Georg Kleins "Miakro": Gefesselt im Dunkeln

    Rezension14. März 2018, 14:19
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    Der große Phantast der deutschen Gegenwartsliteratur ist für den Leipziger Buchpreis nominiert

    Wenn Männer zu tief ins Glas schauen, dann sehen sie gern einmal etwas doppelt. Selten wurde dieser alltägliche Befund in so großem Stil ausformuliert wie in Georg Kleins neuem Roman "Miakro". Hier tut sich eine ganze Welt auf, die darauf beruht, dass Männer ins Glas schauen. Allerdings hat das nicht mit Alkohol zu tun, der gewöhnlich aus Gläsern getrunken wird, sondern mit einer ganz anderen Verdoppelung: Das Büro, mit dem hier alles beginnt, erinnert ein wenig an das berühmte Höhlengleichnis des Philosophen Platon. Dort sitzen die Menschen gefesselt im Dunkeln und sehen Schatten zu, die über die Wände geistern.

    In "Miakro" ist das Mittlere Büro eine Welt, in der Männer an Glastischen arbeiten, mit denen sie beinahe verwachsen sind. Im Glas sehen sie Dinge vorbeiziehen, die auf etwas verweisen, was vielleicht anderswo oder außerhalb geschieht, zumindest aber erfahren sie auf diese Weise, wenn sich irgendwo ein neuer "Nährflur" auftut, der dann eine rote Tunke zu den Süßkartoffeln ausspuckt (oder aus der Wand absondert, also "auswandet"). Das Mittlere Büro zeigt sich als eine typische Schwundstufe des Existenziellen, ein organisch anmutendes Verlies, in dem den Männern die Haare ausfallen.

    Wenn man dabei an Tolkiens unterirdischen Gnom Gollum denkt, liegt man nicht ganz verkehrt, man würde aber die radikale Phantastik von Georg Klein zu konkret verwurzeln. Ihm geht es in "Miakro" einmal mehr wirklich um das Ganze, und das bedeutet: Ein Roman schafft eine Welt aus dem Nichts, rein mit den Mitteln der Sprache. Naheliegenderweise kommt es dabei nicht so sehr auf die Lichtquelle an (die spielt auch eine Rolle), sondern auf das "Heißen und Benennen". Eine Welt wird zu einer Welt, indem die Dinge einen Namen bekommen. Weil wir beim Lesen aber immer auch die Welt vor Augen haben, in der Georg Klein ein für den Leipziger Buchpreis nominierter Autor ist und in der das Bücherlesen unter dem Druck vieler neuer Medien steht, wird man bei der "Glasarbeit" in "Miakro" wohl ganz einfach auch an den Computerbildschirm denken, den großen Saugnapf der Gegenwart.

    Man könnte sagen: Klein interessiert sich hier für die "Höhlenausgänge" (Hans Blumenberg) des digitalen Zeitalters. Und er erzählt davon auf die wunderbar hintersinnigste Weise. Denn zuerst einmal folgt man ihm bereitwillig in die Schächte, in denen die Leute fast schon vergessen haben, "was Welt war". Kein Wunder, das da unten (oder drinnen, im Text) ist ja auch eine ganz eigene, fremde und seltsame Welt. Und man will zuerst einmal einfach wissen, wie das alles funktioniert, warum gelegentlich Gabeln zum Essen "ausgewandet" werden und anderntags keine Tunke. Dann aber wird bald klar, dass es hier zum Verzweifeln wäre, wenn niemand einen Ausbruch wagt. Zumal Wehler, einer der Kollegen, von einer Wandöffnung verschluckt wurde – nach draußen?

    Verschlingung von Mikrokosmos und Makrokosmos

    Ein paar der früh vergreisten Glasarbeiter machen sich also auf den Weg. Bei dieser Expedition kann man nun an alles Mögliche denken, sie führt auch eindeutig nach draußen, allerdings wird zunehmend fraglich, wie sich Drinnen und Draußen hier genau zueinander verhalten. Und hier beginnt das eigentliche Abenteuer des Texts, das Georg Klein mit dem Titel in etwa andeutet: "Miakro", das wäre wohl so etwas wie eine Verschlingung von Mikrokosmos und Makrokosmos. Für die englische Übersetzung könnte man dazu gleich einmal einen Witz vorschlagen, denn was Klein hier entwirft, ist so etwas wie ein "Inwand Empire", ein Fabelreich, das sich möglicherweise in wesentlichen Teilen auf der Innenseite von Gefäßen abspielt, die möglichst nichts "auswanden" sollen.

    Seit seinem Debüt mit "Libidissi" ist Klein der große Phantast der deutschen Gegenwartsliteratur. Seine Phantastik lebt von der immer auch komischen Spannung zwischen literarischen Paralleluniversen (wäre Kafka aus Bayern und kein Prager Jude gewesen, er hätte sich mit Klein vielleicht bestens verstanden, aber auch so versteht Klein sich prächtig auf Kafka und auf seine persönliche Nahdistanz zu ihm) und realen Verständnishorizonten (der Orient in "Libidissi", der Mars in "Die Zukunft des Mars"). In der Phantastik geht es immer um einen großen Wurf, der sich aber im Detail zeigen muss. Und da ist Klein dann nicht zuletzt ein liebevoller Ausmaler, dem es weniger darum geht, die denkbaren Abgründe seiner Welten auch wirklich einmal radikal aufklaffen zu lassen (da ist er von Kafka eben dann doch Welten entfernt), als sich ein wenig darüber zu amüsieren, wenn der Naturkontrollagentin Xazy das Dixiklo umfällt.

    Diese Agentin Xazy ist eine Hauptfigur im zweiten Teil von "Miakro", in den sich der erste Teil irgendwann beiläufig verwandelt. Binnenperspektive trifft dann auf Außenperspektive, aber wiederum nicht so, dass einfach die eine die andere erhellt. Stattdessen enthalten die beiden Perspektiven einander vermutlich so, dass die eine in die andere eindringt – wie ein Alien. Aus Anspielungen auf Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker und auf die Blutkreislaufodyssee "Die phantastische Reise" macht Klein ein Abenteuer, in dem er sich selbst wohl eher auf der Seite der Glasarbeiter verorten müsste: ein filigraner, eleganter, auch verschrobener und zum Philiströsen neigender Textarbeiter, der aus den digitalen Höhlen der Gegenwart am liebsten in die analoge Freiheit immer neuer "Wortgebilde" auswandern würde. (Bert Rebhandl, 14.3.2018)

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