Korrelation ist nicht Kausalität: Die Tricks der Forschung

    20. März 2018, 10:32
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    Übertreibungen beginnen oft schon mit wissenschaftlichen Studien selbst – dann folgt PR-Material von Firmen, Universitäten und anderen Institutionen

    Graz/Wien – Den Medien wird oft das Übertreiben von Sachverhalten vorgeworfen. Das gilt auch für die Berichterstattung im medizinischen Bereich. Doch allem Anschein nach sind an der Situation längst nicht nur die Journalisten selbst "schuld". Übertreibungen und Verzerrungen finden sich häufig schon im Basismaterial – etwa in Studien und darauf basierenden Pressemitteilungen.

    Kürzlich fand in an der Grazer Med-Uni die 19. Jahrestagung des "Deutschen Netzwerkes Evidenzbasierte Medizin" statt. Dort gab es auch einen Journalistenworkshop zum Thema "Vertrauenswürdige Pressemitteilung oder medizinische Fake News?", bei dem Bernd Kerschner vom Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems unter anderem eine "Checkliste: Pressemitteilungen rasch einschätzen" präsentierte. Mit dem Workshop wolle man Hilfen für die Beurteilung der Inhalte solchen Materials auf Objektivität und Vertrauenswürdigkeit bieten.

    Von der Forschung in die Medien

    Oft steckt die Crux bereits am Ursprung, bei den wissenschaftlichen Veröffentlichungen selbst. Kerschner verwies auf mehrere weitere wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit dem Thema der Darstellung wissenschaftlicher Studien beschäftigt haben. Eine davon stammt von Amelie Yavchitz und wurde am 11. September 2012 in Plos Medicine publiziert.

    Die Wissenschafter hatten systematisch nach Presseaussendungen zu randomisierten, kontrollierten Studien (Zufallsauswahl der Probanden für Vergleichsgruppen) gesucht, 70 gefunden und 498 Presseaussendungen auf möglichen "Spin" untersucht. Das Ergebnis: Absichtlicher oder unabsichtlich eingeflossener "Spin" fand sich schon bei 40 Prozent der Abstracts (Kurzzusammenfassung) der Studien selbst. Bei den Presseaussendungen war das bei 47 Prozent der Fall, in den untersuchten Medienmeldungen dann bei 51 Prozent.

    Schokolade als vermeintlicher Lebensretter

    Besonders leicht geraten epidemiologische Beobachtungsstudien – manchmal beginnen sie vor, zumeist aber erst nach dem Eintreten eines Ereignisses – in die Medienschlagzeilen. Manchmal handelt es sich überhaupt nur um Berechnungen. Kerschner verwies dazu auf Abschätzungen von australischen Wissenschaftern über den Einfluss des täglichen Konsums dunkler Schokolade auf Menschen mit Diabetes-Vorstufe ("Metabolisches Syndrom").

    Demnach könnten durch eine Tafel Schokolade bei 10.000 Personen innerhalb von zehn Jahren 85 Schlaganfälle oder Herzinfarkte verhindert werden – damit auch 15 Todesfälle. Doch das Bemerken von gleichzeitig auftretenden Phänomenen und gar erst die Berechnung ihrer möglichen Auswirkungen ist kein Beweis, die "Heilsbotschaft" steht auf sehr wackeligen Beinen.

    Ein Beispiel aus Österreich: Wiener Umwelthygieniker analysierten die Körpergewichtsdaten (BMI-Werte) von 44.000 Gefängnisinsassen in Österreich. Ihr Ergebnis: Je höher der BMI-Wert, desto seltener landeten Menschen in längerer Haft. Getreu den Tatsachen stellten die Autoren aber fest: "Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die keine Kausalität erklären kann." Sowohl epidemiologische Studien, die bereits vor dem Eintreten eines Ereignisses starten oder die Sachlage erst danach analysieren, können nur einen möglichen Zusammenhang aufzeigen, beweisen aber keine Ursachen-Wirkungsbeziehung, so Kerschner.

    Von Mäusen und Menschen

    Häufig basieren Studienergebnisse auf reinen Tiermodellen. Dennoch werden hier häufig Rückschlüsse auf den Mensch vorgenommen. Rückschlüsse von Tierexperimenten oder Studien in der Petrischale (in vitro) auf einen Effekt beim Menschen seien "problematisch", stellte Bernd Kerschner klar.

    "Fetthaltige Kost kann zu Depressionen führen", "Ruhe hält Stammzellen jung", "Unregelmäßiger Lebenswandel begünstigt Diabetes", "Krebs-Wachstumsrezeptor steuert Regeneration von Herzzellen" und viele ähnliche Titel findet man in der Medienwelt der Medizin. Erst später wird dann angeführt, dass experimentelle Studien in Maus-, anderen Tiermodellen oder gar erst an Zellkulturen dahinter stecken. Die enorm wichtige Grundlagenforschung in Labor- oder an Tiermodellen dürfte hier – abseits des Entwicklungsstandes der Wissenschaft – zumindest zu schnell als für den Menschen belegte Erkenntnis, wenn nicht als Hoffnungsschimmer für neue Therapien in der Humanmedizin auftauchen, so Kerschner.

    Sich mit fremden Federn schmücken

    Auch Presseaussendungen von wissenschaftlich hoch seriösen Institutionen können manipulativ sein. Gerne verweisen sie auf die Bedeutung des eigenen Beitrags zu einer Studie. Eine österreichische Med-Uni veröffentlichte kürzlich eine Meldung, wonach ein relativ neues Arzneimittel mit großem Erfolg "unter maßgeblicher Beteiligung" der Universität auf seine Wirkung bei Prostatakrebs in der Verhinderung von Metastasen getestet worden sei. Die Studie war am 8. Februar im "New England Journal of Medicine" erschienen.

    Allerdings findet sich unter den von der renommierten Medizinfachzeitschrift als Autoren angeführten Wissenschaftern kein österreichischer Onkologe, auch ein Verweis auf die Universität fehlt im Range der beteiligten Autoren (knapp unter 20). Erst im sogenannten Appendix mit rund 400 zusätzlichen Investigatoren sind für Österreich drei Wissenschafter ohne Nennung ihrer Institutionen verzeichnet. Auf E-Mail-Anfrage zu den Hintergründen gab es bei der primär angesprochenen Universität keine Antwort.

    Margaret Yu, führende Onkologin des Pharmakonzerns Janssen-Cilag, meldete wenig später: Der in der Universitäts-Presseaussendung genannte Onkologe sei laut den sogenannten ICMJE-Kriterien (Internationales Komitee der Medizin-Journale-Herausgeber), die man dafür heranziehe, nicht als Autor zu bezeichnen gewesen. Überhaupt hätten aus Österreich "nur sechs Patienten" (von 1.207) gestammt.

    Kriterien für Autorenschaft

    Die ICMJE-Kriterien verlangen für die Bezeichnung als Autor in wissenschaftlichen Studien vier Kriterien. Vereinfacht: Substanzieller Beitrag bei der Konzeption oder Planung der Studie oder bei der Gewinnung, Analyse oder Interpretation der Daten. Hinzu kommen Entwurf oder kritische Überprüfung der Studie, finale Genehmigung des Studientextes für die Publikation und Übernahme der Verantwortung für alle Aspekte der Arbeit. (APA, 20.3.2018)

    • Beobachtungsstudien können Zusammenenhänge in allen möglichen Richtungen feststellen, aber keine Aussagen über Ursache-Wirkung machen.
      foto: getty images/istockphoto

      Beobachtungsstudien können Zusammenenhänge in allen möglichen Richtungen feststellen, aber keine Aussagen über Ursache-Wirkung machen.

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