Esther Kinskys "Hain": Seinen Namen ins Wasser schreiben

    14. März 2018, 16:38
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    Kinskys Geländeroman ist ein ungewöhnliches Trauerbuch, das in die Erinnerung und nach Italien führt

    Wien – Manchmal sind sogar Literaturpreisjurys für Überraschungen gut. Zum Beispiel jenes siebenköpfige Gremium, das Donnerstagabend in Sachsen über die mit insgesamt 60.000 Euro dotierten, in den Sparten Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung vergebenen Preise der Leipziger Buchmesse entscheidet. Es setzte auf die fünf Titel umfassende "Shortlist Belletristik" nicht wie so oft Erwartbares, sondern teilweise formal avancierte Romane und literarische Entdeckungen.

    Geländeroman

    Neben Isabel Fargo Coles Roman Die grüne Grenze (Ed. Nautilus) über ein Mädchen, das im Sperrgebiet zur DDR die Welt und das Ungesagte entdeckt, dem Prosadebüt Wie hoch die Wasser steigen (Hanser) der bislang vor allem als Lyrikerin bekannten Anja Kampmann und Matthias Senkels Computerroman Dunkle Zahlen (Matthes & Seitz) gelten vor allem Georg Kleins komplexes Buch Miakro (Rowohlt) über eine vielleicht gar nicht so ferne Arbeitswelt und Esther Kinskys "Geländeroman" Hain (Suhrkamp) als Favoriten auf den Preis.

    Der 1956 geborenen Esther Kinsky wäre er zu gönnen, denn sie hat sich nicht nur als Übersetzerin aus dem Polnischen, Russischen und Englischen einen exzellenten Ruf erschrieben, sondern seit ihrem literarischen Debüt Sommerfrische (2007) auch als Schriftstellerin.

    Fast immer kreisen die Texte der in Berlin und Battonya/Ungarn lebenden Rheinländerin um die Themen Erinnerung, Wahrnehmung, Fremdheit und um die Sprache selbst. Wobei Kinsky für ihre literarischen Gänge durch die "Abseitsstreifen" und die "Zwielichtgebiete" der Existenz seit ihrem Debüt einen unverwechselbaren Ton gefunden hat, der seinen Sog durch die Spannung zwischen lyrisch anmutender Bildlichkeit und großer Klarheit oder Lakonie entwickelt.

    An der Oberfläche wirken Kinskys diskrete, zurückhaltende Texte kühl, in deren Untergrund aber wütet und brennt es: Auch im Geländeroman Hain, in dem es um äußere Topografien ebenso geht wie um das weite Gelände der Seele. Angelegt ist Hain als Erinnerungstriptychon, das von Verlusterfahrungen und drei Italienaufenthalten einer Ich-Erzählerin in Olevano, einem Kaff nahe Rom, Chiavenna in der Lombardei und in Comacchio im Po-Delta handelt. Im ersten Teil des Romans trifft die Erzählerin zwei Monate und einen Tag nach der Beerdigung ihres Lebensgefährten M. im "Nirgendsland" von Olevano ein.

    Sie befindet sich in einer psychischen Extremsituation, kehrt "Erinnerungsscherben" zusammen und versucht, wieder in der Welt Fuß zu fassen. Sie tut dies, indem sie sich zu einer äußerst präzisen Wahrnehmung von Menschen, Tieren und der Landschaft zwingt, die sie umgeben.

    Verlusterfahrungen

    Der visuelle Sinn, schon immer ein Zentrum von Kinskys Schreiben, wird hier noch einmal stärker nuanciert, da er durch die Verlusterfahrung gelenkt ist. Immer wieder gerät der Friedhof des Ortes in den Fokus, tote Tiere, Vögel vor allem, das Hinfällige überhaupt.

    Im zweiten und dritten Teil des Romans – Chiavenna und Comacchio – mischt sich der Fremdlings- schließlich mit dem ehemaligen Kinderblick. Will heißen: mit Erinnerungen an den toten Vater, an Familienurlaube in Italien in längst vergangener Zeit, an umbrische Nekropolen, an Lektüren von Pasolini und Bassani, die Mosaiken von Ravenna.

    Alles ist in diesem Buch, das an die Grenzen des Beschreibbaren und des Schweigens führt, ist fragmentarisch und in Schwebe. Das Glück flackert in diesem Trauer- und Erinnerungsbuch, das von Anfängen und jähen Enden erzählt, immer wieder auf, nur kurz zwar, aber lang genug, um dem Leser den Kopf zu verdrehen.

    Trotz seiner Schwere ist auch viel Leben und Schönheit in diesem Roman. Zweimal beschreibt die Erzählerin, wie sie das Grab des englischen Romantikers John Keats in Rom aufsucht, der unheilbar krank nach Italien reiste und sich als Grabinschrift den Satz "Hier liegt einer, dessen Name in Wasser geschrieben ist" wünschte. In der Kunst, auch davon spricht Hain, ist das Hinfällige dauerhafter als das Harte. (Stefan Gmünder, 14.3.2018)

    • Entschlossen und sanft zugleich: Esther Kinsky hat sich nicht nur als Übersetzerin, sondern auch als Autorin einen guten Ruf erschrieben.
      foto: heike steiweg

      Entschlossen und sanft zugleich: Esther Kinsky hat sich nicht nur als Übersetzerin, sondern auch als Autorin einen guten Ruf erschrieben.


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