Der Arzt, der ich nie sein wollte

    Userkommentar15. März 2018, 12:45
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    Ein Arzt des Wiener AKH berichtet, wie Patienten hocheffizient abgearbeitet würden – wie "Produkte auf einem Fließband", schreibt er

    "Es tut mir leid, ich weiß, Sie haben Schmerzen, aber Sie müssen sich gedulden, bitte nehmen Sie wieder Platz." Denn der junge Patient, der unter laufender Reanimation mit dem Hubschrauber gebracht wird, hat Priorität. Kurz nach Übernahme beenden wir die Wiederbelebungsmaßnahmen wieder, weil wir einsehen, dass er zu lange im Donauwasser getrieben, zu lange keinen Sauerstoff im Blut hatte. Die Behandlungsposition muss rasch freigemacht und vom Blut gesäubert werden, denn die nächste Reanimation ist bereits angekündigt. Für ein Gespräch mit den Eltern des Verstorbenen, die in der Zwischenzeit von der Polizei informiert wurden und eingetroffen sind, bleibt nur kurz Zeit.

    Auch bei ihnen muss ich mich entschuldigen und sie bitten, noch einmal Platz zu nehmen, bis das Kriseninterventionsteam eintrifft beziehungsweise unsere Krankenschwestern und Abteilungshelfer das Chaos beseitigt haben, um den letzten Moment, den sie mit ihrem verstorbenen Sohn haben, nicht noch grotesker wirken zu lassen. Ich werde ihnen später alles Weitere erklären. Mir ist schlecht, und ich schäme mich, weil ich mir vorstelle, wie es wäre, selbst vom Tod eines geliebten Menschen unter diesen Umständen zu erfahren, so ganz nebenbei. Das einzig Gute an der Arbeitsintensität ist, dass man im Regelfall keine Zeit für das Aufkommen solcher Emotionen hat.

    In der Zwischenzeit habe ich einen Blick auf den Computerbildschirm der Ambulanz geworfen – die Patienten, die ich dort begutachten sollte, warten mittlerweile knapp drei Stunden.

    Als Arzt bist du eine Maschine

    Es muss wohl auch einer dieser Dienste gewesen sein, als Martina S. die Notfallambulanz des AKH aufsuchte. Die Arbeit hat mich mittlerweile zu einem Arzt gemacht, der ich nie sein wollte. Als Mediziner will ich Zeit für den Menschen haben, der mir gegenübersitzt. Ich will ihm zuhören können und die Möglichkeit haben, seine Beschwerden und Ängste zu verstehen. In den letzten Jahren wurde mir jedoch suggeriert, dass Patienten im Krankenhaus hocheffizient abgearbeitet werden müssen, wie Produkte auf einem Fließband. Als Arzt bist du eine Maschine. Je schneller ein Patient die Ambulanz wieder verlässt, desto geringer der finanzielle Aufwand, und desto weniger Ressourcen werden verbraucht. Wartezeiten entstehen dennoch: zu wenig Personal und zu wenige Behandlungsräume. Gespart wird nämlich auch hier. Fehler passieren dabei in zunehmender Regelmäßigkeit.

    Warum wird die Selbstverständlichkeit dieser Konsequenz geleugnet? Einerseits werden schwerkranke Patienten nach Hause geschickt, weil aufgrund von Einsparungen keine stationären Betten verfügbar sind, oder man ist um 5 Uhr früh nach 21 Stunden durchgehender Arbeit nicht mehr zurechnungsfähig bei der Findung von schwerwiegenden Entscheidungen. Jedes Mal hoffe ich, in diesem Zustand nie meine eigene Familie behandeln zu müssen, und jedes Mal denke ich daran, dass ich als Lkw-Fahrer bereits nach spätestens 15 Stunden eine neunstündige Ruhezeit hätte einlegen müssen. Nach 24 Stunden gehe ich endlich nach Hause, mit der Angst, Menschen Schaden zugefügt zu haben, obwohl es mein Traum war, das Gegenteil zu tun.

    Zuletzt kam es vor, dass ich mir nicht einmal mehr die Zeit nahm, Patienten mit dem Stethoskop abzuhören. Eine Überweisung zum Lungenröntgen schreibt man schneller, als darauf zu warten, dass sich ein altersschwacher Patient sein Oberteil auszieht. Warum also nicht gleich "Lungenfelder frei" in den Patientenakt schreiben, wenn man es korrigieren kann, sollte sich im Lungenröntgen eine Auffälligkeit finden?

    Entwertung der Medizin, Raub der Patientenwürde

    Ich habe nicht Medizin studiert, um diese Art von Medizin zu machen oder zu unterstützen. Ich gebe meinen Idealismus nicht auf und vertraue darauf, dass es anders geht, wenn man Menschen die Zeit, Zuwendung und Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdient haben.

    Kürzlich kam ein Patient in Begleitung seiner Frau zu mir. Über den Lungenkrebs im Endstadium waren beide aufgeklärt. Er berichtete von seiner Atemnot im flachen Liegen und von der Angst, im Schlaf zu ersticken, weshalb er seit drei Wochen nur noch kurze Nickerchen im Fernsehsessel machte. Zusätzlich hatte er Schmerzen, weil seine Therapie schon seit Monaten nicht an die fortschreitenden Metastasen angepasst wurde. Er wünschte sich, wieder essen zu können, wieder Appetit zu haben. Dass er bald am Krebs sterben würde, wussten er und seine Frau, und davor hatte er auch keine Angst. Aber es fehle ihm die "Würde und die Lebensqualität" bis zu diesem Punkt, sagte er. Als ich mein Stethoskop auspackte und seine Lungen abhörte, schnaufte er nüchtern: "Sie sind der erste Arzt im Krankenhaus, der mich abgehört hat", und seine Frau begann dabei zu weinen.

    Ich habe in den letzten Jahren aus Wut und Verzweiflung mehrfach über die katastrophalen Arbeitsbedingungen geschrieben, unterschiedliche Medien kontaktiert, darüber informiert, dass eine adäquate Behandlung der Patienten an der Universitätsklinik für Notfallmedizin nicht mehr möglich ist. Wenig davon wurde wahrgenommen, und bis heute hat sich an den Zuständen nichts geändert. Wenn unsere Medizin weiter mit der Rechtfertigung einer Effizienzsteigerung kaputtgemacht wird, entwertet man sie genauso, wie man den Patienten ihre Würde nimmt. Wenn wir als Mediziner weiter gezwungen werden, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, werden auch weiterhin regelmäßig Menschen zu Schaden kommen. (Christian K., 15.3.2018)

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