Von Adidas bis Saucony: Frühlingslaufschuhe im Test

Blog14. März 2018, 07:17
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Nicht ganz zufällig werden pünktlich zu Frühlingsbeginn neue Schlapfen von Adidas und Asics, On, New Balance und Saucony unters Volk gebracht

foto: thomas rottenberg

Ich habe längst aufgegeben zu zählen, wie oft ich in den letzten zehn Tagen das Wort "zum Saisonbeginn" gelesen habe. Und PR-Leute zu fragen, ob sie glauben, was sie schreiben, ist müßig: Sie wissen selbst, dass die Laufsaison nicht erst losgeht, wenn die Temperaturen an der zweistelligen (Plus-)Grad-Grenze schrammen. Aber das ist "part of the game": Knapp vor Ostern liegen neue Schuhe im Körbchen. Und, viel wichtiger, im Regal.

Denn auch wenn der Schuh schon Monate zuvor an Tester ausgeliefert wurde (und bereits jetzt Modelle der Herbstsaison mit dem Vermerk "Sperrfrist" kommen), stimmt eines: Das Gros der Läufer und Jogger schlüpft jetzt wieder in die Laufschuhe. Denn obwohl Winterläufe ihren Reiz haben, ist es doch feiner, sich von der Frühlingssonne kitzeln zu lassen. (So wie hier beim Gruppenspazierlauf am Sonntag: von der City an den untersten Zipfel der Donauinsel und zurück).

Wenn alles knospt und keimt, wollen auch Läuferinnen und Läufer neue Ware. Schuhe zum Beispiel. Der Unterschied zwischen "Wollen" und "Brauchen" spielt da keine Rolle. So wie im wirklichen Leben ja auch.

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foto: thomas rottenberg

Darum gibt es hier und heute auch einen nicht repräsentativen, aber umso subjektiveren Mix an Laufschuhen. Sie alle wurden mir als Testschuhe zur Verfügung gestellt. Das Ansinnen, getragene Laufschuhe zurückzugeben, wird – sogar dann, wenn man es (die ersten paar Male) ernst gemeint anmeldet –, mit einer Mischung aus Erheiterung und Entsetzen quittiert. In der Regel kommt der Hinweis auf karitative Schuhsammlungen und Laufgruppen mit Menschen, die sich die teuren Schlapfen nicht leisten können. Und die Bitte, die Schuhe weiter zu tragen: Läufer sehen einander auf die Füße, das ist kein Geheimnis. Dass "öffentliche" Läufer gefragt werden, was sie warum verwenden, ist naheliegend.

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foto: thomas rottenberg

Wichtiger als die als Compliance-Diskurs getarnte Neiddiskussion, die sich weder vermeiden noch online zivilisiert führen lässt, ist mir etwas anderes: Jeder Schuh ist nur so gut, wie er zum ihn tragenden Fuß passt.

Lauftechnik, Laufstil, Tempo und Distanzen können "super" zu "unbrauchbar" machen. Und von Fehlstellungen haben wir da noch gar nicht geplaudert.

Gut möglich, dass der schönste Schuh der coolsten Marke bei Ihnen nicht funktioniert. Und just das schiachste Teil toll performt: Das ist dann halt so.

Kurz: Ohne eingehende Beratung würde ich mir keinen Laufschuh verkaufen lassen. Das kostet Zeit und ist teurer als im Superrabatt-Online-Shop – aber es zahlt sich aus.

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foto: thomas rottenberg

Der erste Schuh ist gleich so ein Beispiel: teuer, prestigeträchtig – aber wahrlich nicht für jeden tauglich. Der Sub 2 von Adidas wird bescheiden als "most advanced, fast and lightweight running shoe ever created by adidas" beworben. Wilson Kipsang trug im September beim Versuch, in Berlin den Marathonweltrekord zu brechen, den ursprünglich nur für Eliteathleten verfügbaren Schuh. Natürlich sorgte genau das für jene Begehrlichkeit, die Hersteller sich wünschen: Der Schuh ist offiziell seit Mitte März erhältlich. Als ich vergangene Woche mein erstes Bild vom Spezialistenschlapfen am Hobettenfuß postete, kam prompt "Gibt es den leicht schon?"-Hecheln aus den sozialen Netzen: Ja, es gibt ihn. Er ist geil. Aber.

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foto: thomas rottenberg

Dieses Aber zählt: Der Sub 2 ist schnell, leicht, direkt – und brutal. Er verzeiht keine Fehler und "bestraft" unsaubere Technik sofort: Ich knicke rechts – seit jeher – im Sprunggelenk leicht nach innen. Mit Lauftechniktraining bekommt man so was in den Griff. Wird der Fuß aber müde, zeigt sich der Fehler. Speed macht Füße müde, aber ein Schuh wie der Sub 2 braucht Tempo, dann macht er Spaß. Doch es dauerte keine 20 Minuten, bis er mich "outete": "Du knickst rechts nach innen!", rief Herzdame beim ersten Probelauf – lange bevor ich es spürte.

Bei kurzen, schnellen Einheiten, auf der Bahn, bei Tempo- und Intervallläufen werde ich den Sub 2 lieben, aber dass ich mir mehr als 14 Kilometer mit ihm zutraue, bezweifle ich. Meinen ersten Eindruck ergänzte die Halbmarathon- und Duathlon-Staatsmeisterin – und obwohl Adidas-Athletin, absolut unbestechliche Sandrina Illes (auf Facebook): "Ich find ihn grad für die lange Langstrecke gut positioniert: keine schwammige Dämpfung, wo man eher instabil wird. Haltbarkeit wird sich noch herausstellen, aber sieht mir auf den ersten Blick doch robust aus. Grip find ich auch gut. Allerdings empfinde ich den Schuh nicht als extremen Wettkampfschuh, eher für die zwei Stunden Renndauer, die schon im Namen stecken. Mir taugt er." Illes ist Weltklasse, ich das Gegenteil. Das passt: Taxifahrer fahren keine Formel-1-Rennen. Auch weil Rennautos teuer sind: Für knapp 200 Euro muss man einen Schuh schon sehr haben wollen.

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foto: thomas rottenberg

Ganz anders ging es mir mit dem zweiten Adidas-Schuh. Den reichte mir Michael Wernbacher von We Move mit den Worten "Probier mal". Den Adizero Boston gibt es schon einige Jahre, derzeit hält man bei Version 6. Mir ging es mit dem soeben im Whiter-than-white-Design präsentierten Schuh zunächst so wie dem "Harlerunner": Der deutsche Blogger, der (mittlerweile fast unüblich) nicht bloß Presseaussendungen durch Superlative ergänzt, schrieb im Oktober entsetzt: "Den Boston gibt es in einigen schönen Farben, daher war ich zunächst etwas erschrocken, als ich das weiße Modell zum Testen erhielt." Dabei hatten seine ja noch schwarze Streifen. "Mein" Boston war Weiß auf Weiß. Hilfe!

Egal, wird er halt dreckig. Denn schon beim ersten Anziehen war der Schuh angenehm, fast zu angenehm: Hatte der Sub 2 wie ein Handschuh gepasst, hatte ich hier im Zehenbereich Spiel und Raum, aber es war die gleiche Größe.

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foto: thomas rottenberg

Abgesehen von dieser Überraschung (und nach dem massiven Engerziehen der Schuhbänder) war der Schuh das, was ich mir von einem leichten, neutralen und reduzierten Schuh, dem ich auch 42 k zutraue, erwarte: guter Grip, keine übertriebene Dämpfung, solider Halt, keine übertriebene Führung.

Sohle, Dynamik und Performance des 140 Euro teuren Schlapfens erinnern mich frappant an Sauconys Kinvara und Freedom. Das waren 2017 meine unangefochtenen Lieblingsschuhe.

Freilich: Vermutlich hätte ich den neutralen Boston nicht "ab Schachtel" für einen zügigen 28-k-Lauf anziehen sollen. Und vermutlich war es auch nicht schlau, das mit der spürbaren Vorbelastung des Sub 2 vom Vortag zu tun: Der rechte Knöchel und das rechte Knie meldeten sich danach. Nicht schlimm, aber doch ein Hinweis auf meine Achillesferse.

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foto: thomas rottenberg

Nachher ist man klüger: Wahrscheinlich wäre ich mit dem soeben in die Läden gekommenen achten Modell des New-Balance-Klassikers Fresh Foam 1080 eine Spur langsamer gewesen, hätte aber genau gar nix gespürt. Der 1080 v8 ist wie seine Vorgänger ein solider Allrounder: neutral, aber so konzipiert, dass ermüdende Füße mit leichtem Pronationsthema ein bisserl Stütze bekommen. Darüber, ob das Service oder die Aufforderung, das Techniktraining schleifen zu lassen, ist, kann man streiten. Unbestritten ist, dass solche Schuhe bei Genussläufen mehr als eine komfortable Option darstellen: Mit acht Millimetern Sprengung (also dem Höhenunterschied zwischen Ferse und Zehe) holt der am stärksten gedämpfte NB-Laufschuh das "Hauptfeld" der Hobbyläufer exakt dort ab, wo es ist.

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foto: thomas rottenberg

Darum war es kein Zufall, dass ich diesen Schuh bei Laufen hilft bekam: New Balance hatte dorthin ganz bewusst Lifestyle- und Fitnessblogger (im Bild: Anna-Maria Posch aka Posch Style mit dem Damenmodell) eingeladen. Ein solider, angenehmer, gut und problemlos zu laufender Schuh, der meist zwischen 140 und 160 Euro angeboten wird und in mehreren Weiten kommt. Für Läuferinnen und Läufer, die "einfach nur fein laufen" wollen, genau richtig: Man fliegt keine Loopings mit Überschallgeschwindigkeit, riskiert aber auch keinen Absturz.

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foto: melanie trimmel

Das klingt arroganter, als es gemeint ist: Die Gemütlichkeit "klassisch" gedämpfter Schuhe hat absolut ihren Platz im Schuhregal. Und ich kenne wirklich gute Läuferinnen und Läufer, die (auch) auf solche Schuhe schwören. Meine Vereinskollegin Melanie Trimmel etwa: Mel ist schnell. Am Sonntag war sie beim dritten VCM-Winterserienlauf mit 1:29:25 drittschnellste Frau über die Halbmarathondistanz.

Die angehende Medizinerin hat, eh klar, nicht nur ein Paar Laufschuhe: "In meinem Laufschuhsortiment darf einer nicht fehlen: ein Schuh mit viel Dämpfung." Und weil Erfahrung Vertrauen und Vertrauen Prägung schafft, schwört Mel da auf jene Marke, die das Synonym für starke Dämpfung ist: Asics. "Die letzten beiden Paare waren der Cumulus 17. Weil ich hochzufrieden war, wollte ich dabei bleiben. Doch schon bei der Anprobe des Cumulus 18 kam der Schreck: Der Schnitt fühlt sich ganz anders an. Das kann doch nicht der Nachfolger sein! Obwohl etwas besser, passte dann auch die 19er-Auflage nicht." Dennoch blieb Melanie der Marke treu: "Die Wahl fiel dann auf den Nimbus 20. Der passte. Und wie!"

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foto: melanie trimmel

Läuferinnen wie Mel können durchaus ins Detail gehen: "Bequem, mit viel Sprengung (10 mm) und dabei nicht zu schwer und klobig, zeigt der Nimbus vor allem bei langen Einheiten seine Vorteile. Er verzeiht 'unsauberes' Laufen mit müden Beinen, erlaubt spontane Trailpassagen, eignet sich bestens für Tempowechsel und bleibt bis zum letzten Meter Freund meiner Füße. Damit ist er definitiv ein Schuh für draußen. Mit dem Laufband verträgt er sich nicht. Was ich von meinen bisherigen Asics-Modellen kenne und auch hier erwarte: Die von mir so geliebte Dämpfung lässt bald nach. Der Schuh wird härter, aber nicht untragbar. Fazit: ein neutraler Laufschuh für lange Läufe mit absolutem 'Wohlfühlfaktor'."

Erstens: Melanie ist weder Asics-Frontrunnerin noch dem Label sonst wie verpflichtet. Aber Heavy User haben selten Lust auf Experimente, Markentreue gibt es daher nicht nur bei Autofreaks. Zweitens: Ihre Erfahrung mit unterschiedlichen Versionen eines Schuhs zeigt, dass Nachfolgemodelle nicht zwingend "performen" wie die Vorgänger. Wiens Laufschuh-Grandseigneur Hans Blutsch spricht oft und gerne von "verschlechtbesserten" Schuhen. Aber bis man das am eigenen Leib erlebt, glaubt man es nicht. Drittens: Unlängst stolperte ORF-Anchor Roman Rafreider online nichtsahnend in eine Laufdiskussion – und staunte: "Redet ihr über das, was man als Kind lernt und dann einfach tut?" Ja, aber man kann schließlich auch über die Kunst, Wasser zum Kochen zu bringen, eine Dissertation schreiben.

Viertens: Der Hersteller preist den Nimbus 20 mit 180 Euro aus.

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foto: thomas rottenberg

In so einem Umfeld ist das große Thema vieler Labels das Generieren von Aufmerksamkeit. Die Großen tun sich leichter: Es ist selten Zufall, welcher Schuh aufs Cover einer Laufzeitschrift kommt. Kleinere müssen dann Ideen statt Budget haben. Um den Cloud X vorzustellen, tourt deshalb das Schweizer Kultlabel On Running gerade durch Europa. Statt zum Laufen bittet man ins Fitnesscenter. Offiziell um zu zeigen, dass der um 140 Euro angebotene Cloud X genug Seitenstabilität hat: Was bei Aerobic-Sidesteps Halt bietet, wird ja wohl auch beim Laufen funktionieren. Nicht ohne Grund laute das Motto des Schuhs schlicht "reduziert auf das Maximum".

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foto: thomas rottenberg

Ich bin trotzdem laufen gegangen, zunächst im eisig-verschneiten Prater. Auch wenn der Cloud X kein Winterschuh ist, war ich zufrieden: Die Sohle war hart, aber nicht zu hart. Das Versprechen, dass die breiteren Rillen zwischen den On-typischen "Clouds" (den Dämpfungsbögen der Sohle) nun so breit seien, dass keine Steine mehr steckenbleiben würden (eine On-Dauerbeschwerde), erfüllte sich.

Einige On-nicht-mehr-User hatten mich auch gewarnt, dass sie auch in den Wolken gefangene Steinchen genervt hätten. Es lag genug Rollsplitt auf der Hauptallee, aber er blieb dort. Dass mir (ich lief an einem der Morgen mit) bei minus zwölf Grad anfangs die Zehen einfroren, ist nicht die Schuld des Schuhs: Das superleichte, dünne Mesh-Obermaterial wird ausdrücklich als luftdurchlässiges, leichtes Gewebe beworben. Wer so was bei Minusgraden anzieht, weiß, worauf er sich einlässt.

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foto: thomas rottenberg

Was aber erst unter Laborbedingungen klar zutage tritt, ist, wie wenig Halt dieses Mesh-Material dem Fuß gibt: Ich bin den On auch im Dusika-Stadion gelaufen. Die harten, verstärkten, Clouds machen ihn schnell – im Abdruck. Bei der Landung geht man dann aber im Vorderteil des Schuhs rodeln. Dass der Schuh nicht für die Bahn konzipiert ist? Ja, eh. Aber auch auf der Straße darf ein Schuh nicht "schwammig" sein, auf der Bahn merkt man es unmittelbarer.

Sicherheitshalber fragte ich in zwei der drei guten Wiener Straßenlaufschuh-Spezialshops, ob das nur mein persönlicher Eindruck sei. Die Antworten waren identisch: "Nein, der Schuh ist vorne schwammig. Das wissen die Schweizer aber eh." Dennoch wird sich der Cloud X gut verkaufen: Wie fast alle On-Schuhe sieht er mehr als gut aus und wird deshalb als kultiger Alltagssneaker getragen. Auch von mir.

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"Kult" steht auch über dem letzten Schuh: Dass der Kinvara 2017 ein Lieblingsschuh war, habe ich schon erwähnt. "Kennengelernt" habe ich ihn im Sommer, als Saucony mich zum Race to Kinvara einlud. Als Eventschuh gab es eine quietschgelbe Sonderedition des Kinvara 8. Der verwirrte den hier schon vorgestellten "Harlerunner" auf einem Foto so, dass er nachfragte, ob ich eventuell einen Schuh liefe, von dem er noch nichts gehört hätte.

Mitnichten. Aber die "Sonderlackierung" ist auffällig – und Freaks sind Freaks. Aus der Instagram-Welt bekomme ich regelmäßig Anfragen, ob ich den Schuh verkaufen würde. 350 Dollar war das Höchstgebot – für einen Schuh, dem man seine 1.000 Kilometer ansieht. Verstehen muss ich das ja nicht.

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Unlängst schlug dann der Nachfolger, der Kinvara 9, bei mir auf. Nicht im exklusiven Eventdesign, sondern im "Life on the run"-genannten, schwarzen "Neutrallook". Mit dem will Saucony "echte" Laufschuhe business-casual und alltagstauglich machen, weil (so heißt es) immer mehr Menschen die Vorzüge eines guten Laufschuhs auch im Alltag nutzen wollen. Oder auf Businesstrips kein zweites Paar Schuhe ins Handgepäck stopfen können. Ich kann beides nachvollziehen.

Gelaufen bin ich den Neuner bisher nur auf der Bahn, Unterschied zum Vorgänger spürte ich keinen. Dennoch werde ich den alten Schuh nicht verkaufen. Erstens grundsätzlich, weil ich "Testgeräte" nicht verkaufe. Zweitens aber, weil ich genauso deppert bin wie die Leute, die mir einen niedergetrampelten, x-fach durchgeschwitzten Schuh abkaufen wollen: Das Teil ist nicht nur Wohnort seltsamer Gerüche, sondern auch von Erinnerungen. Und die gebe ich nicht her. (Thomas Rottenberg, 14.3.2018)

Mehr Lauf- und Trainingsgeschichten gibt es auf www.derrottenberg.com

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Test-Laufschuhe werden von Herstellern nicht zurückgenommen. Sie werden verwendet, bis sie auseinander fallen – oder an Menschen weitergegeben, die sie sich nicht leisten könnten.


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