Aaron Sorkin: "Das Schlimmste ist die eigene Unzulänglichkeit"

Interview mit Video12. März 2018, 07:14
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Der Drehbuchautor legt mit "Molly's Game" sein Regiedebüt vor: Ein Gespräch über perfekte Besetzung, alte Moden und Autorennen

Wien – Für seine Drehbücher für "The Social Network" über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder die Apple-Biografie "Steve Jobs" wurde Aaron Sorkin gefeiert, seine TV-Politsatire "West Wing" gilt vielen als Kultserie. Als Autor wurde ihm sogar die seltene Ehre zuteil, dass sein Name auf dem Filmplakat in ähnlich großen Lettern steht wie jene der Stars.

Nun also sein Regiedebüt "Molly’s Game", in dem Sorkin die wahre Geschichte von Molly Bloom erzählt. Als die Olympia-Hoffnungen der Skifahrerin tragisch scheitern, gibt diese dennoch nicht auf – und schafft es zur erfolgreichen Organisatorin von Pokerturnieren für Superreiche. Das Märchen platzt erst, als die Mafia ihre Profite bedroht sieht. Sorkin sonnt sich bei seinem Erstling im Glanz einer hochkarätigen Besetzung, von der jeder Regienovize nur träumen kann: Neben Jessica Chastain geben sich Kevin Costner und Idris Elba die Ehre.

STANDARD: Ihr Film beginnt mit der Frage der Heldin: "Was ist das Schlimmste im Sport?" Nun die Frage an Sie: Was ist das Schlimmste am Film?

Sorkin: Das Schlimmste am Film ist, wie bei jedem kreativen Schaffen, das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Man beginnt mit einer großartigen Idee und ist sehr guter Stimmung. Aber dann bringt man die Idee zu Papier, danach auf die Leinwand, und alles scheint plötzlich verschwunden. Als ob man Wasser mit bloßen Händen transportiert hätte.

STANDARD: Wie kamen Sie zu dieser Geschichte?

Sorkin: Ich las das Buch und traf mich danach mit der Autorin Molly Bloom. Sie überraschte mich, weil sie überhaupt nicht meinen Vorstellungen entsprach. Ich hatte eine Person erwartet, die einfach nur schnell viel Geld verdienen möchte. Doch Molly entpuppte sich als starke, humorvolle Persönlichkeit. So war mir schnell klar, dass ihre Geschichte im Roman nur die Spitze des Eisbergs war: Sie hatte eine gute Story geschrieben, die Brosamen für eine noch bessere Story hinterließ.

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STANDARD: Was lässt sich von Molly lernen?

Sorkin: Verschiedene Dinge. Zum Beispiel, dass im Leben Charakter und Integrität einen sehr großen Stellenwert haben. Oder das Churchill-Zitat im Film, wonach die Definition für Erfolg daran liegt, von Misserfolg zu Misserfolg zu gelangen, ohne dabei die Leidenschaft zu verlieren. Das mögen altmodische Werte sein, aber sie sollten nicht aus der Mode kommen. Molly benötigt keine massenhaften Freunde oder Likes auf Facebook. Sie verkörpert eine erfrischende Form von Feminismus, für den ich jederzeit mit ihr auf der Straße demonstrieren würde.

STANDARD: Sie geben hier Ihr Regiedebüt. Waren Sie mit der Umsetzung Ihrer bisherigen Drehbücher nicht zufrieden?

Sorkin: Wenn ich ein Drehbuch schreibe, möchte ich den besten Regisseur für die Verfilmung. Und diesmal dachten die Produzenten, der beste Regisseur dafür sei ich. Sie ließen mir drei Wochen, mich zu entscheiden. In dieser Zeit unterhielt ich mich mit Regisseuren, die ich respektiere. Und von denen rieten mir alle zu, das Projekt selbst zu inszenieren.

STANDARD: Die Freiheit des Autors mussten Sie nun aber gegen die Sachzwänge einer Inszenierung eintauschen.

Sorkin: Ich fand Teamsport schon immer spannender als Individualsport. Und mir gefallen Bands besser als Solokünstler.

STANDARD: Stand Jessica Chastain von Anfang an für die Besetzung fest?

Sorkin: Beim Schreiben von Drehbüchern denke ich nie an die mögliche Besetzung der Figuren. Als das Skript fertig war, kam Jessica mir allerdings sehr schnell in den Sinn, und ich wollte sie unbedingt für diese Rolle haben. Aber würde jemand, der mit Ridley Scott, Christopher Nolan, Terrence Malick oder Kathryn Bigelow gedreht hat, sich Anweisungen von einem Erstlingsregisseur geben lassen? Oder wäre es umgekehrt? Doch nach drei Minuten meinte Jessica: "Das ist doch alles Quatsch. Gebt mir einfach die Rolle und fertig." Ich weiß nicht genau, was eine Diva ist – aber sie ist das genaue Gegenteil.

foto: squareone entertainment
Die "Pokerprinzessin" und ihr Anwalt: Jessica Chastain und Idris Elba vor Gericht.

STANDARD: Sie sind bekannt für Ihre geschliffenen Dialoge. Welchen Stellenwert hat das gesprochene Wort im Film?

Sorkin: Meine Eltern nahmen mich schon als Kind mit ins Theater, wo ich die Stücke jedoch häufig gar nicht verstand. Als Neunjähriger konnte ich mit "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" wenig angefangen, aber der Klang der Dialoge gefiel mir – das war wie Musik für mich. Der Klang der Worte ist für mich bis heute so wichtig wie deren Bedeutung.

STANDARD: Wie komponiert man den Klang von Dialogen?

Sorkin: Ich spreche beim Schreiben alle Rollen immer laut, um zu hören, wie sie klingen. Es ist wie beim Komponieren von Musik, wo es ein Zeitmaß gibt, das den Rhythmus bestimmt. Und wie ein Musiker, der beim Spielen ein falsches Tempo erkennt, spürt auch ein Schauspieler, wenn sein Text nicht stimmig klingt – und wird ein überflüssiges Wort streichen.

STANDARD: Wie lernt man, ein gutes Drehbuch zu schreiben?

Sorkin: Sie möchten wissen, ob man Schreiben lernen kann? Es ist wie beim Geigespielen: Es bedarf eines gewissen Talents, mit dem man geboren wird. Mit einem guten Lehrer kann man bestimmte Dinge lernen, und mit viel Übung wird man im Laufe der Zeit besser. Das ist einer der Pluspunkte an meinem Beruf: Ein Autor wird im Alter besser. Aber im Film ist es wie überall in der Kunst: Die meisten Dinge sind schlecht. Ob in der Musik, im Fernsehen oder Kino – gute Arbeiten sind eine Seltenheit.

STANDARD: In Ihren Stücken beschäftigen Sie sich oft mit Fragen der Macht – was fasziniert Sie daran?

Sorkin: Wenn ich mich mit US-Präsidenten beschäftige, interessiert mich, wie sie als Vater oder Ehemann agieren und dann ganz plötzlich die Entscheidung treffen müssen, ob ein Land bombardiert wird. Im Fall von Mark Zuckerberg faszinierte mich, wie ein College-Freak fast über Nacht etwas erschafft, was die Dimensionen einer Regierung bekommt. Ich finde Autorennen im Kino spannend, aber ich könnte sie nie schreiben. Insofern sind meine Dramen meine Version eines Autorennens. (Dieter Oßwald, 12.3.2018)

Aaron Sorkin (56), geboren in New York, arbeitet als Drehbuchautor und Produzent. Für die von ihm kreierte TV-Serie "West Wing" (1999–2006) erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Für "The Social Network" erhielt er 2011 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Zuletzt schrieb er das Biopic "Steve Jobs" und schuf die TV-Serie "The Newsroom".

  • Schreiben ist für ihn wie Komponieren: Aaron Sorkin.
    foto: ap

    Schreiben ist für ihn wie Komponieren:
    Aaron Sorkin.

  • Full House für Jessica Chastain: Als Molly Bloom organisiert sie Pokerturniere für Superreiche.
    foto: squareone entertainment

    Full House für Jessica Chastain: Als Molly Bloom organisiert sie Pokerturniere für Superreiche.

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