"Mitleid" von Milo Rau: Das angenehme Geräusch eines Schusses

9. März 2018, 17:48
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Das NGO-Stück kam in der Volkstheaterdependance Volx zur österreichischen Erstaufführung

Wien – Eine Frau blickt auf ihren NGO-Einsatz in Ruanda 1994 zurück. Und obwohl man weiß, dass sie als 19-Jährige mit ehrwürdigsten Absichten in die sogenannte Entwicklungsarbeit ging, betrachtet man am Ende des Stücks Mitleid von Milo Rau eine Frau, die von Zynismus und Blindheit geschlagen ist. Raus Stück betreibt kein NGO-Bashing, sondern es zeigt, wie tief der Kolonialherrenstil in der europäischen Gesellschaft sitzt. Wie fast alle Arbeiten Raus basiert auch diese auf dokumentarischem Material und Interviews mit Akteuren. Man lernt allein beim Zuhören viel.

Der Schweizer Theatermacher und Aktivist Rau (41) steuert mit seiner engagierten Theaterkunst immer mitten hinein in die wunden Stellen unserer Geschichte und Gegenwart. Er hat sich mit den Ceausescus befasst, mit Anders Breivik und mit europäischen Bürgerkriegen. Ein zentraler Projektkomplex seiner mittlerweile über fünfzig Abende umfassenden Werkliste widmet sich dem Völkermord in Ruanda.

Famose Verwandlung

Mitleid beginnt mit dem Monolog einer von belgischen Eltern adoptierten Burunderin (Anja Herden auf Video), die von ihren Erfahrungen als einzige Schwarze im Dorf erzählt. Übernommen wird ihre Rede bald von der ehemaligen NGO-Mitarbeiterin (ebenfalls Herden), die ihre Zeit im Kongo schildert und dabei aus sicherer Perspektive ungebührlich vom "angenehmen Geräusch" eines Gewehrschusses spricht. Die Burunderin darf von da an nur noch zuhören – ein Zeichen dafür, wer hier das Sagen hat.

Alexandru Weinberger-Bara hat den Doppelmonolog für die österreichische Erstaufführung in der Volkstheaterdependance Volx neu adaptiert. Der Clou: Anja Herden spielt sowohl die schwarze wie auch die weiße Frau, mittels "Whitefacing" sozusagen, ein Akt, der den Spieß der Körperkaperung einmal umdreht – Herden vollführt eine famose Verwandlung.

Ihr vereinnahmender Plauderton oszilliert zwischen Anteilnahme und abgründiger Überheblichkeit – eine Qualität auch des Textes, der zudem die selbstkritische Frage stellt: Wie sehr macht sich das Theater von jeher mit dem Elend der anderen wichtig? (Margarete Affenzeller, 10.3.2018)

  • Anja Herden, geschminkt als "nordische" Schauspielerin.
    foto: alexi pelekanos

    Anja Herden, geschminkt als "nordische" Schauspielerin.

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