Vernetzung der Zivilgesellschaft

Kolumne20. März 2018, 16:34
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Die Stimmung in Österreich hat sich gedreht, doch eine neue Allianz will gegensteuern

Ein Pfarrer aus Niederösterreich berichtet mit einem Facebook-Video von der harten Abschiebung einer gut integrierten syrischen Familie (dadurch fällt ein Kind, das durch Traumatisierung nicht sprechen kann, um die Therapie um). Die harten Abschiebungen konzentrieren sich auf gut Integrierte, denn die findet man leichter als Afghanen, die aus dem Gefängnis entlassen werden.

Die Rechts-rechts-außen-Regierung streicht Mittel für Integration (Sprachkurse) von Flüchtlingen und von hier geborenen Migrantenkindern, die derlei bitter notwendig hätten.

Und: Die Stimmung in der Bevölkerung habe sich "stark gedreht", wie der ehemalige Raiffeisenchef und Flüchtlingskoordinator Christian Konrad jetzt bei der Vorstellung der zivilgesellschaftlichen Allianz "Menschen.Würde.Österreich" (www.mwoe.at) sagte.

Aber: Es gibt nach einer Schätzung des Forschungsinstituts für Zivilgesellschaft (www.fiz.ac.at) rund 500.000 Menschen in Österreich, die sich auf ehrenamtlicher Basis für Asylwerber und andere Bedürftige einsetzen.

Diese aktiven Bürger gilt es miteinander zu vernetzen, denn sie empfinden sich oft "als Einzelkämpfer, und das entmutigt", sagt Christian Konrad. Der ehemalige Raiffeisenboss galt als überaus durchsetzungsstark und hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Konrad ist aber humanitär, christlich motiviert, und deshalb baut er jetzt mit einigen Mitstreitern an der Allianz, der sich schon eine Reihe von kleineren und großen Initiativen angeschlossen hat.

Vernetzung der Zivilgesellschaft, das ist der Schlüsselbegriff. Das Bewusstsein, "wir sind viele" – das man in einem Klima der Gedankenlosigkeit, der Ablehnung und auch des blanken Hasses dringend braucht. Die Allianz fordert daher auf, sich über die Website und später auch persönlich zu vernetzen.

Helga Longin von "Unser Bruck hilft", sagte bei der Präsentation, man sei "anfangs vielleicht blauäugig" gewesen, in zweierlei Hinsicht: einerseits was die unterschiedliche Kultur vieler Betreuter betreffe, andererseits in der Erwartung, das offizielle Österreich wisse, was zu tun sei.

Die Aktion ist natürlich auch politisch. Die Stimmung in Österreich hat sich gedreht, zum Teil aus nachvollziehbaren Gründen, zum Teil aber auch, weil die jetzige Regierung nicht pragmatisch-lösungsorientiert, sondern rein repressiv vorgeht.

Das passt in das größere Bild eines Rechtsrucks, mit dem nicht die echten Probleme angegangen werden, sondern – im günstigen Fall – auf populistische Weise nur Ressentiments bedient werden. Das wiederum verlangt nach Vernetzung derer, die sich von der rechten Welle nicht überrollen lassen wollen. Das gebietet die Vernunft. Nicht nur viele Flüchtlinge, sondern auch viele schon lange ansässige Migranten müssen eingebunden werden. Österreich kann sich nicht leisten, einen großen Teil seiner Jugend als Subproletariat mit AMS-Karriere heranwachsen zu lassen. Wenn das die Regierenden nicht begreifen, muss die Zivilgesellschaft einspringen. (Hans Rauscher, 20.3.2018)

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