer, könnte man meinen, aber nicht, nicht ganz.

Eher Problem als Lösung

Nach wie vor gilt: Jack White ist Jack White. Als solcher ist er eher Problem als Lösung, denn White steht unter Druck. Der ist historisch vom Werk der White Stripes herauf abgesichert und nicht per se schlecht. Nicht wenn man den Blues mit dem Gestus des Punk spielt, instrumentiert wie ein Arme-Leute-Orchester mit nur Gitarre und Schlagzeug. In dieser Besetzung wurde er weltberühmt, sein Song Seven Nation Army ist heute das We Are The Champions der Generation Postpunk.

Für Boarding House Reach orientierte White sich um. Nach wie vor gilt: Analog ist besser. Also hat sich der 42-jährige Rockstar mit dem Spielzeug seiner Jugend in einem Appartement seiner Wahlheimat Nashville eingesperrt, um das Album im Alleingang aufzunehmen. Unter dem Spielzeug waren ein paar Analogsynthesizer, dementsprechend fiepst und brutzelt es auf Boarding House Reach.

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Im Anschluss hat er die Songs diversen Hip-Hop-Produzenten übergeben, die ihrerseits Hand anlegten – sogar unter Mithilfe von digitalem Teufelszeug, nichts, was ein kleiner Exorzismus nicht wieder hinkriegt. Die Resultate sind ein Funk-Entwurf, der seine Momente hat. Zwar klingt er damit, wie The Jon Spencer Blues Explosion schon vor über 20 Jahre geklungen haben. Oder wie eine Fingerübung der Beastie Boys, aber was soll's?

White, der Kontrollfreak

Das Problem ist nur, dass White, der Kontrollfreak, nie locker ist. Doch Funk ist die Kunst des Lässigen, und da steht er sich leider mehr als einmal im Weg, obwohl es schlimmer sein könnte. Songs wie Corporation oder Ice Station Zebra klingen schon sehr geil. Dasselbe gilt für Over and Over and Over. Das erinnert an früher, rockt derbe, lässt aber mit einem hinzugezogenen Damenchor frohlocken.

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Doch so toll einige Lieder ausgefallen sind, insgesamt wirkt das Album zerrissen. Zwar kommt White gegen Ende auf seinen Ruhepuls von 180 Klopfern pro Minute, doch die letzten beiden Songs klingen dann halt wie von einer anderen Platte entnommen.

Man wünscht Jack White einen Produzenten wie Jim Dickinson. Jemanden, der ihn vom Charme des Unperfekten überzeugt, jemanden, der den Grind pflegt und ihm beibringt, dass das Lässige vom Nachlässigen kommt. Blöd, aber Jim Dickinson ist schon tot, und White ist White. (Karl Fluch, 23.3.2018)

  • Jack White: Ein Schwarz-Blauer entdeckt den Funk.
    foto: david james swanson

    Jack White: Ein Schwarz-Blauer entdeckt den Funk.

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