Morbus Hodgkin: Mit weniger Chemo behandeln

    18. März 2018, 15:22
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    Bei der Behandlung hartnäckiger Formen von Morbus Hodgkin bekommt die Chemotherapie gerade Konkurrenz – ein zielgerichtetes Medikament hat seine Wirkung gerade unter Beweis gestellt, Nebenwirkung hat das neue Medikament aber auch

    Von Paradigmenwechsel in einer Therapie sprechen Mediziner immer erst dann, wenn sich eine Behandlung substanziell verändert. Für Patienten mit einem im fortgeschrittenen Stadium diagnostizierten Morbus Hodgkin, einer bösartigen Erkrankung des Lymphsystems, könnte das gerade der Fall sein. "Seit fast vier Jahrzehnten wird diese Erkrankung mit demselben chemotherapeutischen Cocktail aus vier Medikamenten behandelt – jetzt gibt es Evidenz, dass wir in bestimmten Konstellationen dieses Regime verändern sollten", sagte Joseph M. Connor, klinischer Direktor des kanadischen Krebszentrums in Vancouver, British Columbia. Grund für diesen Satz waren die Ergebnisse der von Connor federführend geleiteten Echelon-1-Studie, einer internationalen randomisierten Untersuchung, bei der die Wirkung eines neuen Medikaments evaluiert wurde.

    Zu den Fakten: Die Behandlung von Morbus Hodgkin ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte in der Medizin. Zwei Drittel aller Patienten können nämlich mit dem Chemo-Cocktail erfolgreich behandelt werden. Das heißt: Wenn sie die sechs Monate dauernde Chemotherapie hinter sich haben, sind sie geheilt. Doch bei einem kleinen Prozentsatz kommt die Erkrankung wieder. Der bisherige Fahrplan für diese Situation: eine erneute Chemotherapie und eine Stammzelltransplantation. Letzteres heißt: eine Hochdosis Chemotherapie mit anschließender Gabe von eigenen Knochenmarkstammzellen, welche zuvor in einem speziellen Verfahren gewonnen werden müssen. Doch selbst dann: "Bei einem kleinen Prozentsatz der Patienten hilft auch das nicht", berichtet Johannes Drach, Ärztlicher Direktor der Privatklinik Confraternität und Lymphom-Spezialist.

    Neuer Mix

    Die letzte Bastion für diese Patientengruppe ist ein neues Medikament namens Brentuximab Vedotin, eine Art trojanisches Pferd für bösartige Lymphzellen. Diese Krebszellen tragen nämlich ein einmaliges Merkmal auf ihrer Zellhülle, das sogenannte CD30-Antigen. Das neue Medikament hat die Fähigkeit, sich an dieses Antigen anzuheften, daraufhin öffnet sich die Zellwand und der in diesem Medikament enthaltene Wirkstoffmix dringt in die Tumorzelle ein und vernichtet sie. "Chemotherapie zerstört nach dem Gießkannenprinzip sämtliche Zellen, auch die gesunden. Dieses Medikament jedoch greift nur ganz gezielt Krebszellen an und ist damit wirklich zielgerichtet", erklärt Drach. Nach bisherigen Erfahrungen konnte das Medikament Morbus-Hodgkin-Erkrankte, bei denen die Standardtherapie keine Wirkung mehr zeigte, in einen Zustand bringen, in dem sich ihre Krebszellen nicht mehr vermehren – ein Fortschritt in der Krebsmedizin.

    Es lag also auf der Hand, das Medikament nicht nur in den Härtefällen, sondern allgemein in der Erstbehandlung von Morbus Hodgkin einzusetzen, um zu sehen, inwiefern sich Rückfälle und Stammzelltransplantationen dadurch allgemein reduzieren lassen. Das Ergebnis der Echelon-1-Studie, das im Dezember 2017 im "New English Journal" publiziert wurde: Das Therapieversagen konnte durch Brentuximab Vedontin um 23 Prozent reduziert werden. "zumindest für 24 Monate, denn das ist bislang der Beobachtungszeitraum der Studie", schränkt Drach ein, der in diesem Erfolg allerdings noch eine weitere Weichenstellung sieht. "Wir sehen in der Hämatologie einen Trend weg von den Chemotherapeutika", sagt er. Denn im Echelon-Studiensetting ersetzte Brentuximab Vedontin ein besonders aggressives Chemotherapeutikum, nämlich Bleomycin.

    "Im neuen Therapieprotokoll wird das neue Medikament nur mehr mit drei statt bisher vier chemotherapeutischen Begleitmedikamenten eingesetzt, denn Brentuximab Vedotin alleine würde nicht funktionieren", so Drach. Das Problem an Bleomycin sei zudem, dass es bei einigen wenigen Patienten zu schweren Lungenproblemen führt und vor allem von älteren Patienten schlechter vertragen würde. Für genau diese Patienten habe man jetzt eine neue Option, so der Hämatologe, die Verminderung der Lungentoxizität durch das neue Schema sei ein Riesenfortschritt.

    Andere Nebenwirkungen

    Dass das neue Medikament vollkommen unproblematisch sei, würde er aber nicht sagen. Brentuximab Vedontin hat sein eigenes Nebenwirkungsspektrum. Es führt zu einem starken Verlust der weißen Blutkörperchen, einer sogenannte Neutropenie, die vermehrt bakterielle Infekte begünstigt. "Da können wir aber medikamentös durch Wachstumsfaktoren gegensteuern", so Drach.

    Wesentlich stärker beeinträchtigend sei aber die Schädigung der Nervenenden in den Fingern und Zehen, die die Feinmotorik beeinflusst. Diese sogenannte Neuropathie verginge zwar mit der Zeit wieder, sei aber für Patienten äußerst unangenehm. Vor einem verstärkten Einsatz wolle er allerdings noch die Langzeitwirkungen des neuen, zielgerichteten Medikaments abwarten.

    In seiner Funktion als Klinikchef "sind vor allem die Kosten für dieses neue Medikament toxisch für unsere Budgets", räumt er ein. Das Argument der Hersteller, dass sich durch die neue Behandlung die ebenfalls sehr kostenintensive Stammzelltransplantation reduzieren ließe, greife zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, so Drach. Eine Zeitlang würde man ja parallel fahren müssen, weil Fortschritte in der Krebsmedizin immer nur etappenweise passieren. So auch bei Morbus Hodgkin. Eine neue Ära ist eingeläutet, aber noch haben weder die Chemotherapie noch die Stammzelltransplantation für die hartnäckigen Erkrankungsformen ausgedient. (Karin Pollack, 18.3.2018)

    • Statt vier nur drei Chemotherapeutika plus ein neuer Wirkstoff.
      foto: ap

      Statt vier nur drei Chemotherapeutika plus ein neuer Wirkstoff.

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