"Onkel Toms Hütte": Wir, die modernen Sklaventreiber

    Video17. März 2018, 17:00
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    Historische Sklaverei, die sich in modernen Ausbeutungssystemen spiegelt: "Onkel Toms Hütte" in der Regie von Harald Posch im Werk X

    Wien – Man muss einige Vorkehrungen treffen, um dem historisch überaus bedeutsamen Roman Onkel Toms Hütte (1852) von Harriet Beecher Stowe heute eine taugliche Bühnenfassung abzuringen. Dieses Werk, das sich vor über 150 Jahren in bester Absicht gegen die Sklaverei richtete, wird nach Jahrzehnten der Rassismusforschung zwiespältig rezipiert.

    foto: sandra keplinger
    Im Rassismuswohnzimmer der Sklaventreiber und Safarijäger: Zeynep Buyraç, Sören Kneidl, Wojo van Brouwer, Tom Feichtinger (v. li.) beim Crocodile Cooler.

    Einerseits attestiert man dem Buch eine Überformung des christlichen Mitfühlgedankens ("fromme Sklaven"), andererseits zementiert es die passive Opferrolle der schwarzen Bevölkerung nachgerade. Dass Harald Posch für seine Inszenierung im Werk X Textpassagen nur als Spiegelmaterial verwendet, ist also mehr als nachvollziehbar.

    Auf einem Stelzenhaus (Bühne: Gerhard Fresacher) untersucht Posch unsere allzu unbewusste Rolle in einem heute weltweit wirksamen System von Versklavung: illegal nach Europa geschleuste Sexarbeiter/innen; Lohnsklaven für Billigtextilien in Bangladesch oder Arbeitssklaven in brasilianischen Ziegeleien, deren über Generationen weitergereichter Verschuldungsgrad jedes Kind qua Geburt zum Sklaven macht.

    Damit fällt die Synonymsetzung von Sklave und Person of Color (PoC) weg, wie sie der Roman noch vorgegeben hatte. Eine befreiende Entkopplung, die in der Inszenierung auch reflektiert wird ("Hier spielt nicht einmal ein Schwarzer mit, was aber besser ist. Weil was sollte der vor euch spielen, einen Sklaven?").

    werk x

    Harald Posch schneidet die Welten – unterfüttert mit Theorieangebinde – gegeneinander. Die daraus gezogene Conclusio wird in diesem rasanten, euphorisch gespielten, auf 90 Minuten kleingedampften Castorf-Pollesch-Theater (auch akustisch) aber nicht immer ganz klar kenntlich.

    Während die geflohene Eliza von Sklavenhändlern gejagt wird, jubilieren Safarijäger am Ledersofa über Abschusspreise bei Antilopen. Manager skandieren im Lohndumpingkrieg ("Whitecollar-Schrott"), Tölpel-Touristen faseln an der islamischen Urlaubsdestination von "echter Kultur". Man hätte gerne mal die Rewind-Taste gedrückt. (Margarete Affenzeller, 16.3.2018)

    Werk X, bis 18.4.

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