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21. März 2018, 18:36

"Gesindel", "Terrorschlampe" oder "IS-Braut" – rassistische Beschimpfungen wie diese gehören für die 25-jährige Brenya zum Alltag. Seit sie sich 2011 für das Kopftuch entschieden hat, wurde es aber besonders schlimm. Immer wieder wird sie auch bespuckt oder angerempelt, wegen ihr sei außerdem "das Öl so teuer". "Ich wusste auch nicht, dass ich da als Afrodeutsche was dafür kann. Ich hab nicht mal ein Auto."

Seit 2013 lebt die Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers in Wien, aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf in Deutschland, später hat sie auch in Hamburg gewohnt. Obwohl auch Wien eine Großstadt ist, habe sie sich in der Hansestadt deutlich wohler gefühlt. Die Menschen seien wesentlich toleranter gewesen, das gesellschaftliche Klima ein anderes. Trotz aller Beleidigungen, die sich die Studentin schon anhören musste, habe sie nie überlegt, das Kopftuch abzulegen. "Aber beim Warten auf die U-Bahn stehe ich nicht mehr so nah am Bahnsteig, weil ich Angst habe, auf die Gleise geschubst zu werden."

Rassismus und Übergriffe auf Musliminnen und Muslime nahmen in den vergangenen Jahren zu, das bestätigt auch der aktuelle Zara-Report. Abseits konkreter Zahlen kann Geschäftsführerin Claudia Schäfer von langfristigen Trends berichten: "Antimuslimischer Rassismus hat sehr stark zugenommen – sowohl im Netz als auch auf der Straße."

Genauer gesagt sei es Hass gegen Flüchtlinge, der stark anstieg, aber viele Menschen würden das in einen Topf werfen, sagte die Zara-Geschäftsführerin. "Für Menschen, die schon lange hier leben und muslimischen Glauben haben, ist das der absolute Wahnsinn." Schäfer attestiert Österreich einen "rassistischen Grundkonsens", andere Diskriminierungen würden nämlich zugleich nicht abnehmen.

Davon kann der in Kinshasa geborene Persy erzählen. "Erst vor wenigen Tagen hat mich jemand auf der Straße angehupt und mir den Hitlergruß gezeigt", erzählt der 28-Jährige, der mit sechs Monaten nach Wien kam und sein ganzes Leben hier verbracht hat. In der U-Bahn zeigte ihm jemand demonstrativ eine Tätowierung mit dem Schriftzug "Arier". Der VWL-Student und Inklusionspädagoge wird auch in regelmäßigen Abständen von der Polizei kontrolliert und in Clubs nicht hineingelassen. "Geschlossene Gesellschaft" heißt es dann oft, obwohl kurz darauf Menschen weißer Hautfarbe den Club betreten dürfen, ohne aufgehalten zu werden. In einem Fall hat ihm ein Türsteher sogar direkt gesagt, er habe die Anweisung von seinem Chef, keine Schwarzen mehr hineinzulassen.

"Ich stehe nicht mehr so nah am Bahnsteig, weil ich Angst habe, auf die Gleise geschubst zu werden."

Verschiedene Strategien

Wie Betroffene mit Rassismus umgehen, ist unterschiedlich. Brenya steht weiter weg von den U-Bahn-Gleisen, Persy unterdrückte seine Emotionen, um nicht der "schwarze aggressive Mann" zu sein, den viele in ihm vermuten. Auch äußerliche "Anpassungen" sind verbreitet: Persy entschied sich nach vier Jahren gegen Dreadlocks, "um in diesem System durchlässiger zu funktionieren, um meine Ziele besser zu erreichen", wie er sagt. Brenya legte traditionelle, muslimische Gewänder ab und trug stattdessen buntere Kleidung. Auch bei Zara beobachtete man aktuell, dass sich viele Betroffene immer mehr zurückziehen würden. Sie würden weniger mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren oder "nur noch mit der Freundin in den Park gehen", sagt Schäfer.

Bei der 26-jährigen Vanny ging es so weit, dass sie sogar eine Zeitlang ihre Herkunft leugnete. "Ich habe eigentlich das 'Glück', dass man mir nicht gleich ansieht, dass ich keine 'wirkliche' Österreicherin bin." Dabei ist sie das: Schon als Baby kam sie mit den serbischen Eltern nach Wien, sie ging hier zur Schule und zur Uni, hat die Staatsbürgerschaft. Und dennoch: Nennt sie ihren vollen Namen, kommt meistens der Nachsatz: "Und woher kommst du eigentlich?" Eine Frage, die Vanny belastet. "Das Problem ist aber ja nicht die Frage an sich, sondern dass ich ganz genau weiß, was danach kommt. Nämlich 'Wow, du sprichst aber gut Deutsch.'" Oder 'Du schaust ja gar nicht so aus!'" Als Teenager habe sie es deswegen vermieden, ihren Nachnamen zu nennen.

Als Bundeskanzler Sebastian Kurz im deutschen Fernsehen Ende Jänner sagte, "dass gegen Menschen, die reich sind, die viel verdienen, gehetzt wird", wurde Vanny wütend. So wütend, dass sie auf Twitter unter #reichenhetze begann, ihre Erfahrungen mit Rassismus zu schildern.

Vanny beschrieb zum Beispiel eine Autofahrt mit einer Schulfreundin und deren Vater durch den 16. Wiener Gemeindebezirk. Da habe der gesagt: "Schau mal, Schatz, das ist der 16. Da wohnt das ganze Ungeziefer – die ganzen Jugos und Albaner." Von ihrem serbischen Migrationshintergrund habe der Mann gewusst.

Angst vor Retraumatisierung

Auch Brenya postete unter #reichenhetze – und empfand die Aktion im ersten Moment schon als wirksam. "Es war aber schon auch retraumatisierend", sagt Brenya, vor allem, wenn ihr ihre Erfahrungen abgesprochen werden und etwa mit "Stell dich nicht so an" reagiert werde. Davor hatte auch Vanny Angst, weswegen sie zunächst zögerte, den Aufruf zu starten. Dass so viele Rückmeldungen kamen, habe sie einerseits gefreut, "aber andererseits habe ich da sehr schlimme Sachen gelesen, schlimmer als erwartet". Viele berichteten über strukturelle Benachteiligung in der Schule, von abfälligen Bemerkungen im Alltag bis hin zu Übergriffen und Gewalt.

Oft fangen Beschimpfungen noch vor der Schule an – bereits im Kindergarten wurde Persy "Persil Negerpearls" genannt, in der Schule gehörten Beschimpfungen wie "Neger" oder "Sklave" für ihn zum Alltag, fast immer war er das einzige schwarze Kind in der Klasse. Unterstützung bekam er kaum – Klassenkollegen konnten nicht nachvollziehen, was Beschimpfungen wie diese in ihm auslösten. Zu Beginn habe er noch Hilfe bei seinen Lehrern gesucht, sei aber auf Unverständnis gestoßen. "Das ist ja nicht so schlimm", "Reg dich nicht so auf" oder "Es ist ja nur ein Wort" waren Reaktionen, die er häufig hörte.

Auch Brenya hat rassistische Erfahrungen während ihrer Ausbildung in Wien gemacht und nicht das Gefühl gehabt, sie könne sich jemandem anvertrauen. Sie meldete einen islamfeindlichen Vorfall nur der "Dokumentations- und Beratungsstelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus", weil sie befürchtete, eine Meldung bei der Direktion könnte negative Konsequenzen für sie haben.

Besonders wenn Lehrpersonen involviert sind, sei die Aufarbeitung zentral, sagt Sonia Zaafrani von der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB). Bei dem gemeinnützigen Verein, den es seit Anfang 2017 gibt und der sich über Spenden finanziert, kann man Fälle von – nicht nur rassistischer – Diskriminierung im Bildungsbereich melden. Zaafrani erzählt beispielsweise von einem Geschichtelehrer in einem Wiener Gymnasium, der in die Klasse fragte, was der Unterschied zwischen Juden und Türken sei. "Die Juden haben es schon hinter sich", teilte er seinen Schülern mit. Notwendig gewesen wäre für Zaafrani ein Workshop über Antisemitismus und Rassismus für die ganze Klasse – die Direktion habe aber lediglich ihre Bestürzung ausgedrückt.

Wenn Aussagen wie diese so stehenbleiben würden, habe das "nicht nur einen Schaden für die direkt Betroffenen, sondern auch für alle anderen Zeugen, die lernen, dass das in Ordnung ist". Viele Betroffene vertrauen sich aus Angst vor negativen Auswirkungen für sie selbst gar niemandem an – von den der IDB gemeldeten knapp 50 Fällen aus dem Jahr 2016 suchten weniger als 30 Prozent Unterstützung. Zudem würden die Erfahrungen oft relativiert oder es gibt für die Lehrkräfte keine Konsequenzen – wie im Fall des Geschichtelehrers: "Am Ende des Tages sitzen dieselben Schüler mit denselben Lehrern in der Klasse, aber die Lehrer wissen meistens, wer sie gemeldet hat."

foto: apa
Zara und die Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen fordern, dass sich die Diversität der Schülerinnen und Schüler auch im Lehrpersonal widerspiegelt.

Rassistische Erfahrungen können sich außerdem negativ auf den Bildungserfolg auswirken, sagt Zaafrani, die hauptberuflich als Ärztin tätig ist. Durch Stresssituationen wie diese sei es schwieriger zu lernen, neues Wissen aufzunehmen und zu verarbeiten. Betroffene könnten zudem eine Abneigung gegen oder Furcht vor der Schule entwickeln – erst kürzlich bestätigte auch eine OECD-Studie, dass Schüler mit Migrationshintergrund öfter Schulängste haben. Die Jugendlichen seien auch zunehmend traurig, isoliert und könnten depressive Zustände entwickeln, sagt Zaafrani.

"In der Schule kann man Vorurteile lernen, aber auch wieder verlernen."

Derzeit gebe es kaum ein Bewusstsein dafür, dass Diskriminierungen, teils Kinderrechtsverletzungen stattfinden, kritisiert Zaafrani. Das sei besonders schade, weil "man in der Schule Vorurteile lernen, aber auch wieder verlernen kann". Was die IDB und auch Zara fordern, sind unabhängige Meldestellen und Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer – die aber verpflichtend sein sollen. "Sonst melden sich nur Menschen, die sich der Problematik schon bewusst sind, und die, die es am nötigsten hätten, nicht", sagt Zara-Geschäftsführerin Schäfer.

Zaafrani stimmt da zu. Über solche Fortbildungen könnte man einiges erreichen, sie seien aber "nicht mit dem Erfahrungsschatz eines ganzen Lebens vergleichbar". Eine weitere Forderung der IDB ist daher mehr Diversität beim Lehrpersonal und den Direktoren, um "interkulturelle, sprachliche Kompetenzen in den Unterricht einbringen zu können", wie Zaafrani sagt.

Oktopus statt schwarzer Mann

Auch Persy sagt, ihm hätte es geholfen, Lehrpersonen mit Migrationshintergrund um sich zu haben – als Vorbilder. "Sobald ich es sehe, kann ich es mir vorstellen und kann über die mir zugesprochene Rolle, die limitiert ist, hinauswachsen." Was Persy geholfen habe, was ihn habe "weitermachen und durch das System kommen lassen", war der Rückhalt seiner Eltern. Von seinen Erfahrungen erzählte er ihnen zwar nur selten, aber zu Hause verurteilten sie Rassismus, den sie selbst erlebt hatten, immer wieder aufs Schärfste.

Wichtig für Persy sei aber auch die Unterstützung durch kompetente Lehrpersonen ohne Migrationshintergrund gewesen, etwa von seiner Volksschullehrerin. Sie spielte mit den Kindern statt "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" "Wer hat Angst vorm Oktopus". (Lara Hagen, Noura Maan, 21.3.2018; Titelbild: Rami Ali)

WISSEN: Rassismusreport von Zara

Mit 1.162 rassistischen Vorfällen, die Zara (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) 2017 dokumentiert und bearbeitet hat, hat die österreichweit tätige Organisation im Vergleich zu den zehn vergangenen Jahren einen neuen Höchststand verzeichnen müssen.

Rassistische Artikel, Kommentare und Postings, die über Onlineportale oder soziale Netzwerke verbreitet wurden, machen 44 Prozent aller von Zara dokumentierten Fälle aus, dabei spielen soziale Netzwerke die größte Rolle.

15 Prozent der Fälle fanden im öffentlichen Raum statt, zwölf Prozent beim Zugang zu Dienstleistungen und Gütern – erschwerte Wohnungssuche wurde von der Organisation besonders hervorgehoben.

Einen weiteren Trend beobachtet Zara seit dem Sommer 2015: Online richten sich Hass und Hetze demnach am häufigsten gegen Musliminnen und Muslime sowie Geflüchtete. Auch offline werde die Agitation insbesondere gegenüber Personen, die als Muslime wahrgenommen werden, härter. Besonders betroffen seien Frauen mit Kopftuch. (Mehr dazu lesen Sie hier)



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