Endlich geheilt: Schreiben über die Schreibblockade

Essay18. März 2018, 11:18
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Schriftstellerinnen und Schriftsteller leben vom Schreiben. Manchmal aber geht das gerade nicht. Höchste Zeit, zu fragen: Was ist eine Schreibblockade? Woher kommt sie, wer hat eine, und kann man paradoxerweise darüber schreiben?

Ich mache das, weil ich sie habe, weil ich herausfinden möchte, warum ich sie habe, ich zu diesem Behufe sogar schon eine Kleingruppe gegründet habe, mit mir selbst als vorerst einzigem und letztem Mitglied, das ich am liebsten auch gleich wegen galoppierender Renitenz aus dem Verein ausschließen möchte, Die Anonymen Schreibblockierten, und im gleichen Moment denke, das ist genau der Holzweg, der Fehler, die Ursache, der einfache Weg der Witzelidioten, der einen blockiert, man wird populistisch, man schielt nach dem, was die anderen machen, die Mediokren, die Solipsisten und schreibenden Stammtischbrüder, die Alphaangeber, wie schaffen die das, woher nehmen die ihr Selbstbewusstsein, warum sind ihre Ellbogen so spitz?

Sie sind dermaßen gepanzert von sich selbst, dass sie nicht mal merken, dass anderen (den Lesern) ihr Spiegelbild egal ist, nein, die anderen sind sogar beeindruckt oder einfach nur erschöpft, wenn die Autoren etwa über ihre Kinder schreiben, wie trotzig sie in einem bestimmten Alter werden, aber am Ende doch so liebenswert sind, mein Gott, echt? Ist das wirklich so, sind Kinder liebenswert?

Interessant. Und das wird gelesen? Zeitungen drucken das? Kein Wunder, dass Zeitungen unter Leserschwund leiden und massive Probleme haben, Anzeigenkunden davon zu überzeugen, Geld jemandem anzuvertrauen, dem kaum mehr einfällt als die irisierende Information, dass Kinder in der Pubertät komisch werden. Toll. Warum nicht auch gleich einen Artikel über Falco, wird der nicht dieser Tage 70 oder so, der soll ja auch schwierig gewesen sein, aber am Ende doch ein ganz liebenswertes Kerlchen. Bestätigungen des Ewiggleichen und zum Erbrechen Bekannten ist das Sedativ der Informationserschöpften.

Alles muss raus

Und auch wenn ich Nabelschauen verachte, alleine mit mir, bei einem Professionellen oder, am schlimmsten, in der Öffentlichkeit, muss es doch raus, alles muss raus, was keine Miete zahlt, ha, wieder die anbiedernde, leicht zu bauende Populistenfalle des Witzelidioten, aber ich muss da durch, mit dem Instrumentarium, dass mir stumpf geworden erscheint.

Dass ich darüber schreibe, dass ich nicht mehr schreiben kann, ist kein Eigenblut-Doping, sondern eine Art Eigengeschmack-Lackmustest, ich muss herausfinden, was mich beschäftigt, was über eine melancholische Rührung über mich selbst hinausgeht und in hysterischer Resignation gerinnt, bei dem die Leute abwinken und sagen: Ach, das hab ich selbst, gibt's sonst noch was? Und mich stattdessen selbst reflektieren, ist das noch interessant, und wenn nicht, warum eigentlich nicht? Kann ich über einen Druckknopfproduzenten mit einem Ptosis-Auge aus Bratsk schreiben, der ein Faible für Doo Wop hat, ohne dass die Leser gleich scharenweise aussteigen ("Doo-Was?")?

Erste Erkenntnis: Ich habe gar keine Schreibblockade, sondern sie wird von Schreibblockierern erst verursacht. Andererseits ist das denkfaule Mantra "Die Schuld haben immer die anderen" natürlich genauso bequem wie sowieso schon leidlich bekannt, das wandert gleich ungeöffnet in die Ablage für erledigte Fälle.

In Flann O'Briens hypnotischem Sog von einem Buch Auf Schwimmen-zwei-Vögel gibt es diese Stelle, hört mal gut zu:

"Dann ist da noch Folgendes, sagte Shanahan und warf schnell ein weiteres Argument in die Debatte, da ist noch Folgendes, Sie müssen an den Mann auf der Straße denken. Ich verstehe Sie vielleicht, Mr Lamont versteht Sie vielleicht, Mr Furriskey versteht Sie vielleicht – aber der Mann auf der Straße? Na, weiß Gott, da müssen Sie aber sehr, sehr langsam vorgehen, wenn Sie wollen, dass der mitkommt. Eine Schnecke wäre ihm noch zu schnell, eine Schnecke könnte ihn meilenweit hinter sich lassen."

Schreib eben über Salat!

Das bringt uns zur zweiten Erkenntnis, wenn die Schnecke nur Salat frisst, dann schreib eben Salat. Punkt zwei nennt sich "Die affirmative Brechstange", dass diese Erkenntnis einen zum charakterlosen Wechselbalg macht, ist Teil dieser Erkenntnis, aber wie lange kommt man damit durch, vor allem sich selbst gegenüber?

Die von mir über alle Maßen verehrte amerikanische Autorin Nell Zink schreibt in Der Mauersegler über Ornithologie und Analverkehr, das ist perfekt und beides füreinander nicht mal ein sogenanntes Kofferthema, also dass das eine das andere durchs Buch tragen muss, denn jedes Thema steht so wunderschön attraktiv und autonom für sich, dass es umso appetitlicher zusammen klingt und schwingt und jede Schnecke, jedes Getier gerne mit Frau Zink mitgeht, ob nun schleichend oder galoppierend, ist egal.

Ich habe es versucht, und ich versuche es immer wieder und scheitere immer mehr daran, etwas anzubieten, was wie bei Zink ein attraktiver Köder ist und die Leser auch bei Laune zu halten imstande ist, ich habe in meinem letzten Buch, ich geb's zu, Zink als Vorbild nehmend, analog zu ihr über Oralsex mit Früchten, Abba und Zahnlücken (Diastema) geschrieben, und was ist passiert? Nichts ist passiert, außer dass mein lieber Freund Fritz Ostermayer frotzelte, dass das das schlechteste Buch sei, das je auf die Menschheit losgelassen wurde. Hat mich dieses Verdikt eines Fallbeils mutlos in die Schreibblockade gequetscht?

Nein, im Gegenteil, ich hab es sportlich genommen, Fritz Ostermayer darf alles, es hat mir eher Mut gemacht, so zu schreiben, dass Fritz noch in so einen Furor gerät, fröhlicher Furor ist die Salmiakpastille im Morast der Monotonie. Ha, das ist es, das ist ein Knallersatz, auch noch mit der verhassten Alliteration verbrämt, es geht also doch, ich kann es noch, leider ist der Kontext komisch, ich befinde mich gerade in meinem tiefen, dunklen Bauchnabel, niemand ist aber mitgekommen, weil ich keine Taschenlampen ausgegeben habe, und dann werden solche dort gefundenen Hammersätze wertloser als der Inhalt eines Flusensiebs.

Pferd von hinten aufzäumen

Erkenntnis Nummer drei: Kritik ist nicht blockierend, mangelnde Gefolgschaft auch nicht, man kann das dann, wenn man eine homöopathische Restnaivität besitzt, umkonnotieren als: Werdet ihr irgendwann schon kapieren, Jungs und Mädels, ich bin schon einen Denkzentimeter weiter als ihr, grämt euch nicht, bedanken könnt ihr euch auch später.

Ich versuche es einfach mal ohne Diastema, ich könnte es populistisch mit Falco und Pubertierenden probieren. Aber wenn das andere schon so witz-, lieb- und leidenschaftslos machen, wird man selbst ganz mutlos, dem sowieso schon sattsam Durchgekauten noch irgendwas an Relevanz abzupressen.

Oder den Begriff "Schreibblockade" dekonstruieren, ein Manifest des Trotzes gegen die Existenz von Schreibblockaden an sich, das Pferd von hinten aufzäumen. Aber muss denn ein Text überhaupt irgendetwas von innen heraus erklären und lösen, oder reicht es nur, zu erkennen, dass man sich eigentlich die ganze Zeit selbst blockiert, sich andauernd selbst im Weg steht, sind Zweifel wirklich schlimmer als Zahnschmerzen? Sind solche Blockaden nicht eigentlich ein larmoyantes Instrument dafür, sich als pathetische Leidensfigur darzustellen?

Ich glaube ja, dass dort der eigentliche Hund begraben liegt, die Angst vor der Angst, die letztlich zu Resignation gerinnt, und es natürlich ein falscher Ansatz ist, die Ursachen zu ignorieren und so zu tun, als könne man es fröhlich pfeifend durch den dunklen Wald schaffen. Und was schon mal gar nicht geht, über etwas schreiben, wozu man sich zwingen muss. Man könnte der doppelt oben liegenden Nockenwelle in einem Automotor etwas populistisch Poetisches abgewinnen oder dem seltsamen Tanzverhalten eines Cremasters, aber will man das überhaupt? Will man sich verbiegen müssen?

Dann das erste Bier aufmachen

Erkenntnis Nummer vier: Wenn ich weiß, was ich nicht schreiben will oder nicht mehr beschreiben muss und was bereits beschrieben wurde, kann ich ja schon mal eine Menge aussortieren. Und dann das erste Bier öffnen. Was bleibt übrig?

Der Rest? Wo ist der? Die Taschenlampenbatterie beginnt schon zu schwächeln, man trinkt bereits Batteriesäure und dringt dabei in Tiefen vor, die man noch nie betreten hat, soll man das beschreiben, was da so herumliegt, und das zusammenstecken und schauen, was daraus entsteht? Braucht man einen Inhalt, oder reicht erst mal das Gehen (Schreiben)? Folgt der Arsch dem Geist, oder ist es doch umgekehrt? Ich glaube, dass gute Ideen ein Werdeprozess sind, man stößt auf sie, während man sie baut, natürlich gibt es Ideen an jeder Straßenecke, die sehen schön aus, sind nützlich, praktisch, aber man muss sie aufheben, verpacken, kommunizieren, und das geht eben in einer Art Trance, analytisch eher nicht, die Trance macht die Musik.

Analytisch wird's zu sterilem Staub, in Trance entsteht etwas Kreatives, und das ist vielleicht der Weg aus der Blockade, sei nicht berechnend, stell dich dumm, weine nicht, vertraue dem Zufall, dem Fluss, lass dich treiben, lass alles auf dich wirken, filtere nichts, sei empathisch, aber auch ungerecht, lass das Chaos zu, mach daraus ein eigenes, ein elegantes Chaos, und vor allem sei du selbst, schreib ohne Vorbild, und am Ende kommen ranzige Kalendersprüche raus, und du sitzt in der schrecklichsten Sackgasse der Schreibblockade, alles für den sprichwörtlichen Hugo, Kalenderspruchautor, Aphorismen-Dieter.

Aber immerhin hat man es versucht, die ganz aus Gicht (Metapher) gemachten Fingerchen waren beschäftigt, haben unbewusst das Antiblockiersystem aktiviert, und das ist das Beste, was man machen kann, Schwadronieren, bis die Kühe heimkehren, und die übernehmen dann vielleicht den Rest. Und so habe ich durch diesen Text meine Schreibblockade geknackt. So geht's, Freunde, ich bin endlich frei. Danke, Standard. Danke, Leserchen. Danke, Ich. (Tex Rubinowitz, Album, 18.3.2018)

Tex Rubinowitz, geb. 1961 in Lüneburg, lebt als Schriftsteller, Zeichner, Maler, Musiker und Reisejournalist in Wien. 2014 wurde er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm "Lass mich nicht allein mit ihr" (Rowohlt-Verlag 2017).

Hinweis: Hannah Mühlparzer, die im Februar in der STANDARD-Kultur Praktikantin war, hat einen Text über Schreibschulen geschrieben. Zu lesen hier.

  • "Ich muss herausfinden, was mich beschäftigt, was über eine melancholische Rührung über mich selbst hinausgeht und in hysterischer Resignation gerinnt": Tex Rubinowitz im Zustand der Schreibhemmung.
    foto: herta hurnaus

    "Ich muss herausfinden, was mich beschäftigt, was über eine melancholische Rührung über mich selbst hinausgeht und in hysterischer Resignation gerinnt": Tex Rubinowitz im Zustand der Schreibhemmung.

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