Größte Proteste seit 1989: Ein Journalistenmord wühlt die Slowakei auf

    11. März 2018, 18:22
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    Der Mord an Ján Kuciak und seiner Verlobten bedeutet eine Zäsur für das Land

    "Alle für Ján", steht auf den einfachen, weißen Buttons, die viele Menschen sich ans Revers geheftet haben. Gemeint ist Ján Kuciak, jener 27-jährige Enthüllungsjournalist, der Ende Februar erschossen in seinem Haus unweit von Bratislava aufgefunden worden war. Sein Tod – und der seiner mit ihm ermordeten Verlobten – prägte auch am vergangenen Wochenende die Atmosphäre in den Straßen der slowakischen Hauptstadt.

    Die Titelseiten der Zeitungen kennen nur ein Thema, auf spontan gemalten Plakaten machen vor allem junge Leute ihrem Unmut Luft. Denn, so die allgemeine These, die auch der Polizeipräsident schon bald nach Bekanntwerden des Verbrechens bekräftigt hatte: Die beiden jungen Leute mussten sterben, weil Kuciak einmal zu viel im Filz von politischer Macht und Geschäftemacherei gestochert hatte – und vermutlich sogar Verbindungen höchster politischer Kreise zur italienischen Mafia auf der Spur gewesen war.

    Regierung unter Druck

    Immer wieder hatten in den vergangenen Jahren Korruptionsaffären das Land erschüttert. Im Kreuzfeuer der Kritik stand dabei neben Premier Robert Fico von der sozialdemokratischen Partei Smer vor allem Robert Kalinák, Innenminister und Ficos Parteifreund. Nun, nach den Morden, ist die Stimmung am Kochen. Slowakische Onlinemedien berichten nahezu im Minutentakt über Krisensitzungen und Spannungen auch innerhalb der Regierungskoalition. Kalináks Rücktritt stehe unmittelbar bevor, heißt es gerüchteweise. Der Innenminister nämlich wird derzeit zu allem Überfluss in einer Bestechungsaffäre der Justizbehinderung verdächtigt, ein Sonderstaatsanwalt hat Strafanzeige gegen ihn angekündigt.

    Auch ein möglicher Rückzug der liberalen Partei Most-Híd aus der Regierungskoalition mit Smer und der Slowakischen Nationalpartei (SNS) wird immer wieder ins Spiel gebracht. Das Verhältnis zwischen dem parteilosen Staatspräsidenten Andrej Kiska und Premier Fico ist ebenfalls angespannt: Kiska hatte zum Umbau der Regierung oder zu Neuwahlen aufgerufen, während Fico im Zusammenhang mit der Krise von einem – aus dem Ausland gesteuerten – "Umsturzversuch" sprach.

    Am Rande des Stadtzentrums, auf dem Platz des Slowakischen Nationalaufstandes, kurz SNP genannt, erinnert derweil ein Meer aus Kerzen an die beiden Toten. Symbolträchtiger könnte der Ort kaum sein, verbindet er doch gleich zwei historische Schlüsselmomente des Landes mit dem derzeitigen Grundgefühl vieler Slowaken, angesiedelt irgendwo zwischen tiefer Verbitterung und Hoffnung auf neuen Aufbruch.

    Der Platz ist benannt nach dem Aufstand gegen die Okkupation durch die deutsche Wehrmacht und gegen das mit Hitler kollaborierende Regime im Jahr 1944. An einer Mauer erinnern ein metallenes Victory-Zeichen und eine Inschrift daran, wie sich die Slowaken – gemeinsam mit ihren damaligen tschechischen Landsleuten – in der Samtenen Revolution 1989 die Freiheit von der kommunistischen Diktatur erkämpften.

    Genau darunter lehnt nun ein Schwarz-Weiß-Foto von Ján Kuciak und seiner Verlobten, umgeben von immer neuen Kerzen, die die Menschen hier anzünden. Ein alter Mann liest mit zittriger Stimme die Trauerbotschaften, die auf mehreren Kartontafeln daneben stehen – halblaut, nur für sich selbst. "Ja, das ist die Wahrheit", sagt er danach jedes Mal. "Die traurige Wahrheit."

    Proteste und stilles Gedenken

    Am Freitagabend hatten hier etwa 50.000 Menschen für eine saubere Aufklärung des Doppelmordes demonstriert – und "für eine anständige Slowakei". Auch in 50 anderen Städten waren Tausende auf die Straße gegangen. Es waren insgesamt die größten Proteste seit 1989. Und während die Medien voll sind mit Spekulationen darüber, wie es nun weitergehen kann, bringt jemand eine neue Tafel auf den SNP-Platz: "Ich bin auch für Sie hier, Frau Kusnírová." Martina Kusnírová – so hieß die Ermordete, die mit all dem nur eines zu tun hatte: Sie war Ján Kuciaks Verlobte. (Gerald Schubert aus Bratislava, 11.3.2018)

    • Am Freitagabend kam es zu den größten Protesten seit 1989.
      foto: foto: afp / joe klamar

      Am Freitagabend kam es zu den größten Protesten seit 1989.

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