Hannah Arendt auf den Bestsellerlisten: Frei sind Bürger halt nur unter sich

    10. März 2018, 14:00
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    Welchen Freiheitsbegriff meint der Essay "Die Freiheit, frei zu sein" aus dem Nachlass der politischen Philosophin?

    Auch schnöder Konsum kann auf den Käufer befreiend wirken. Dazu gehört es, ein kaum 60 Seiten umfassendes Büchlein zu erwerben, das den Begriff "Freiheit" im Titel trägt.

    Mit der posthumen Veröffentlichung von Hannah Arendts Essay Die Freiheit, frei zu sein ist dem Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) ein veritabler Erfolg gelungen. Ein Aufkleber weist den blassgrünen Schmöker aktuell (Platz drei) als "Spiegel Bestseller" aus. Von Arendt (1906-1975), der großen jüdischen Theoretikerin des Politischen, sind ungleich dickere Wälzer erhältlich. Allein ihre bahnbrechende Schrift Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft zählt über 1000 Seiten.

    Und doch fühlt man sich ermuntert, den zeitnahen Erfolg des Büchleins keinem Kalkül eines Marktes zuzuschreiben, der Bücher macht, die umso gewichtiger daherkommen, je weniger Seiten sie umfassen. Die Schrift Die Freiheit, frei zu sein entstand 1967, zu einer Zeit, als Arendt sich gehalten fühlte, ihre Überlegungen zur wechselseitigen Bedingtheit von Revolution und Freiheit weiterzuentwickeln. Ihr Standardwerk zum Thema, Über die Revolution, war auf Deutsch zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt.

    Revolutionäre Umwälzungen

    Doch Arendt bemühte sich offenbar, den politischen Freiheitsbegriff für die Vereinigten Staaten neu zu reklamieren. Die Aufgabe brannte ihr vielleicht auch deshalb unter den Nägeln, da sie, die vordem Staatenlose, seit 1957 die US-Staatsbürgerschaft besaß. In der zweiten Hälfte der 1960er krachte die Welt an allen Ecken und Enden. Häufig genug schienen die Beweger revolutionärer Umwälzungen lediglich Nutznießer von Machtvakua – im Gefolge postkolonialer Entflechtungen – zu sein.

    Mit steifer Oberlippe verweist Arendt auf das Scheitern der (konterrevolutionären) Invasion in der kubanischen Schweinebucht 1961. "Die Außenpolitik dieses Landes", schreibt sie mit Blick auf Lyndon B. Johnson, habe "nicht einmal in Ansätzen eine Ahnung davon, wie sie revolutionäre Situationen einschätzen" solle.

    Einen Absatz später der entscheidende Satz: "Das Wort revolutionär" lasse sich "mithin nur auf Revolutionen anwenden, die die Freiheit zum Ziel haben". Frei ist in Wahrheit nur, wer sich den unmittelbaren Zumutungen von Not und Furcht enthoben weiß.

    Freiheit und Lebensform

    Unbeirrt steuert Arendt das Ziel ihrer kleinen Argumentationskette an. Nicht die Verdammten dieser Erde, die "malheureux" der Französischen Revolution, haben das Zeug, das Antlitz der Erde politisch nachhaltig zu verändern. Frei kann man sich auch unter den Bedingungen einer (milden) Despotie fühlen. Freiheit als politische Lebensweise meint hingegen die Verwandlung des Gemeinwesens durch Teilhabe.

    Nur der angstfreie Austausch von Argumenten verhilft zu Würde. Den mündigen Bürger treibt die Leidenschaft, sich vor den anderen auszuzeichnen. Die Menschen seien dazu geschaffen, "in der Öffentlichkeit", in der heiteren Abfolge von Wechselreden, "gemeinsam Freude zu haben".

    Wer für diese Wiederbelebung des antiken Bürgermodells im Gewand biederer US-Verfassungsväter aufkommt, lag auch vor 250 Jahren auf der Hand. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen in Amerika auf 1,8 Millionen Weiße ungefähr 400.000 afroamerikanische Sklaven: Menschen ohne jedes Recht auf das eigene Leben.

    Abstraktes Rederecht

    Und so ist das Comeback des Freiheitsbegriffs umso erstaunlicher, als man in unseren Breiten mit der Verteidigung des eigenen Wohlstands gut ausgelastet ist. Man fragt sich, was Arendts "Freiheit" heutigen Lesern vermitteln soll. Wer spricht, wenn er im Namen von Minoritäten spricht? Wie frei darf jemand sein zu sagen, was er meint? In Robert Pfallers Theoriebestseller Erwachsenensprache wird z. B. gerade der Political Correctness der Prozess gemacht.

    Auf deren freudlosem Altar würden, so Pfaller, die erprobten Sprechweisen bürgerlicher Öffentlichkeit geopfert. Pfaller sagt: Bürgerliche Öffentlichkeit ist ein Raum, in dem Gleichheit – wenigstens fiktional – gelebt wird. Das eigene Selbst hat gegenüber einem solchen abstrakten Rederecht zurückzutreten. Es wird klar, was 2018 mit "Freiheit" auch gemeint ist: Diejenigen, die in der Öffentlichkeit das große Wort führen, wollen von der Angst davor erlöst sein, mundtot gemacht zu werden. Vielleicht ist daher der Hinweis auf eine Vorstellung von Freiheit erlaubt, die mehr ist als die Bestätigung herrschender Zustände, gedruckt auf das Papier der Bestsellerliteratur. Denn nicht Arendts Argumente sind falsch. Sie sind nur Wasser auf die Mühlen eines neuen Zeitgeists. (Ronald Pohl, 10.3.2018)

    • Menschen, die von der bitteren Armut erlöst sein wollen, folgen: "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix (1830).
      foto: berthold steinhilber / laif / picturedesk.com

      Menschen, die von der bitteren Armut erlöst sein wollen, folgen: "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix (1830).

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