Künstliche Intelligenz als Poetin: Als die Maschine lernte, Klassiker zu sein

    21. März 2018, 17:38
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    Rechtzeitig zum Welttag der Poesie wurde ein von künstlicher Intelligenz erschaffenes Gedicht zum ultimativen Leistungsbeweis artifizieller Schöpferkraft erklärt. Doch hält das poetische Gebilde der Betrachtung wirklich stand?

    Wien – Noch die künstlichste aller Intelligenzen schweigt, wenn ihr nicht eine Kreativagentur sagt, was sie zu tun hat. Rechtzeitig zum Welttag der Poesie wurde ein Gedicht besonders ehrfürchtig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt: Sonnenblicke auf der Flucht, ein poetisches Gebilde in 13 Versen, angeordnet in vier unterschiedlich langen Strophen.

    Auf den ersten, flüchtigen Blick erregt das untenstehende Opusculum keine besondere Aufmerksamkeit. Ein Geheimnis hüllt gleich die Anfangsstrophe in ein diffus verschwimmendes Licht. "Auf der Flucht gezimmert in einer Schauernacht": Es fällt schwer, diese Aussage nicht für selbstbezüglich zu halten. Häufig genug machen moderne Texte von der Möglichkeit Gebrauch, von sich selbst zu sagen, was es mit ihnen auf sich hat. Um den Leser nur umso gezielter hinters Licht zu führen.

    Es ist daher gut vorstellbar und möglich, dass jemand das Gedicht Sonnenblicke auf der Flucht zu unbehaglicher Nachtzeit "gezimmert" hat. So wie man zu anderer Gelegenheit vielleicht sagt, man hätte etwas "zusammengeschustert". Damit wäre angedeutet, dass der Enthusiasmus überall dort einspringt, wo es an Muße und Können fehlt. Um wie viel eher gilt das für die saure, durch tausend Rücksichten erschwerte Kunst der Poesie!

    Aber das Gedicht spricht ja ausdrücklich von "Flucht". Wer, ob sinnbildlich oder nicht, um sein Leben hat rennen müssen, der wird vielleicht das von ihm in einer Schauernacht Gezimmerte im Nachhinein, bei Tageslicht, nicht darum schief anschauen, weil es wackelt. Der Leser, die Leserin soll die nämliche Nachsicht üben. Aber kann ein Gedicht unter den verzwickten Entstehungsbedingungen der x-ten Moderne überhaupt noch "wackeln"?

    Schritte einer Software

    Das Poem Sonnenblicke auf der Flucht wurde von künstlicher Intelligenz (KI) geschrieben. Darin liegt sein höherer Sinn – insofern jedes poetische Sprechen sich von bloßer Umgangssprachlichkeit unterscheidet. Die Digitalkreativagentur TUNNEL23 (echt nur in Versalien) hat dabei ein künstliches Programm ausdrücklich zum Lernen angehalten. Was Hänschen an aktivem wie passivem Spracherwerb nicht leistet, das erlernt eine Software noch allemal.

    tunnel23

    Das KI-basierte Gedicht hat – wohl auch, weil es mit starken Substantiva renommiert – einen regelrechten Siegeszug angetreten. Die Kraftmeierei einer Poesie, die mit "Göttern", "Glocken" oder "goldenen Gliedern" nur so um sich wirft, macht zweifellos Eindruck in einer Epoche, die es vorzieht, ihren geringen Appetit auf Lyrik mit viel Hörensagen zu zügeln. "Du erklirrende, entheilende Gestalt": Wer Präfixe gebraucht, um die Aussage (s)eines Gedichts mutwillig zu verunstalten, muss sich weniger um die Künstlichkeit seines Denkens scheren als um dessen Verseuchung mit Kitsch. Unser Gedicht fand jetzt aktuell Aufnahme in den Gedichtband Frankfurter Bibliothek der Brentano-Gesellschaft. "Es ist schon faszinierend, was künstliche Intelligenz alles so vermag", schrieb ein Vertreter des honorigen Vereins prompt an den STANDARD. Doch ist es das wirklich?

    Aneinanderreihung willkürlicher Effekte

    Effekt macht das Gedicht Sonnenblicke auf der Flucht auch nach mehrmaliger Lektüre vornehmlich dann, wenn man lyrisches Schreiben als Aneinanderreihung willkürlicher Effekte versteht. Als Erzeugen von Wirkungen, die man sich als umso befremdlicher vorzustellen hat, als ihr Sinn "dunkel" zu sein hat. Jedes Kind weiß, dass Poesie sich seit alters her – warum auch immer – uneigentlich ausdrückt, geschraubt und verblasen. Selbst ihre Besten, Goethe und Schiller, konnten es einfach nicht einfacher sagen. Zum banausischen Aspekt des Experiments gehört übrigens, dass der künstliche Dichter mit Wortmaterial der beiden Weimarer Klassiker gedopt worden ist.

    "Kreativität wurde bis dato ausschließlich dem Menschen zugeschrieben – ein wesentliches Merkmal, das ihn so einzigartig macht. Doch die KI perfektioniert das Nachahmen des Menschen und zwingt uns, die Definition von Kreativität zu überdenken." Das betont Michael Katzlberger, Geschäftsführer von TUNNEL23. Seinen Optimismus will man nicht ohne weiteres teilen. Noch hat die KI einen langen Weg vor sich, ehe Dichterlorbeer ihre Hardware kränzt. Bis dahin wird auch geklärt sein, wer dieser unterzeichnende "Hirosaki" ist. (Ronald Pohl, 22.3.2018)

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