Ein Vulkanausbruch tötet die alten Götter

21. März 2018, 17:59
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Zu Beginn des zehnten Jahrhunderts ließen die Isländer großteils von ihrem alten Götterglauben ab und wandten sich dem Christentum zu. Aktuelle Funde zeigen, dass dafür eine gewaltige vulkanische Eruption mitverantwortlich gewesen sein könnte

foto: clive oppenheimer
Die über tausend Jahre alte Völuspá beschreibt einen Weltuntergang, in dem alte Götter abtreten und ein neuer Gott auf den Plan tritt.

Cambridge/Wien – "Die Sonne verdunkelte sich, das Land versank im Meer, Wolken wurden emporgeschleudert, und Flammen züngelten gegen den Himmel selbst." Diese drastische Beschreibung einer apokalyptischen Katastrophe findet sich in der Völuspá, einem berühmten Gedicht in der altnordischen Edda.

Das Werk entstand um das Jahr 1000, ziemlich genau zu jener Zeit also, da sich die Bevölkerung Islands dem Christentum zuwandte. Die Worte wurden einer Seherin in den Mund gelegt und schildern in 63 Strophen nichts weniger als den Untergang der nordischen Götterwelt rund um Odin, Thor und Loki – und den Aufstieg der neuen Religion, die nur einen einzigen Gott kennt.

Mythen mit Realitätsbezug

Britische Forscher haben nun eine Entdeckung gemacht, die darauf hindeutet, dass es sich bei diesen verhängnisvollen Ereignissen womöglich nicht gänzlich um mythische Fiktion handelt. Das Team um Clive Oppenheimer von der University of Cambridge stieß in Grönland bei der Analyse von Eisbohrkernen und Baumringen auf Spuren einer gewaltigen vulkanischen Eruption. Dass eine solche Island gegen Ende des Frühmittelalters in weiten Teilen in Schutt und Asche legte und sogar globale Folgen hatte, wusste man schon länger.

Die jetzt in dem Fachjournal "Climatic Change" präsentierten Resultate erlauben es jedoch erstmals, das kataklysmische Ereignis genau zu datieren und mit dem in der Völuspá beschriebenen Weltuntergangsszenario in Zusammenhang zu bringen.

foto: ap/bullit marquez
Die Eldgjá-Eruption im Jahr 939 könnte bei den ersten Siedlern auf Island das Ende ihrer damaligen Götterwelt eingeläutet haben.

Schriftliche Quellen belegen, dass Island im späten neunten und frühen zehnten Jahrhundert durch Auswanderer aus skandinavischen Ländern sowie durch keltische Siedler erstmals bevölkert wurde. Lange dürften sich die Zuwanderer allerdings nicht an dem Eiland im Nordatlantik erfreut haben: Nach Oppenheimers Ergebnissen riss im Jahr 939 eine Spalte namens Eldgjá im Katla-Vulkansystem auf und stieß gewaltige Lavamassen aus. Nach Angaben der Wissenschafter hätte die Menge ausgereicht, "um England knöchelhoch mit Gesteinsschmelze zu bedecken".

Religiöser Umbruch

"Unsere verlässliche Datierung dieses Ausbruchs lässt sich mit zahlreichen Einträgen in mittelalterlichen Chroniken in Einklang bringen, in denen für genau diese Zeit entsprechende atmosphärische Phänomene, harte Winter, kalte Sommer und Hungersnöte vermerkt wurden", sagt Oppenheimer. Besonders auffällig allerdings sei der Völuspá-Text, der beinahe einem Augenzeugenbericht gleichkomme.

Die Forscher sind sich sicher, dass es hier eine eindeutige und ursächliche Verbindung gibt: "Die Schilderung vom feurigen Ende der alten Götter, die von einem neuen Gott ersetzt werden, lässt vermuten, dass die Erinnerung an dieses welterschütternde Ereignis im Weltbild der damaligen Menschen tatsächlich dem Christentum in Island den Weg bereitet hat." (Thomas Bergmayr, 21.3.2018)

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