Wahlbeeinflussung via Facebook: Skandal lenkt vom Wesentlichen ab

Kommentar20. März 2018, 14:06
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Die Affäre um Cambridge Analytica kommt vielen entgegen, die einfache Erklärungen für Brexit und Trump-Erfolg suchen. Auch dem US-Präsidenten könnte sie helfen – vorerst

Streng geheim ist die Sache nun jedenfalls nicht mehr. Und allzu genau scheint es Cambridge Analytica mit der Geheimhaltung auch nicht genommen zu haben. Das wird deutlich, wenn man sieht, wie offen CEO Alexander Nix im Channel-4-Video über windige Methoden spricht. Die britisch-amerikanische Firma war seit der Wahl Donald Trumps immer wieder in den Medien. Stets wurde sie dabei als Geheimwaffe vorgestellt, als Firma, der wie durch Zauberhand die Massenbeeinflussung im Internet gelingt. Und als Unternehmen, das im Handstreich Wahlen entscheiden kann. Die Aura des Geheimnisvollen kam ihr selbst dabei zugute. Sie hatte Werbewert, und sie ersparte es dem Unternehmen, Beweise für die Wirksamkeit seiner Methoden vorzulegen.

Anderen half das Phantom aus dem Netz dabei, Wahlausgänge zu verstehen, deren tatsächlichen Gründen sie sich nicht stellen wollen. Schließlich ist es viel einfacher, die Brexit-Entscheidung durch eine mysteriöse Massenpsychose aus dem Netz zu erklären als durch die Unzufriedenheit vieler Briten mit den Entscheidungen für offene Märkte und offene Grenzen, die sie Brüssel zuschrieben. Gleiches gilt für die USA: Wer sich nicht erklären kann, dass ein entscheidender Teil der US-Wählerinnen und -Wähler einen polternden, rassistischen Kandidaten mit den Werten der 50er-Jahre einer modernen früheren Außenministerin vorzieht, findet Trost in der Idee der Beeinflussung. Eigene Prioritäten und den eigenen Wahlkampf muss man dann nicht mehr hinterfragen. Das gilt für Cambridge Analytica ebenso wie für die russischen Versuche, in die Wahl einzugreifen.

Willkommenes Erklärungsmodell

Das alles heißt nicht, dass es keinen Einfluss gab. Natürlich sind die Fragen aufzuklären, die sich nun ergeben. Die US-Bürger müssen Sicherheit darüber haben, ob und welchen Einfluss Russlands es auf ihre Wahl gab, und sie müssen auch sicher sein, dass ihr Präsident nicht erpressbar ist – nicht von einem Staat und nicht von einer Firma. Und selbstverständlich ist eine gründliche Untersuchung nötig, wenn der Chef eines Lobbykonzerns freimütig erklärt, 200 Wahlen auf allen Kontinenten beeinflusst zu haben – mit Methoden, die zwar nicht immer in den Bereich der Hightech fallen, die aber Grenzen des Ethischen überschreiten und die jenen der Gesetze zumindest nahekommen.

Wer vom aktuellen Skandal profitiert, ist nicht ganz sicher: Möglich ist, dass er US-Präsident Donald Trump eine gewisse Atempause verschafft. Die Aufmerksamkeit ist nun jedenfalls auf eine jüngst noch obskure westliche Internetfirma konzentriert statt auf die Pläne des Kremls. Zumindest so lange, bis die möglichen Verbindungen zwischen den beiden stärker bekannt werden.

Dämpfer für Präsidentschaftsambition

Bleibt das Problem, das sich für Facebook und dessen User auftut: Das Krisenmanagement in Menlo Park lässt nicht darauf schließen, dass der Konzern ernst meint, was er seit Monaten sagt. Im Gegenteil: Offenbar hat das Unternehmen bisher herzlich wenig getan, um der Verbreitung politisch gestreuter Falschinformationen und dem Missbrauch von Userdaten auf den Grund zu gehen – oder zumindest versagt, als es darum ging, konkrete Gegenmaßnahmen zu setzen. Auch den Verdacht der Vertuschung gilt es nun aufzuklären.

Cambridge Analytica mag die eigenen Erfolge beim Griff in das Gehirn der Wählerinnen und Wähler übertrieben haben, um so weitere Kunden zu gewinnen. Dass sich aus Facebook-Accounts psychologische Profile gewinnen lassen, ist aber keine Hokuspokus-Ansage, sondern wissenschaftlich untermauert und seit Jahren bekannt. Für viele Firmen ist es Teil ihres Webekonzepts, und für Facebook selbst damit ein entscheidender Teil der eigenen Marketingstrategie. Das Unternehmen hätte aber weit mehr tun müssen, um seine Kunden zu schützen. Das wiegt auch für CEO Mark Zuckerberg schwer, dem bisher Ambitionen nachgesagt wurden, selbst für das Weiße Haus zu kandidieren. (Manuel Escher, 20.3.2018)

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