Erschöpfte und bunte Gesichter auf der Leipziger Buchmesse

    17. März 2018, 17:53
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    Gibt es bald mehr Lesungen als Leser, könnte man sich fragen

    Leipzig – Mit dem Mikrofon dirigiert der Verkehrsbetriebemitarbeiter zur Stoßzeit die Menschenmasse am Hauptbahnhof aus dem schwachen Schneefall in die wie aufgefädelt zum Messegelände abfahrenden Straßenbahnen. Das klappt. Die Witterung stellt Leipzig aktuell aber vor ein zur Buchmessezeit ungünstig gelegenes Fernverkehrsproblem. Verspätungen und Absagen von Zügen bieten ausgiebig Gelegenheit, sich in Lektüre zu vertiefen. So man will.

    Man ergreift die Chancen dazu ohnehin zu selten, wie das statistisch erhobene schrumpfende Leservolk belegt. Doch entgegen den Buchkäufern boomen andere Faktoren im Betrieb. Kristina Maidt-Zinke verwies in ihrer nicht gerade unbiederen Rede zur Preisvergabe am Donnerstag auf die Vielzahl an Literaturpreisen in Deutschland. Wer alle diesbezüglich eintrudelnden Meldungen mitverfolgt, wird ihr zustimmen. Auch die Zahl der Autorlesungen, von Lesefestivals und des dahin strömenden Publikums steigt. In Österreich ist das nicht anders.

    "Erschöpfte Gesichter"

    Ist die Literatur von der stillen Einzelbeschäftigung zum sozialen Event geworden? Darüber wurde nebst anderem auf der Messe diskutiert. Der FAZ-Journalist Andreas Platthaus meinte, Interesse am Buch gebe es noch, aber zeitlich komprimierter. Schriftsteller und Ex-Hanser-Verleger Michael Krüger berichtete von Theaterschauspielern, die nur mehr auf Lesebühnen unterwegs seien. 90 Prozent der Bücher, die man sehe und kaufe, seien einander so ähnlich, dass man vielleicht sagt, man möchte nie wieder ein solches lesen, verstand er enttäuschte Leser. Überhaupt: Erschöpfte Gesichter seien hier auf der Messe!

    Und er meinte, die Krise der Branche werde noch verdrängt, denn um Leser sei es schlimmer bestellt als um Käufer. Später doch nicht gelesene, aber gekaufte Titel zählen zumindest als Absatzzahlen und stützen den Markt.

    Die Perücken nebenan

    Ein Event in Reinkultur jedenfalls ist die seit einigen Jahren an die Buchmesse angeschlossene Manga-Comic-Con. Sie bringt einen "Japanischen Teegarten" und samuraiisch verkleidetes Bogenschießen nach Leipzig, dazwischen laufen Super Mario, Kobolde, Mangamädchen, Elbenprinzessinnen oder Kriegerinnen herum. Kurzdefinition dieser Besucher? "Alles, was kostümiert oder geschminkt ist oder Perücke trägt", muss einen gesonderten Eingang benutzen.

    Die fernöstlich klingenden Namen dieser Zeichnerzunft lauten Toyotarou, Mika Yamamori und Osora. Aus Europa sind Goran Sudzuka, Mirka Andolfo und Miguel Diaz Vizoso für die bunten Comic-Bildchen mitverantwortlich. Die Stände quellen vor allem aber von Merchandisingartikeln über: Kissen, Stofftiere, T-Shirts, Sammlerfiguren. Hier in der Manga-Halle ist mit rund 700 Plätzen auch die bei weitem größte Publikumstribüne der Buchmesse aufgebaut. Etwa 100.000 ihrer Besucher dankt sie den Comicfans.

    Protest am richtigen Platz

    Wer auf der Heimreise aus Leipzig heute im Verkehr feststeckend nicht zum Buch oder Abschminktuch greifen will, kann alternativ die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels betriebene Website "Wort und Freiheit" ansteuern. Neben Informationen zu inhaftierten und verfolgten Autoren, Buchhändlern und Verlegern, die man erhält, kann man sich dort zwecks Solidarisierung auch an Protestschreiben beteiligen. Das Servicecenter der Deutschen Bahn hat gerade wohl ohnehin alle Hände voll zu tun. (Michael Wurmitzer aus Leipzig, 17.3.2018)

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