Wirtschafts-Uni Wien: Das Paradies der Unentschlossenen

    Userartikel26. März 2018, 09:56
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    Wirtschaft studieren – oder lieber gleich in die Wirtschaft gehen? Wenn schon als Studium, dann eher BW, IBW, VW, Sozök oder doch WiRe? Die Entscheidung fällt zwar schwer – wer aber sagt, dass man sie gleich fällen muss?

    "Lieber Gott (falls es dich gibt) beziehungsweise Liebe Göttin (falls du doch eine Frau bist), habe Erbarmen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Wenn ich der WU-Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger einen unkonventionellen Ratschlag erteilen dürfte, wie sie trotz lästiger Vielleicht-doch-nur-vorübergehend-Studierender nicht in Verzweiflung gerät, dann wäre es dieses kleine Nachtgebet. Obwohl scheinbar "alle" Wirtschaft studieren, muss man es denjenigen, die es tatsächlich tun, immerhin lassen, dass sie sich dabei viele Wege offen halten.

    Erste Haltestelle

    Mit teils erleichtertem, teils selbstironischem Lächeln, blicke ich auf meine bisherige Studienzeit zurück. Auf die Höhen, die Tiefen und das Mittelgebirge meines studentischen Daseins. Auf die erste bestandene, die erste nichtbestandene Prüfung. Auf periodische Glücksgefühle in Zeiten der Monotonie, verstreute Ausgelassenheit in Zeiten der Autonomie. Auf eine Freiheit, die vielleicht gar keine ist – vielmehr ein Kredit, den ich jetzt noch sorglos auskoste, der mich später allerdings noch so einiges mehr kosten könnte. Doch da spricht die Ökonomin in mir, nicht die Studentin; diese entgegnet unbeschwert: "Koste es, was es wolle!"

    Besonders einprägsam ist mir noch der Tag der Inskription in Erinnerung. Der Tag der Entscheidung, wie man meinen möchte. Ich erinnere mich daran, wie bedacht ich war, alles richtig zu machen. Mit meinen fein sortierten Dokumenten stand ich am Schalter und wartete gespannt auf die Einführung. Die Schlange schritt schnell voran, und noch bevor ich realisierte, an der Reihe gewesen zu sein, war ich auch schon wieder draußen. Die Frage, die mich am meisten drängte, blieb offen. Bin ich hier richtig? Mit der Zeit sollte ich entdecken, dass ich mit einem Studium an der WU eigentlich nicht sehr viel falsch machen kann.

    Umsteigen, bitte!

    Auf der WU kann ich wagen, wofür ich sonst mit einem Führerscheinentzug rechnen müsste. Ich kann ohne zu blinken von einer Spur auf die nächste wechseln, auf mehreren Spuren gleichzeitig fahren, auf der Mitte der Strecke reversieren und an Kreuzungen statt haltzumachen einfach weiterdüsen. Sozial- und Wirtschaftswissenschaften heißt der großzügige Überbegriff, der es erlaubt, die verschiedenen Zweige an der WU bis an ihre Grenzen zu erforschen. Bis an den Punkt, an dem man feststellt, dass die Welt doch keine Scheibe ist und der Kreislauf der Dinge einen ungewollt an seinen Ausgangspunkt zurückführen kann.

    Wer denkt, dass man Wirtschaft studiert, weil man wissen möchte, wie die Welt funktioniert, der irrt und hat gleichzeitig auch recht. Genau auf solche Widersprüche muss man sich einlassen, wenn man Wirtschaft studiert. Aus meiner Sicht ist ein Wirtschaftsstudium ein Eingeständnis an die eigene Ignoranz. Man weiß nicht, was man möchte. Man weiß nicht, was die Zukunft bringt. Man möchte nur möglichst unbeschadet irgendwo landen, wo man sich dann hoffentlich keine philosophischen Sinnfragen mehr stellen muss. Dabei gibt es nirgendwo sonst so viel zu hinterfragen wie in der Wirtschaft. Wem kann man es dann verübeln, nicht in der Wirtschaft zu bleiben – vor allem dann, wenn man fast überall mit offenen Armen empfangen wird, sobald man aus der Wirtschaft kommt?

    Endstation

    Vielleicht ist es im vierten Semester noch etwas voreilig, um Schlüsse zu ziehen, doch viel eher als endgültige Aussagen stelle ich hier wohl befristete Vermutungen auf. Wer weiß, wie sehr sich die Welt, die Wirtschaft und die Weltwirtschaft noch verändern werden? Wer weiß, wie sehr ich mich noch verändern werde? Man mag sich fragen, was aus mir wird. In der Zwischenzeit bin ich im Wesentlichen eines: unentschlossen. Zum Glück, bin ich glücklich damit, denn Unwissenheit nährt die Neugier. Der Entschluss kommt zum Schluss. (Anna-Maria Apata, 26.3.2018)

    Anna-Maria Apata, geboren in Wien, hat nigerianische und niederländische Wurzeln, studiert Sozioökonomie und Wirtschaftsrecht an der WU, wo sie anfangs wegen der Volkswirtschaft hin und wegen der Musik wieder weg wollte. Sie schreibt für das WU-Magazin "Steil". Ihre Philosophie: Veränderung ist die einzige Konstante im Leben.

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