"Lieben": Vielleicht mit wilden Küssen beginnen

    20. März 2018, 10:16
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    Im Innsbrucker Taxispalais wird das "Lieben" in der gleichnamigen Ausstellung als politische Kategorie untersucht

    Innsbruck – Das Verb "lieben" begegnet uns recht selten im politischen Kontext. Dort klingt es ungewohnt direkt und unverblümt, anders als der distanzierte Politsprech, den wir gewohnt sind. Doch gerade dort könnte es neue Sichtweisen eröffnen, denn zu lieben hat revolutionäre Kraft, birgt veränderndes Potenzial – und das ist es, was wir heute brauchen, so Taxispalais-Leiterin Nina Tabassomi. Dass es auch ein risikoreiches Wagnis voller Verwirrungen ist, will sie dabei nicht aussparen, sondern in den vier gezeigten Künstlerpositionen der aktuellen Ausstellung Lieben in unterschiedlichen Facetten thematisieren.

    Im Video kiss-o-drom des belgischen Künstlers Johan Grimonprez etwa erzählt eine Stimme aus dem Off zu Bildern eines schwindelerregenden Rollschuhpaartanzes vom kollektiven Kuss-Aufstand im Brasilien der 1980er-Jahre. Mit dem Aufstand reagierte die Stadt Sorocaba auf ein von der Militärdiktatur verhängtes Kussverbot im öffentlichen Raum.

    Politische Dimension

    Astrid Kleins Serie Broken Heart macht eindringlich klar, dass auch das, was im Privaten geschieht, eine politische Dimension hat. In fünf großformatigen Collagen überlagert sie Textfragmente voll sexuell konnotierten Vokabulars mit stereotypen Fotos von Frauen in lasziv-unterwürfigen Wohnzimmerposen. Das deutsche Künstlerpaar titre provisoire inszeniert in seiner spannenden Rauminstallation How surprising that you are you die Protagonisten im Drama des Liebens als Facetten einer einzigen Persönlichkeit – das Begehren, die Analytikerin, das Unbewusste – und bringt damit einen weiteren Aspekt des Themas auf den Punkt: Im Lieben sollten wir uns nicht als Einzelne, sondern als Vielheit begreifen.

    Ähnliches sagt auch Eva Schlegels Arbeit, die weitaus größte der Ausstellung. Ihr kaleidoskopartiges Spiegelkabinett füllt die ganze untere Halle und bildet einen unbeherrschbaren Raum, in dem der Besucher visuell laufend zerstückelt und neu zusammengesetzt wird. (Nicola Weber, 20.3.2018)

    Bis 10. Juni. Begleitprogramm: Taxispalais

    • Was im Video "How surprising that you are you" als Graffiti auftaucht, ist in der Taxisgalerie keinesfalls auf das private Lieben bezogen.
      foto: titre provisoir

      Was im Video "How surprising that you are you" als Graffiti auftaucht, ist in der Taxisgalerie keinesfalls auf das private Lieben bezogen.

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