Touristenmassen: Städte suchen Mittel gegen "Overtourism"

    12. März 2018, 10:32
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    Massenansturm von Touristen in der Hochsaison wird immer stärker als Problem wahrgenommen

    Berlin – Ob auf dem Markusplatz in Venedig oder der Promenade "Las Ramblas" in Barcelona – an vielen schönen Orten stehen sich die Touristen in der Hochsaison gegenseitig auf den Füßen. Das ärgert nicht nur manchen Reisenden, es ruft auch vermehrt Proteste der Anwohner gegen "Overtourism" hervor. Das Phänomen ist ein viel diskutiertes Thema auf der Touristikmesse ITB in Berlin, die am Wochenende zu Ende geht.

    Der Reisebranche macht es Kopfschmerzen, wenn Urlauber als Plage betrachtet werden. "Schließlich schafft Tourismus Arbeitsplätze und Wohlstand und bekämpft die Armut – aber er sollte für jeden ein Vorteil sein", sagte Gloria Guevara, Präsidentin des Welttourismusverbandes WTTC. "Wir sind gefragt, an Lösungen zu arbeiten und nicht als Branche Opfer unseres eigenen Erfolges zu werden", mahnte auch der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft, Michael Frenzel.

    Strategie gegen Überfüllung

    Mit dem Beratungsunternehmen McKinsey arbeitet der WTTC an einer Strategie gegen die Überfüllung, die in sechs Städten erprobt werden soll. Einige Orte setzen bereits Smartphone-Apps und Car-Sharing-Angebote ein, um dichte Menschenansammlungen zu entzerren. Denn nicht nur die Anwohner beschweren sich. Auch neun Prozent der Touristen gaben in einer Umfrage der Beratung IPK an, Überfüllung habe im vergangenen Jahr ihre Urlaubsfreude getrübt. Spanien war davon besonders betroffen, weil nach Anschlägen und politischen Unruhen viele Reisende die Türkei oder Ägypten mieden und sich im vergangenen Jahr am westlichen Mittelmeer ballten.

    Barcelona arbeitet deshalb mit seiner Regionalvertretung an einem Marketingplan, wie Touristen auch ins Umland gelockt werden können. "Barcelona ist klein, und es hat noch viel mehr an Attraktionen zu bieten außerhalb der Stadt", sagte Tourismusdirektor Joan Torrella Rene. Auch New York City hat eine Kampagne gestartet, damit die Gäste sich nicht mehr so dicht in Manhattan oder an der Freiheitsstatue drängen. Sonderangebote zu Restaurant- oder Broadway-Wochen sollen die Besucher dazu bringen, schon im Januar oder Februar anzureisen.

    Gratwanderung

    Mit dem Problem zu vieler Menschen auf zu engem Raum schlägt sich auch Mato Frankovic herum, der Bürgermeister von Dubrovnik. "Überfüllte Reiseorte sind erfolgreich, aber es ist eine Gratwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg", sagte er. In der malerischen Altstadt an der kroatischen Adriaküste ist im Sommer kein Durchkommen mehr, wenn Tausende Erholungssuchende aus gleich mehreren Kreuzfahrtschiffen strömen. Das Stadtoberhaupt ergriff die Initiative und handelte mit dem Kreuzfahrtverband aus, dass die Schiffe ihre Anlegezeiten besser abstimmen. Auch moderne Technik soll helfen: Ende des Jahres will Dubrovnik eine App anbieten, die es anzeigt, wenn die Altstadt zu voll ist und den Weg zu anderen Sehenswürdigkeiten außerhalb der Stadtmauern weist. Günstige Car-Sharing-Angebote sollen auch dazu beitragen, den Besucheransturm zu kanalisieren.

    Auch das größte chinesische Online-Buchungsportal Ctrip versucht, die Touristen schon bei der Buchung von überlaufenen Orten mit hohen Hotelpreisen abzubringen. Für hoch frequentierte Reiseziele empfiehlt Ctrip frühzeitig Alternativen. Davon haben alle was, wie Firmenchefin Jane Jie Sun erklärt. "Die Verbraucher freuen sich, wenn sie das Beste aus ihrer Reise herausholen. Die Hotels können die Kunden besser bedienen. Und die Airlines vermeiden Überkapazität auf der einen und Unterauslastung auf anderen Strecken." Die Einwohner der Reiseländer sollten bei aller Kritik eines nicht vergessen: Reisen trage zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung weltweit bei. (REUTERS, Victoria Bryan, Maria Sheahan, 12.3.2018)

    • In Städten wie Barcelona regt sich Widerstand gegen die Touristenmassen.
      foto: apa/afp/josep lago

      In Städten wie Barcelona regt sich Widerstand gegen die Touristenmassen.

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