Pro und Kontra: Impfpflicht für Spitalspersonal

Kommentar19. März 2018, 06:00
169 Postings

Darf der Staat Mitarbeiter im Gesundheitswesen dazu zwingen, wenn sie partout keinen Nadelstich wollen

foto: apa/barbara gindl

PRO: Gefährliches Halbwissen

von Marie-Theres Egyed

Die schlechte Nachricht zuerst: Die Zahl der Masernfälle steigt auch heuer wieder. Schon 2015 hatte Österreich einen unrühmlichen und besorgniserregenden Stockerlplatz: Nur in zwei anderen europäischen Ländern gab es mehr Masernkranke. Was noch mehr verwundert: Viele Ansteckungen erfolgten in Krankenhäusern. Sie trafen also jene Menschen, die ohnehin schon geschwächt waren. Masern sind eine gefährliche und hochansteckende Viruserkrankung. Jetzt zur guten Nachricht: Eine Impfung kann nicht nur den Ausbruch der Krankheit verhindern, sie schützt auch davor, Überträger zu sein.

Spitäler haben hier eine doppelte Fürsorgepflicht: Sie müssen ihre Patienten und gleichzeitig ihre Mitarbeiter schützen. Kranke Menschen dürfen nicht der Gefahr ausgesetzt werden, kränker zu werden. Ärzte und Pflegepersonal haben einen anspruchsvollen Beruf. Sie dürfen nicht ihre Gesundheit riskieren und potenziell tödlichen Krankheiten ungeschützt ausgesetzt sein. Mit einer generellen Impfpflicht für das Krankenhauspersonal wird Gewissheit für beide Seiten geschaffen.

Natürlich haben Spitalsbedienstete auch eine Vorbildwirkung und eine Verantwortung. Denn Nachlässigkeit bei Schutzimpfungen ist kein Kavaliersdelikt, Skepsis gegenüber Impfungen ist fahrlässig. Fakten müssen einfach mehr zählen als Ängste und Gefühle. Halbwissen gepaart mit Verschwörungstheorien ist gefährlich. (Marie-Theres Egyed, 19.3.2018)

KONTRA: Freie Entscheidung

von Michael Möseneder

Natürlich wirken Impfungen und haben zur Ausrottung einiger der gefährlichsten Krankheiten geführt. Nur gewissenlose Esoteriker werden anderes behaupten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen werden daher wohl schon im Interesse der eigenen Gesundheit danach trachten, immunisiert zu sein. Die Frage ist jedoch: Darf der Staat sie dazu zwingen, wenn sie partout keinen Nadelstich wollen?

Und falls man diese Frage mit Ja beantwortet: Wo hört man auf? Um die Erreger vom Erdboden zu tilgen, reichen bei Kinderkrankheiten Ärztinnen und Pfleger sicher nicht aus. Dann müssen Eltern, Kindergarten- und Lehrpersonal genauso wie die Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel zum Onkel Doktor gebeten werden. Womit zum moralischen Problem, wozu der Staat einen im Sinne des größeren Ganzen zwingen darf, ein finanzielles kommt.

Was wiederum zu einer Risikoabwägung zwingt. Beispiel Meningokokken, ein Bakterium, gegen dessen in Mitteleuropa häufigsten Serotyp erst im Jahr 2013 ein Impfstoff zugelassen wurde. Die Durchimpfungsrate kann demnach nicht sehr hoch sein – die Fallzahlen sind es allerdings auch nicht. Im Jahr 2016, aus dem die aktuellsten Zahlen stammen, wurden 37 Infektionen und drei Todesfälle bestätigt. Ob diese Zahlen die freie Entscheidung, was ich mit meinem Körper mache, übertrumpfen, darf bezweifelt werden. (Michael Möseneder, 19.3.2018)

Share if you care.