Das Dorf Awra Amba: Eine äthiopische Utopie

    23. März 2018, 06:00
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    Im Norden Äthiopiens liegt ein Dorf, in dem Religion tabu und Gleichberechtigung gern gesehen ist. Wir besuchten den Gründer, einen Analphabeten mit Ehrendoktorat

    Ein vom Rost zerfressenes Schild am Straßenrand weist auf das Ziel hin: "Awra Amba – Cultural Tourism Destination". Sanfte Hügel erheben sich hinter den Wellblechdächern der knapp 100 Lehmhütten, die Böden sind karg, die Wege holprig, die Stimmung ist gut. Einige Kinder singen, während sie aus dem Dorfplatz in der äthiopischen Provinz Amhara ein Fußballfeld machen. In der Webstube sitzen eine Handvoll Männer und Frauen und beenden gerade ihr Tagewerk.

    "Einen Frauenberuf wie das Weben auszuüben schmälert meine Männlichkeit nicht. Es schmälert meine Ignoranz." Zumra Nuru lächelt, als er mit sanfter Stimme diese Worte spricht. Spitzbübisch, einnehmend, auch wenn dem 68-Jährigen nicht viele Zähne geblieben sind. Seine ausladende Gestik hält den gesamten Oberkörper in Bewegung, samt grüner Quastenhaube, die er seit vielen Jahren rund um die Uhr trägt. "Sie erinnert mich an die einsamen Jahre, als ich nachts auf Bäume geklettert bin, um mich vor wilden Tieren zu schützen", erzählt er.

    Bereits als Kind konnte Zumra die Ungerechtigkeiten, die ihn zu Hause und in seiner Dorfgemeinschaft im Norden Äthiopiens umgaben, nicht ertragen: "Meine Mutter arbeitete tagsüber wie alle auf dem Feld. Daheim angekommen, sammelte sie Feuerholz, kochte, holte Wasser vom Brunnen, putzte, stillte das Baby, kümmerte sich um die Kinder und wusch meinem Vater die Füße. Sie hatte kaum Zeit zu schlafen. Doch statt ihr etwas von der Hausarbeit abzunehmen, beleidigte und schlug mein Vater sie."

    Auf Wanderschaft

    Im Alter von dreizehn Jahren verließ Zumra sein Zuhause, um Menschen zu finden, mit denen er gemeinsam eine Zukunft aufbauen konnte, die auf Geschlechtergerechtigkeit, dem besonderen Schutz von Kindern, Alten und Schwachen und gegenseitigem Respekt fußt. Fünf Jahre Wanderschaft, an die heute die grüne Mütze erinnert, brachten ihm außer diversen Gefahrensituationen, Hunger, Durst, Unverständnis und Ablehnung nichts ein. Zumra verzweifelte und kehrte in sein Heimatdorf zurück, um wie jeder andere auch der Landwirtschaft nachzugehen.

    Seine Eltern arrangierten eine Ehe für ihn, doch seine Frau verließ ihn bald und erklärte ihn für verrückt, da er seine gesamten Einkünfte an Menschen in Not verteilte. Nach vier Scheidungen wanderte Zumra erneut los. Bei einer Gruppe von etwa 100 alewitischen Bauern stieß er mit seinen Visionen auf offene Ohren. Sie waren bereit, ihre Religionszugehörigkeit aufzugeben, um mit Zumra ein Dorf zu gründen, in dem alle Weltreligionen abgelehnt werden. Ein außergewöhnlicher Schritt in einer Region, in der Religion – allen voran die äthiopisch-orthodoxe Kirche – omnipräsent ist und der Wallfahrtsort Lalibela mit seinen weltbekannten Felskirchen liegt.

    Zehn Touristen pro Tag

    So entstand im Jahr 1972 das Dorf Awra Amba. Die harten Anfangsjahre, in denen der Hunger steter Wegbegleiter war, die Flucht vor dem äthiopischen Militärregime in den 1980er-Jahren, Feindseligkeiten der Nachbardörfer, die sich vor allem auf Zumras Ablehnung des Christentums und des Islams bezogen und in einem Bombenattentat auf Awra Amba kulminierten, gehören der Vergangenheit an. Zumra hat das Dorf zu bescheidenem finanziellem Wohlstand geführt. Die 500 Dorfbewohner bezeichnen ihn als ihren Vater. Auch vier leibliche Kinder hat er, drei leben in Awra Amba, eines besucht die Universität in Addis Abeba. Zumra selbst hat nie lesen und schreiben gelernt. Die Jimma University hat ihm 2010 für seine Philosophie die Ehrendoktorwürde zuerkannt.

    Awra Amba hat es in einige Äthiopien-Reiseführer geschafft, sie bescheren dem Dorf im Schnitt zehn Touristen pro Tag. Die bekommen einen Kindergarten zu sehen, eine Schule und ein Altenheim, finanziert von der gemeinsamen Kasse, in die alle arbeitsfähigen Dorfbewohner einzahlen. Männer sitzen an Webstühlen oder tragen ihre Babys – ein ansonsten nie gesehenes Bild in Äthiopien. Dienstags steht für alle Gemeinschaftsarbeit auf dem Programm, aber gearbeitet wird sieben Tage pro Woche, 52 Wochen im Jahr. Wo es keine Religion gibt, gibt es auch keine Feiertage.

    Tafel und Kreide

    Auch Verbotsknappheit herrscht in Awra Amba nicht: kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Christentum, kein Islam, keine bösen Taten, keine bösen Worte, keine Feiern, weder Hochzeiten noch Beerdigungen. Doch brauchen wir Menschen nicht die besonderen Anlässe, um unsere familiären und freundschaftlichen Bindungen zu stärken? "Ich glaube nicht. In Awra Amba arbeiten wir täglich an unserem sozialen Miteinander. Und wenn es Probleme gibt, die wir allein nicht lösen können, dann nimmt unser Problemidentifizierungs- oder das Beschwerdekomitee seine Arbeit auf", antwortet Zumra und lächelt. In Awra Amba gibt es ein Haupt- und elf Unterkomitees. 63 Dorfbewohner sind in diesen vertreten, mehr als zehn Prozent der Einwohner.

    "Jeder kann seine eigenen, freien Entscheidungen treffen", antwortet Zumra auf die Frage nach einem möglichen Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit. Wenn ein Jugendlicher das dritte Mal beim Rauchen erwischt wird, wird er der Dorfgemeinschaft verwiesen. Also sind die Entscheidungen doch nicht ganz so frei? Zumra lächelt. "Kinder sind wie Schultafeln, Eltern sind die Kreide. Es dreht sich alles um die Vorbildfunktion. Wenn unsere Kinder sie rauchen sähen, dann würden sie denken, ihr Kopf brennt."

    Modellfunktion

    Nach dem Besuch von Awra Amba lädt Zumra ins 600 Kilometer entfernte Addis Abeba, in den staubigen Innenhof eines kleinen Hauses, das die Dorfgemeinschaft für Zumras Hauptstadtbesuche gekauft hat. Über den Köpfen kreuzen sich Wäscheleinen, einige Hundert Meter weiter oben dröhnen Flugzeuge, die im Zweiminutentakt den nahegelegenen Flughafen anfliegen oder von dort in die Welt, nach Washington, Peking oder Wien, starten.

    Zumra Nuru lehnt sich zurück in einen Plastikstuhl, lächelt und spricht über das Migrationsgeschehen von Afrika nach Europa: "Ich wünsche mir, dass weniger Menschen die gefährliche Reise nach Europa antreten. Der wichtigste Ansatz, um die Menschen hierzubehalten, ist eine neue Konfliktlösungskultur. Da kann Awra Amba hoffentlich eine Modellfunktion übernehmen." Nach dem Gespräch übergeht er die ausgestreckte Hand seines Besuchers einfach und nimmt ihn lange in den Arm. (Frederik Schäfer, RONDO, 23.3.2018)

    • Fünf Jahre lang zog ein Äthiopier als Wanderprediger durch den Norden des Landes. Seine Botschaft: Religion stiftet mehr Unheil als Frieden.
      foto: istock/wilpunt

      Fünf Jahre lang zog ein Äthiopier als Wanderprediger durch den Norden des Landes. Seine Botschaft: Religion stiftet mehr Unheil als Frieden.

    • Die grüne Haube nimmt Zumra Nuru nie ab. Sie erinnert den 68-jährigen "Dorfvater" an einsame Zeiten.
      foto: frederik schäfer

      Die grüne Haube nimmt Zumra Nuru nie ab. Sie erinnert den 68-jährigen "Dorfvater" an einsame Zeiten.

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