Giftanschlag: London erwägt weitere Russland-Sanktionen

    18. März 2018, 18:30
    104 Postings

    Internationale Experten sollen aufklären, woher Nervengift von Salisbury stammte

    Nach der gegenseitigen Ausweisung von Diplomaten wegen des Nervengiftanschlags von Salisbury werben Großbritannien und Russland um internationale Sympathie. An diesem Montag trifft ein Team der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW) in London ein. Die Experten erhalten einen Bericht über den Fortgang der Ermittlungen sowie Proben der Tatwaffe, bei der es sich laut Premierministerin Theresa May um Nowitschok handelt.

    Sein Land habe Erkenntnisse darüber, "dass Russland seit einem Jahrzehnt Nowitschok auf Vorrat hält", sagte Außenminister Boris Johnson der BBC. Erst im vergangenen Jahr hatte Russland unter Aufsicht der OPCW feierlich die Vernichtung sämtlicher Chemiewaffen bekanntgegeben, die teils noch aus der Sowjetzeit stammten. In dem südenglischen Marktstädtchen waren vor vierzehn Tagen Sergej (66) und Julia Skripal (33) bewusstlos auf einer Parkbank aufgefunden worden. Beide befinden sich seither auf der Intensivstation des örtlichen Spitals, ihre Überlebenschancen gelten als schlecht. Ein örtlicher Polizist, der ebenfalls eine Vergiftung erlitt, befindet sich hingegen auf dem Weg der Besserung.

    Die mehrere hundert Beamte umfassende Soko von Scotland Yard hat die Bevölkerung um Mithilfe gebeten. Spezialisten sind dabei, 4000 Stunden Aufnahmen aus dutzenden Überwachungskameras auszuwerten. So soll ein möglichst genaues Bewegungsbild des burgunderfarbenen BMW 320D erstellt werden, mit dem die Skripals am Tattag zunächst das Grab von Skripals Frau besuchten und dann in die Innenstadt von Salisbury fuhren. Die Ermittler gehen der Vermutung nach, wonach die Opfer bereits in Skripals Haus das tödliche Nervengift aufgenommen haben könnten. Julia Skripal könnte es unwissentlich in ihrem Gepäck mitgebracht haben, mit dem sie tags zuvor aus Moskau angereist war.

    Diplomatenausweisungen

    Die Soko hat nun auch die Ermittlungen im Mordfall Nikolai Gluschkow übernommen. Der Putin-Kritiker war vergangene Woche in seinem Londoner Haus tot aufgefunden worden – der vorläufig letzte Fall einer Reihe von Exil-Russen auf der Insel, die unter dubiosen Umständen ums Leben kamen. Am Dienstag soll der Nationale Sicherheitsrat in London über mögliche weitere Maßnahmen gegen Russland beraten. Vergangene Woche hatten die Briten 23 Diplomaten ausgewiesen. Am Samstag zogen die Russen mit der gleichen Anzahl nach, schlossen außerdem das britische Generalkonsulat in St. Petersburg sowie das Kulturinstitut British Council in Moskau.

    Unter dem Druck von Opposition und Presse haben die Konservativen auch ihre Einstellung zu härteren Finanzsanktionen geändert. Noch vor wenigen Wochen hatte die Regierungspartei im Unterhaus gegen einen Labour-Gesetzesvorschlag gestimmt. Nach US-Vorbild sollte es einzelne Russen treffen, die zu Putins engerem Kreis gehören oder für bestimmte Straftaten verantwortlich gemacht werden.

    Reiche Unterstützer des russischen Präsidenten haben in London Milliarden investiert und den Konservativen binnen 18 Monaten 826.100 Pfund (932.400 Euro) gespendet. Dazu gehört auch eine Zuwendung von Lubow Tschernukin: die Frau eines früheren Vize-Finanzministers hatte bei einem Tory-Fest für 160.000 Pfund (181.000 Euro) einen der Hauptpreise, ein Tennismatch mit Johnson, ersteigert. (Sebastian Borger aus London, 18.3.2018)

    • Als Reaktion auf die von London verfügten Sanktionen ließ Moskau unter anderem das britische Konsulat in St. Petersburg schließen.
      foto: apa / afp / olga maltseva

      Als Reaktion auf die von London verfügten Sanktionen ließ Moskau unter anderem das britische Konsulat in St. Petersburg schließen.

    Share if you care.