Nervengift: May beruft russischen Botschafter ein und droht mit Härte

Video12. März 2018, 19:36
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Premierministerin: Botschafter soll Fund von Nervengift Nowitschok in Salisbury erklären – Moskau spricht von "Zirkusvorstellung"

London – Der Mordanschlag von Salisbury auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal sowie dessen Tochter Julia wurde mit einem Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Reihe verübt. "Höchstwahrscheinlich war Russland dafür verantwortlich", sagte Premierministerin Theresa May am Montag im Unterhaus. Ihre Regierung habe Moskaus Botschafter einbestellt und ein Ultimatum bis Dienstagabend übermittelt: Bis dahin müsse Russland das Nowitschok- Programm offenlegen. Andernfalls werde London schlussfolgern, "dass es sich um einen unrechtmäßigen Gewaltakt Russlands gegen das Vereinigte Königreich handelt".

Die Wirkstoffe der Nowitschok-Reihe wurden zwischen 1970 und 1990 in der damaligen Sowjetunion hergestellt. Die Wirkung einzelner der bis zu 100 Varianten soll bis zu achtmal so stark sein wie der bekanntere Nervenkampfstoff VX. Dass eine dieser Varianten bei dem Attentat am vorletzten Sonntag zum Einsatz kam, hätten Experten des ABC-Labors von Porton Down zweifelsfrei festgestellt, erläuterte die Regierungschefin.

Frist bis Mittwoch

Mit der von May geforderten Offenlegung ist eine Meldung an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) gemeint. Entweder stecke Russland selbst hinter dem Anschlag, oder es habe die Kontrolle über den hochgiftigen Stoff verloren, der dann von den Attentätern eingesetzt wurde. Im letzteren Fall wäre gemäß dem OPCW-Statut längst eine Meldung fällig gewesen. Das Exekutivkomitee der 192 Vertragsstaaten umfassenden Gemeinschaft tagt diese Woche in Den Haag.

Sergej (66) und Julia Skripal (33) werden seit vorletztem Sonntag auf der Intensivstation des Bezirksspitals von Salisbury behandelt, ihr Zustand gilt als kritisch. Ein Polizist, der ihnen zu Hilfe geeilt war, befindet sich auf dem Weg der Besserung. Dass beide Hauptopfer das Attentat mehr als eine Woche überlebt haben, verdanken sie wahrscheinlich dem Umstand, dass das 40.000-Einwohner-Städtchen nur zehn Kilometer vom ABC-Labor Porton Down entfernt liegt. Das örtliche Krankenhaus dürfte deshalb auf etwaige Zwischenfälle besser vorbereitet gewesen sein als die Kliniken vergleichbar großer Städte.

Skripal hatte im militärischen Geheimdienst Russlands gedient, zuletzt als Oberst. Als Spion des britischen Auslandsdiensts MI6 verurteilt, kam er 2010 im Rahmen eines Agentenaustauschs frei und lebte seither in England. Seine Tochter war zu einem Besuch gekommen. Gemeinsam aßen die beiden im italienischen Restaurant Zizzi zu Mittag und tranken etwas im Pub The Mill. In beiden Lokalen wurden Spuren des Nervenkampfstoffs gefunden. Rund 500 Menschen, die zwischen Sonntagmittag und Montagabend das Pub und die Pizzeria besucht hatten, wurden "zur Vermeidung eines Restrisikos" aufgefordert, ihre Kleider zu waschen und Mobiltelefone oder Geldbeutel gründlich abzuwischen.

"Antirussische Propaganda"

Moskaus Außenministerium reagierte binnen Minuten. Die staatliche Agentur Interfax zitierte eine Aussendung mit den Worten, Mays Auftritt vor dem Parlament sei eine "Zirkusvorstellung" gewesen. Moskau streitet jede Beteiligung an dem Attentat ab und klagt über antirussische Propaganda. Die Spekulationen zielten weiters darauf ab, "Spannungen zu erhöhen", kritisierte Außenminister Sergej Lawrow.

Die Art des Attentats stellt Geheimdienstbeobachter vor ein Rätsel. Normalerweise würden unerwünschte Personen auf geräuschlose Weise umgebracht, glaubt ein Kenner der Verhältnisse. Dieser Theorie zufolge hätten die Attentäter von Salisbury entweder gepfuscht – oder sie wollten mit ihrer Vorgehensweise ein demonstratives Signal geben. Letzterer Variante neigt der konservative Unterhausabgeordnete Edward Leigh zu: Er spricht von einer "Demütigung unseres Landes".

Ausweichende Verdammung aus Washington

Ob die USA die britischen Vorwürfe übernehmen würde, war zunächst noch in Frage gestanden, da es aus Washington in den vergangenen Tagen keinen Kommentar zur Angelegenheit gegeben hatte. Am Montagabend ließ Präsident Donald Trump dann aber doch über seine Presseabteilung mitteilen, dass man auch in den Vereinigten Staaten die Tat "vollständig verdamme" und "an der Seite unseren engsten Verbündeten" stehe. Gemeint war damit Großbritannien. Der Frage, ob ihre Regierung ebenso wie britische Premierministerin Theresa May davon ausgehe, dass Russland hinter dem Anschlag steckt, wich Sprecherin Sarah Huckabee Sanders allerdings aus. Die Briten untersuchten noch "Details" des Vorfalls, sagte sie.

Die Attacke auf Skripal erinnert an den Fall des KGB-Überläufers Alexander Litwinenko. Dieser war 2006 mitten in London mit Polonium-210 radioaktiv vergiftet worden. Der Londoner High Court machte dafür "mit hoher Wahrscheinlichkeit" den russischen Geheimdienst, namentlich dessen damaligen Chef Nikolai Patruschew, "sowie auch Präsident Putin" verantwortlich. Auch in diesem Fall weist der Kreml die Verantwortung zurück.

Gefährliches Kampfmittel als Visitenkarte

Der Fund des Nervengifts Nowitschok jedenfalls gilt – sollte er sich bestätigen – tatsächlich als starker Hinweis auf Russland. Dass das Kampfmittel außerhalb der Kontrolle des russischen Staates gelangt sein könnte, gilt als wenig wahrscheinlich. Gerade deshalb deutet der Fund darauf hin, dass Moskau mit dem Fund auch eine Botschaft senden wollte.

Die politische Situation in Russland ist derzeit angespannter als sonst – am kommenden Sonntag findet die erste Runde der Präsidentenwahlen statt, für die sich Staatschef Wladimir Putin das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent mindestens 70 Prozent der Stimmen zu gewinnen. (Sebastian Borger aus London, red, Reuters, APA, 12.3.2018)

  • Theresa May beschuldigt Moskau, hinter dem Mordversuch an einem ehemaligen Doppelagenten in Salisbury zu stecken.
    foto: afp

    Theresa May beschuldigt Moskau, hinter dem Mordversuch an einem ehemaligen Doppelagenten in Salisbury zu stecken.

  • Die Nachforschungen in dem südenglischen Ort liefen auch noch am Montag.
    foto: apa / afp / adrian dennis

    Die Nachforschungen in dem südenglischen Ort liefen auch noch am Montag.

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