Wenn Alleinerziehende gleichzeitig Mutter und Vater sein wollen

    Kolumne18. März 2018, 16:50
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    Viele alleinerziehende Mütter sorgen sich, dass ihrem Kind ein männliches Rollenvorbild fehlen könnte. Jesper Juul gibt Entwarnung: The Kids Are Alright

    Frage

    Ich bin alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Sohns. Wir sind alleine, seitdem er 18 Monate alt ist. Es geht uns sehr gut. Ich fühle mich als starke, selbstbewusste Frau und mag meine Arbeit. Bezüglich meiner Karriere haben sich meine Bedürfnisse verschoben, und ich fühle mich sehr wohl damit. Seinen Vater sieht mein Sohn jedes zweite Wochenende, manchmal seltener. Ich glaube, dass – egal wie vorbildhaft ich bin – er seinen Vater als Vorbild braucht. Unbewusst versuche ich dennoch das Fehlen seines Vaters zu kompensieren. Auch wenn ich weiß, dass das nicht möglich ist. Das Gefühl, abgelehnt zu werden, kann dennoch ein ganzes Leben lang als Wunde in der Seele sitzen. Zumindest ist das mein Eindruck dessen, was mein Sohn in Bezug auf seinen Vater erlebt.

    Der Grund, warum ich Ihnen schreibe, ist nicht, dass ich Probleme mit meinem Sohn habe, im Gegenteil, er ist ein wunderbarer, sich gut entwickelnder Bub. Was mich interessiert, ist: Worauf soll ich gut achten als alleinerziehende Mutter. Oft höre ich, dass Kinder von Alleinerziehenden als Jugendliche merkwürdig werden, Schwierigkeiten haben, ihre Mütter loszuwerden, bei Burschen auch, Frauen zu finden. Das beschäftigt mich. Können Sie mehr dazu sagen? Wie kann ich etwas verhindern, und gibt es etwas, auf das ich besonders achten und aufpassen sollte?

    Antwort

    Ich habe mich zehn Jahre meines Berufslebens auf die Arbeit mit alleinerziehenden Müttern (insgesamt etwa 1.600) konzentriert. Ich habe sie langfristig begleitet und treffe deren Kinder auch 25 Jahre später noch.

    Vor 20 Jahren wurde von den "armen" alleinerziehenden Müttern gesprochen, heute heißen sie "starke" Singles. Jede Abweichung von der Norm in einer Kultur ist automatisch Opfer von Mythenbildung. Das hängt davon ab, wie die Mutter über die Art ihrer Beziehung zu ihren Kindern spricht, und vor allem auch, wie sie ihr Leben gestaltet. Ist sie sich ihres Lebens mit Freude bewusst? Oder sieht sie sich als Opfer eines betrügerischen Mannes, der sie zugunsten einer Jüngeren verlassen hat? Sieht sie ihr Kind und ihre Mutterrolle als die ganze Bedeutung ihres Lebens? Oder hat sie auch ein Berufsleben, ein Netzwerk von Freunden und Freundinnen um sich?

    Über Gefühle reden

    Lassen Sie uns einen näheren Blick auf Ihre Fragen werfen. Sie schreiben, dass Kinder von Alleinerziehenden "als Jugendliche merkwürdig werden". Meine Erfahrung ist das nicht. Aber es gibt eine Tendenz bei Kindern von Alleinerziehenden (und Erstgeborenen), dass sie weniger kindisch und erwachsener zu sein scheinen als etwa nachfolgende Geschwister.

    Meiner Erfahrung nach entwickeln Söhne von Alleinerzieherinnen eher traditionell als weiblich verstandene Qualitäten in ihrem Verhalten und Selbstbewusstsein. Das bedeutet, sie haben einen feinen Ansatz für Gefühle und können diese gut zum Ausdruck bringen. Das macht sie nicht zu weiblichen Männern, sondern oft zu mehr Menschen. Es kann sein, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Mütter loszuwerden. Aber das ist weit davon entfernt, ein Problem zu sein, denn es ist etwas komplexer.

    Oft ist zu beobachten, dass es den Söhnen, wenn sie 15 oder 16 Jahre alt werden, schwerfällt, zu anderen einschließlich ihrer Mutter Nein zu sagen. Sie tun es eher indirekt, umschreiben es oder versprechen etwas, das sie nicht halten werden. Die einfachste Erklärung ist natürlich, dass sie nicht mit einem Mann zusammengelebt haben.

    Sie haben nicht das Vorbild und Beispiel eines männlichen Neins, das traditionell klarer und eindeutiger ausfällt. Wenn Sie das verhindern möchten, ist es eine gute Idee, ein klares und deutliches Nein in der Beziehung mit Ihrem Sohn zu üben. Das männliche Nein ist nämlich nicht nur für Männer reserviert – und manche Männer haben es allerdings vergessen.

    Schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

    Viele alleinerziehende Mütter erleben einen inneren Auftrag, gleichzeitig Vater und Mutter zu sein, das ist natürlich unmöglich. Es verursacht ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle, die es noch schwieriger machen, klar Nein zu sagen. Wenn Sie sich darin wiederfinden, so versuchen Sie mehr Ja zu sich selbst, Ihren eigenen Werten, Grenzen und Bedürfnissen zu sagen.

    Es gibt bestimmt Söhne von alleinerziehenden Müttern, die später Schwierigkeiten mit ihren Partnerinnen erfahren, weil sie unreif sind. Oder auch, weil sie Opfer eines hohen Maßes an Service für die Mutter sind, die täglich verlautet, dass ihr Sohn alles für sie tut. Ein Schicksal, das viele Söhne teilen, auch in Familien mit zusammenlebenden Eltern.

    Das Wichtigste, das Kinder von Alleinerziehenden vermissen, ist die langjährige kontinuierliche Erfahrung, wie zwei Erwachsene zusammenleben. Wie ihre Intimität die Atmosphäre in der Familie beeinflusst, wie Konflikte verhandelt und gelöst werden können. Wie Sie miteinander umgehen. Ob das besser oder schlechter ist, als in einer schlechten oder disharmonischen Beziehung der Eltern aufzuwachsen, kann ich nicht eindeutig sagen.

    Was für alle Familien gilt

    Die (fehlende) Beziehung Ihres Sohnes zu seinem Vater wird natürlich seine Lebensqualität und seine Erfahrung sich selbst gegenüber beeinflussen. Machen Sie sich dennoch keine Sorgen, behalten Sie ein liebevolles Auge auf ihn, damit Sie für ihn da sein können, wenn er es braucht. Es gibt eine Sache zwischen ihm und seinem Vater, die nur von den beiden herausgefunden werden kann. Sie können nichts tun, um den Schmerz zu kompensieren oder gar zu verhindern.

    Alle Kinder sind beispielhaft für ihre individuell erfahrenen familiären Beziehungen. Das gilt für alle Formen von Familien, ob nun kranke Eltern, Diplomaten, Lehrer, Psychologinnen, Alleinerziehende, Arme oder Reiche. Es ist nicht von Bedeutung, sie mit anderen zu vergleichen oder ein ideales Bild von einem Kind zu haben. Als Eltern soll es unser Bestreben sein, uns gut genug zu fühlen, wie wir sind, weil wir unseren Kindern im Grunde alle ein gesundes Aufwachsen bieten möchten und wir ja auch die Eltern hatten, die wir eben hatten. (Jesper Juul, 18.3.2018)

    Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

    Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 1. April.

    • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
      foto: family lab

      Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

    • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
      foto: family lab

      Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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