Die Liebe ist ein seltsamer Code

21. März 2018, 07:32
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Liebe wird noch immer als höhere Macht empfunden, auch in Zeiten von Tinder, Onlinedating und Sexrobotern

"Liebe wird oft überbewertet", heißt es in einem legendären Song der Lassie Singers. Die Band steht mit diesem und thematisch anschließenden Titeln wie Die Pärchenlüge ziemlich verlassen da in einem popkulturellen Musikuniversum, das zu gefühlten 98 Prozent aus Nummern besteht, die sich in irgendeiner Form um den Großkomplex Liebe drehen. Wobei wir mit dem Stichwort "gefühlt" schon mitten im Thema wären. Denn gefühltermaßen kann man Liebe kaum überbewerten in unseren heutigen Lebensmodellen. Das Monopol der langlebigen Zweierbeziehung (oder eben ihr Fehlen) prägt und gestaltet einen guten Teil unseres Alltags.

Doch was bedeutet Liebe heute? Bröckelt das romantische Liebesideal in Zeiten von Tinder, Youporn und Sexrobotern? Wird die Liebe immer mehr zu einem Geschäft auf Zeit, das den marktkapitalistischen Gesetzen des rationalen Abwägens und Entscheidens folgt? Oder wird die Sehnsucht nach einem konservativen Modell der klassischen Paarbeziehung in Zeiten von Digitalisierung und Anonymisierung immer drängender, wie Wertestudien unter Jugendlichen nahelegen?

Altmodische Anbahnung

Diese verschiedenen "Moden in der Liebespraxis" sind für Kornelia Hahn, Soziologin an der Universität Salzburg, kein Widerspruch. "Wir sehen in unserer Forschung, dass gerade die neuen Kommunikationstechnologien ältere Anbahnungsformen wiederaufleben lassen." Schließlich ist es ein Merkmal von Datingportalen, dass man sich erst einmal nicht persönlich trifft, sondern mithilfe von ausführlichen schriftlichen Chats scannt, mit wem man wirklich zusammenpassen könnte.

Das war in prädigitalen Zeiten nicht viel anders: Heiratsvermittler, Zeitungsannoncen und Briefwechsel setzten Beziehungen ebenso schriftlich in Gang. "Das Finden eines Partners auf Distanz ist nicht neu, nur die Art des Mediums", sagt Hahn. "Gerade jene, die eine Langzeitbeziehung anstreben, setzen auf eine lange vorgelagerte Kommunikation, bevor sie sich auf eine intime Beziehung einlassen."

Keine Frage: Durch Apps wie Tinder, die sekundenschnelles Matchen von Profilen erlauben, durch Speeddating- und Seitensprungportale gibt es ganz neue Möglichkeiten, schnell eine Menge Kontakte zu knüpfen und unverbindliche Liebesbedürfnisse jeder Art auszuleben. Letztlich ist dadurch auch das "Menü" an potenziellen Partnern, aus dem man auswählen kann, deutlich vielfältiger geworden.

Vorstellungen von der romantischen Liebe

Und doch: Auch Internet und Social Media haben nicht zu einer strukturellen Veränderung der Vorstellungen von der romantischen Liebe geführt, wie Kornelia Hahn herausgefunden hat. In einer Studie, in der sie auf Parship veröffentlichte "Erfolgsgeschichten" analysierte, zeigte sich, dass die glückliche Zusammenführung von den betroffenen Paaren nicht etwa als etwas empfunden wird, das durch Algorithmen und aktives Handeln der Beteiligten zustande gekommen ist, sondern dem Einfluss einer "höheren Macht" zugeschrieben wird.

Was steckt hinter dieser ominösen Macht der Liebe, die uns zu Beginn der Verliebtheit den Schweiß auf die Stirn treibt und uns später zusammenschweißt? Abgesehen davon, dass sie evolutionsbiologisch gesehen schlicht der Erhaltung unserer Art dienen dürfte, ist sie ein kulturell bedingtes Konstrukt. "Das Konzept der romantischen Liebe entstand in Romanen des 18. Jahrhunderts, lange bevor es gelebt wurde, und hängt eng mit der Entwicklung des Individualismus zusammen", sagt Hahn. "Seit dem Zweiten Weltkrieg setzt sich dieses Ideal in großen Bevölkerungsteilen durch." War die Paarbeziehung bis dahin weitestgehend ein vernunftbasiertes, pragmatisches Instrument zur Existenzabsicherung bzw. -aufwertung, sieht das kulturelle Skript des Romantikbegriffs vor, dass die Liebe ganz plötzlich in unser Leben tritt, auf den ersten Blick. Schicksalshaft, unbegründbar und ohne eigenes Zutun. Sie ist einzigartig und ewig während.

Das klingt nach einem Hollywoodschinken? Ist es auch. Zumindest wenn es nach Soziologen wie Niklas Luhmann geht, der bereits Ende der 1960er-Jahre konstatierte, Liebe sei kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, eine Gefühlsdeutung, die auf medial erzeugten Bildern, sprich: Filmen beruht. "Es gibt eine Wechselwirkung zwischen den Vorstellungen von romantischer Liebe, wie sie in Hollywood-Filmen reproduziert werden, und den sozialen Normen, die sich im Alltag dadurch entwickeln", sagt Hahn. Auf die Art hätten sich die Grundmuster der romantischen Paarbeziehung immer weiter verfestigt – auch wenn sie nur selten dauerhaft aufrechterhalten werden können. Nach demselben Prinzip funktioniere auch Youporn, an dem sich immer mehr Jugendliche orientieren: "Das, was Hollywood nicht zeigt, geht bei Youporn weiter. So verfestigen sich Vorstellungen von sexuellen Erfahrungen."

Virtueller Liebesrausch

Die Zukunft hält aber noch ganz andere Liebestechnologien bereit: Personalisierte Sexroboter, gepimpt mit künstlicher Intelligenz, sollen zu ungeahnten Höhepunkten führen, digitale Avatare zum virtuellen Liebesrausch verhelfen. Oder einfach als nette Lebensgefährtin dienen, so wie die holografische Assistentin Azuma Hikari, die die Gatebox, eine japanische Version des Amazon Echo, bewohnt und angeblich das Leben ihres "Meisters" versüßen will. Der Zukunftsforscher Matthias Horx spricht in seinem Buch Future Love vom "digitalen Outsourcing des Sex". Der britische Futurologe Ian Pearson ist gar überzeugt, dass wir bis 2050 Sex mit Maschinen haben werden, die an unserem Nervensystem angeschlossen sind und eine ultimative Verbundenheit simulieren werden können.

Doch kann man mit einem Roboter eine Liebesbeziehung eingehen, sich unsterblich in ein Betriebssystem verlieben, wie in Spike Jonzes Film Her? Warum nicht, meint Kornelia Hahn: "Wenn es subjektiv Sinn ergibt, können romantische Gefühle auf Roboter genauso wie auf reale Personen projiziert werden. Und wenn man davon ausgeht, dass es sich bei der Liebe immer um eine Idee, eine soziale Erfindung handelt, verschwimmt auch der kategoriale Unterschied zwischen Mensch und Maschine."

Auch wenn sich die Existenz der wahren, einzigen Liebe fürs Leben sich empirisch nicht bestätigen lässt, wird sich die Menschheit nicht so schnell abbringen lassen von ihren romantischen Vorstellungen – mit oder ohne technische Hilfsmittel. Ganz im Gegenteil, wie Hahn feststellt: "Der Wunsch, eine romantische Beziehung zu führen, ist konstanter denn je. Der Höhepunkt ist noch nicht erreicht." (Karin Krichmayr, 21.3.2018)


Schwerpunkt Gefühle

Der Frühling weckt Lebensgeister, sagt man: Das soll an der Sonne, am Licht und an der Wärme liegen. Der im Winter erhöhte Spiegel des Melatonins, des schlaffördernden Hormons, geht zurück, dafür tritt sein Gegenspieler, das glücklich machende Serotonin, in den Vordergrund. Deswegen verlieben wir uns in dieser Jahreszeit viel leichter als in kalten Tagen. Wir sind fröhlicher, aktiver. Natürlich beschäftigen uns die meisten Gefühle auch in anderen Jahreszeiten. Glücklich kann man selbstverständlich auch im Winter beim Skifahren sein. Von manchen Gefühlen scheinen wir besessen zu sein. Vor allem Hass im Netz ist allgegenwärtig. Es gibt Gefühle, die uns die Evolution beigebracht hat (Angst), die unser Leben retten können, aber teilweise auch kulturell bedingt sind (Ekel). Macht uns das einzigartig?

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Phänomen Ekel: Was ist ein Graus?

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    Alte Liebe rostet nicht, heißt es. Das gilt auch im digitalen Zeitalter. Romantische Gefühle kann man in Chats genauso ausdrücken wie in Briefen – oder mit einem Bussi.

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