654 Postings
10. März 2018, 17:00

Am 11. März 1938 ist eine junge Wienerin im Ybbstal zu Besuch. Gastgeber ist eine Unternehmerfamilie, Papierindustrielle, großdeutsch gesinnt. Gemütlich sitzt man bei Tee und Kaffee im Salon des Herrenhauses. Eigentlich wollte der Besuch das Wochenende über bleiben, ein paar ruhige Tage auf dem Land verbringen. Aber es ist alles andere als ruhig. Im Laufe dieses Tages, eines Freitags, mehren sich die Gerüchte, dass die von Bundeskanzler Schuschnigg für den 13. März angesetzte Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs nicht stattfinden wird.

In Graz demonstrieren bereits die Nationalsozialisten, auch in anderen Städten beginnen sie die Straße zu erobern. Zur selben Zeit in Wien wird Bundeskanzler Schuschnigg mit Drohanrufen aus Berlin eingeschüchtert, Hermann Göring fordert ultimativ, den Nationalsozialisten die Macht zu übertragen, andernfalls werde einmarschiert. Um 19.47 Uhr erklärt Schuschnigg im Radio seinen Rücktritt. Da ist der "Umbruch", wie die nationalsozialistische Machtergreifung genannt wird, auch schon im Ybbstal im Gang, in Waidhofen und in Amstetten finden Fackelzüge statt, nicht spontan, sondern von Verbindungsleuten aus Wien angeordnet. Am nächsten Morgen überschreitet deutsches Militär die österreichische Grenze. Es könne sein, so hat Hitler noch im Februar zu Schuschnigg gesagt, dass er einmal über Nacht wie der Frühlingssturm nach Österreich kommen werde. Jetzt ist es so weit.

Freudige Aufregung

Im Herrenhaus im Ybbstal herrscht in diesen Stunden freudige Aufregung. Die junge Wienerin ist nicht mehr zu halten, noch in der Nacht beschließt sie ihre Abreise – Gita will dabei sein, wenn der "Führer" nach Wien kommt. Mit einem der ersten Züge fährt sie am 12. März von Waidhofen nach Amstetten und von dort weiter mit dem Schnellzug. Schon die Bahnfahrt durchs Ybbstal steht ganz im Zeichen der Anschlussseligkeit.

Zwei Tage später beginnt Gita, wie den Gastgebern versprochen, die Ereignisse in Wien zu schildern. "Es folgt der ‚Tatsachenbericht‘, den Ihr Euch gewünscht habt", beginnt sie am 14. März einen langen Brief, der ganz unter dem Eindruck der Ereignisse steht, eine emotionale Chronik, getippt auf Schreibmaschine, wozu sie das Firmenbriefpapier ihres Mannes verwendet, der im vierten Bezirk ein Geschäft für grafische Artikel betreibt. Am 15. setzt sie den Brief fort – am Ende sind es sechs engzeilig geschriebene Seiten, die vor allem von einem berichten: der Jubelstimmung in Wien, dem "Feiertag" auf den Straßen. Dass zur selben Zeit die ersten jüdischen Geschäfte geplündert werden, geht in dieser Schilderung – "vor lauter Weltgeschichte" – fast unter. Die Stimmung ist so überschwänglich, dass nicht nur die Briefschreiberin vor Glück heulen möchte …

Samstag, 12. März, Vormittag

Der Zug, in den wir einstiegen, war auf der Lokomotive mit einem riesigen Hackenkreuz (sic!) und grünen Kranzl geschmückt. Aus den Waggons hingen Fahnen und jubelnde Menschen. – Wo immer wir fuhren, standen auf der ganzen Strecke grüßende und brüllende Menschen, die Fahnen schwenkten. – Im D-Zug war’s dann schon etwas anders. Da gab es so viel schweigende Juden, wie ich in meinem Leben noch nicht gesehen habe. Alle trotz der Ski-Sonnenbräune blass bis auf die Beinhaut! – In Wien am Bahnhof hatten sich Magdi, ein Bekannter der Mädeln, und Rudi eingefunden, alle bereits mit Hackenkreuzabzeichen (sic!), und ein Spalier von jubelnden, grüßenden Menschen. – Die ganze Stadt ist beflaggt, wie ich es noch nie gesehen habe.

Rudi und die Elterlein waren in etwas aufgelöstem Zustand, da sie die Nacht von Freitag auf Samstag bis 4 Uhr früh beim Radio und auf der Straße waren. (…) Rudi war Samstag überhaupt vom Radio nicht wegzubringen. (…) Ich ergatterte mit vieler Mühe – da alles ausverkauft war – ein Abzeichen und ein Fahnerl, ohne dem man ja nicht leben kann momentan.

foto: önb / privatarchiv martin pollack
14. März 1938, Wien: "In brauner Uniform, aufrecht im Wagen stehend", schreibt Gita. "Bildfesch!! – Das nun in Wien andauernde, gewohnte und gut trainierte Gebrüll hob an."

12. März, abends

Um 8 Uhr gingen wir dann mit Freundin Vera Jakesch auf die Ringstraße zum Fackelzug. Das war wohl eine der grandiosesten Kundgebungen, die man sich nur vorstellen kann. – Dass wir vorher – heulend wie die kleinen Kinder – die Rede des Führers in Linz mit anhörten, ist ja selbstverständlich!

Am Ring also eine viel, viel zehntausendköpfige Menge, ein großes Geschrei und eine Begeisterung! Da sah man Momentbilder, die ja wohl wert gewesen wären, fotografiert zu werden: In den Blumenkörben oben auf den Lampenmasten, hingegossen wie in Klubsesseln, saßen die jungen Leute. Auf den Abfallkörben standen sie, auf einer Telefonzelle pickten gleich vier am Dach wie die Schwalben, einige ganz Schlaue hatten sich Leitern mitgebracht, die gründlichst besetzt waren. – Am Dach und aus den winzigen Gitterfenstern des Ringstraßenhäusls jubelte, brüllte und fahnenschwenkte es wie toll. – Einige ganz Unvorsichtige hatten drei Autos vor dem Heinrichshof stehen gelassen. Diese Wagen waren vollkommen besetzt. Auf eine große Limousine wurden auch Vera und ich hinaufbugsiert. Trotz unserer Pelzmäntel und Veras Brillantboutons gab es keinen Misston, sondern nur ein Gefühl der Gleichheit und Begeisterung: zwei Männer in armseligster Arbeiterkleidung rutschten von ihren Sitzen herab, und unter viel Beifall und Geschrei wurden Vera und ich gezogen und am Allerwertesten nachgeschoben ebenfalls auf das Wagendach gehisst!

So konnten wir also ganz gut sehen, und es war auch sehenswert! Um 7 Uhr hatte der Fackelzug begonnen, um 11 Uhr gingen wir erschöpft nachhause, und um 12 Uhr zog immer noch, endlos und ein Flammenmeer die Menge über den Ring, und man hörte sie bis in unsere stille Wohnung brüllen und jubeln. Sprechchöre tönten auf, die so richtig Wiener Hamur sind:

"Schuschnigg war unser Führer, das Volk war immer dürrer, die Juden immer fetter, Heil Hitler unserm Retter!"

Und der zweite, der mir besonders gut gefallen hat:

"Der Kurt ist furt, jetzt geht’s uns gurt!!"

Besonders kluge Leute hatten sich Stehleitern mitgebracht, auf denen natürlich ganze Trauben standen und hockten.

Sonntag, 13. März

Gestern nun kam man den ganzen Tag überhaupt zu keiner Minute Ruhe und Nachdenken, da man wieder dauernd zwischen der Ringstraße und dem Radio hin und her sauste. Kommt der Führer? Kommt er nicht? – Die Elterchen waren draußen im Museum, wo ein Jubel herrscht, wie man ihn sich kaum vorstellen kann. Überhaupt kommt man halt aus dem "sich nicht vorstellen können" nicht heraus! Man lebt irgendwie in einem Taumel und einem Traum (…).

Abends (…) auf der Ringstraße (…) wieder ganz das gleiche Bild (…). Nur wurde diesmal das deutsche Militär empfangen – und den Jubel, den kann man sich nun wirklich nicht vorstellen, wenn man ihn nicht gesehen hat! Kam die Kolonne der Motorräder, Tanks und Wagen ins Stocken, so stürzten unter dem schallenden Jubel aller Tausender sich die Mädels auf die Soldaten und küssten sie ab!! Wir rasten, weil wir diesmal nicht einmal auf einem Autodach Platz finden konnten, in die Mariahilferstraße, wo ja der endlose Zug hereinkam. Bobby Jakesch (übrigens Parteimitglied Nr. 36, wie sich jetzt herausstellt – er hatte seine Mitgliedskarte bis Freitag abends im Bleirohr einer elektrischen Leitung versteckt!!) hat sein Büro vis-à-vis von Tiller.

Dort wollten wir uns zum Schauen einquartieren. Aber wir kamen nicht dazu, denn wir fanden gleich in der ersten Reihe einen Platz auf der Straße. Da war das Spalier so eng, dass die Militärwagen nur mit wirklichem Kunstfahren hindurchkamen. Und da standen wir nun alle sechs und brüllten wie die Tollen, und schwenkten unsere Fahnderln und schüttelten den Soldaten die Hände und fragten sie aus. – Die meisten, die wir sprachen, waren aus dem Rheinland, aus Frankfurt und aus Meiningen. Sie waren zum Teil seit Donnerstag (!!) abend, zum Teil seit Freitag unterwegs. Manche hatten gewusst, dass es nach Österreich ginge, manche nicht. Alle aber hatten sich nicht vorgestellt, dass es so einen Empfang geben würde! Blumen hatten sie auf ihren Gewehren stecken, und wir selber, wie so viele tausende andere, warfen ihnen Zuckerln und Zigaretten zu, sodass die Soldaten mit der einen Hand händeschütteln mussten und mit der anderen Schokolade pampften. Es war zu nett!

foto: önb / privatarchiv martin pollack
"Den Jubel, den kann man sich nun wirklich nicht vorstellen, wenn man ihn nicht gesehen hat!", schreibt Gita.

Montag, 14. März

Heute tut man so, als ob man arbeiten würde, doch ist es eigentlich noch ein Feiertag. Alles wartet auf die Nachricht, wann nun endlich der Führer wirklich kommen wird. – Der Briefträger kam mit strahlendem Gesicht: "Das ist heute das letzte Zollpaket!" Und dann erzählte er mit Tränen in den Augen von dem Jubel der wieder in den Dienst gestellten nzis. Postbeamten. – Unser alter Zibauer kommt mit köstlichen Bemerkungen aus der Hernalser Hauptstraße: Das "Kaufhaus Ruhig" sei sehr unruhig geworden, der Judi "Wangenrot" sei äußerst blass und der Steiner versteinert, weil man bei ihm fleißig requiriert! (…)

15. III. 38.

Man kommt vor lauter Weltgeschichte wirklich nicht zum Nachdenken. (…) Nun aber weiter in der Schilderung der gestrigen Ereignisse.

Also um 12 sperrten die Geschäfte, um 2 Uhr stellten Tram und Stadtbahn die Fahrten ein. – Die Taxis machten ein Geschäft, wie seit Jahren nicht (…). Die Elterchen erwischten gerade noch mit knapper Not die letzte gänzlich überfüllte Tram nach Hietzing, um ins Museum hinauszugelangen. Rudi und ich (…) hatten nur gerade das Haupttrefferglück, zufällig ein leeres Taxi zu erwischen, sonst hätten wir zu Fuß pilgern können. (…) Wir fuhren also ins Museum und nicht ins Büro von Jakesch, weil wir den Führer nicht durch eine dicke Fensterscheibe, sondern so sehen wollten, und schließlich muss man doch in so einem Moment auch frei herausbrüllen können, und das geht doch in einem geschlossenen Raum nicht.

Nun, die Terrasse im Museum ist angenehmes Hochparterre ober der Straße, riesig groß und frei, und so hatten wir einen fabelhaften Blick – ich für meine Person direkt in die Augen des Führers!!! – Aber noch sind wir nicht so weit. Einstweilen warteten wir noch – zka. 30 Bekannte und Verwandte –, frierend, aber vergnügt. – Einige Abteilungen von Hitlerjugend waren auch auf der Terrasse versammelt, und so war es ein nettes und heiteres Bild, all die aufgeregte, heitere Jugend und die Fahnen und die lustigen Witze. – Minna preschte ständig wie ein Läufer hin und her: zum Polizeiposten, Nachrichten holen, ob der Führer Hütteldorf schon passiert habe, Schneeschuhe holen für mein frierendes Mütterlein, Decken und Schawls holen für Tante Julerl etc. (…) Magdi machte sich auch nützlich, indem sie Wasserkrug um Wasserkrug herbeischleppte, um die H.J. zu laben! – Riesige Fahnenbahnen, von der Terrasse bis fast auf die Straße, schmückten das Haus. Sie sollen per Flugzeug gekommen sein, da wir ja doch in Österreich in der rasanten Geschwindigkeit nicht so viele Hackenkreuze (sic!) aufbringen konnten.

foto: privatarchiv gerhard zeillinger
Im Wagen stehend: Hitler auf der Fahrt nach Wien. Amstetten, 14. März 1938, kurz nach zwölf Uhr Mittag.

Unten auf der Straße harrte die vielköpfige Menge lachend und schwurbelnd der Ankunft, abgesperrt von einem Kordon aus deutschem Militär und den Tankmännern in der bildschönen schwarzen Uniform. – Plötzlich ging ein riesiges Gelächter los, das schon vom Rudolfsheimer Markt an angeschwollen war: Ein armes kleines, einsames weißes Foxerl, gänzlich verwirrt und ratlos, rannte mitten auf der Straße ganz allein durch das Spalier stadtauswärts und konnte sich nirgends aus der lachenden, wie eine Mauer stehenden Menge herausfinden. Worauf ich unter viel Beifall kundtat: "Das ist der Hund, auf den Österreich gekommen war und der jetzt unter dem Beifall aller unsere Stadt verlässt!!"

Endlich, endlich kam das Motorrad mit der geliebten Fahne, dahinter die vorreitenden Motorradfahrer, staubig, abgespannte Gesichter, aber alle selig lachend, – und dann kam ER!

In brauner Uniform, aufrecht im Wagen stehend, grüßend und mit einem bezaubernd guten Lächeln. Bildfesch!! – Das nun schon in Wien andauernde, gewohnte und gut trainierte Gebrüll hob an, trotz aller Heiserkeit ins Unendliche verstärkt. – Der Wagen des Führers fuhr ganz schön langsam an uns vorbei, der Führer sah herauf, und da wir gerade ober einer der Fahnen in der Sonne standen und meine Löwenmähne wahrscheinlich vom Wind scheußlich zerzaust war und ich wie am Spieß schrie, so sah er mich gerade an und lächelte noch mehr. – Rudi knipste wie toll drauf los (…).

Nachher saßen wir noch alle in der Schützenhoferwohnung, frierend und erschöpft, und hörten uns noch per Radio die paar Worte an, die der Führer im Imperial sprach. Als wir dann um ½ 9 nach einer abenteuerlichen Fahrt mit gequetscht voller Stadtbahn zuhause ankamen, waren wir alle an einem Punkt restloser Erschöpfung und Nervenanspannung angelangt. Man schwankte zwischen jemand abwatschen und heulen. – Aber das ist ja begreiflich! Stehen kann man fast nicht mehr, vor lauter Stehen und Warten – ich seit Samstag, die armen Wiener aber ja schon seit Freitag abend! Reden kann man kaum mehr, da man von dem dauernden Gebrüll stockheiser ist, und die Arme tun einem teuflisch weh, von dem andauernden Grüßen. – Kopf und Ohren aber sausen von Radio und Trubel. So erlebt man eben Weltgeschichte!

foto: önb / privatarchiv martin pollack
"Diese Leute, die sich auf der Straße umarmen vor Seligkeit, und über allem der strahlende blaue Himmel!"

Dienstag, 15. März

Und heute geht’s weiter: Defilierung, Rede des Führers, Fackelzug etc. – Aber das weiß ich: wenn ich heut wieder brüllen geh, dann nehm ich mir doch unsere Stehleiter mit, damit ich was sehen kann!

Wenn Ihr das doch auch sehen könntet – dieses wunderschöne Wien, über und über in einem Meer von Flaggen, diese Leute, die sich auf der Straße umarmen vor Seligkeit, und über allem der strahlende blaue Himmel, "Sonne über Wien!", und immer wieder die Bomber und Flugzeuge, silbern und so nieder, dass man sie fast greifen könnte!

Jetzt haben wir gerade in einem Gewaltmarsch versucht (…), den Heldenplatz zu erreichen. Aber das ist bereits ausgeschlossen. Seit 8 Uhr früh steht die Menschenmauer, die Fassaden der Hofmuseen sind von Fassadenkletterern bis in die unglaublichsten Höhen besetzt, die Laternen und Bäume biegen sich. Also sind wir wieder nachhause gesaust und sitzen nun in Erwartung der Rede am Radio.

Mühsam sind solche Feiertage, und es ist unbeschreiblich, wie man vor lauter Rennen, Hetzen und schließlich Müdigkeit die Wohnung und alles vernachlässigt. – Meine Haare sehen aus wie ein Klosettbesen, in der Küche steht wirr schmutziges Geschirr (…). Im Badezimmer liegt die Schmutzwäsche zum Waschen hergerichtet – kurz, es ist scheußlich!

foto: önb / privatarchiv martin pollack
"Am Ring", schreibt Gita, "also eine zehntausendköpfige Menge, ein großes Geschrei und eine Begeisterung": "Und dann kam ER!"

Nachmittag.

Also die Rede war wieder sehr schön. Zum Essen kam Magdi angereist und wollte mit mir durchaus zur Parade. Rudi machte sich selbstständig, und so zogen wir beide allein los, lediglich in Begleitung eines Küchensessels, den wir getreulich auf diversen Schleichwegen zur Oper schleppten, (…) denn auf den normalen Straßen war um ½ 2 nicht mehr durchzukommen. – Da standen wir also auf unserem Stühlchen mit noch zwei fremden Herren (!!) bis 4 Uhr, sahen alles, knipsten einiges und sahen zuletzt wirklich noch einmal den Führer vorbeifahren. – Jetzt sind wir mit in den Kopf gestandenen Stöckeln wieder daheim. – Rudi war am Schwarzenbergplatz und traute seinen Augen und Ohren nicht, als ihn plötzlich ein weibliches Wesen mit "Heil Hitler" grüßte – denn siehe da, dieses war, mit Mords Hackenkreuz (sic!) vorgesteckt, die liebe Hedy Troll! Sie war sichtlich Begeisterung (…).

So, Ihr Lieben, jetzt beende ich aber diesen Bericht. (…) Trotz aller Aufregung und Weltgeschichte will ich aber wirklich nicht vergessen, Euch für all die lieben, netten und gemütlichen Stunden bei Euch zu danken. (…) Von den Elterchen soll ich Euch auch viel, viel Liebes sagen. – Pappi, der alte Geschichtsforscher, hat sich sehr brav und wacker in die geänderten Verhältnisse gefügt, und auch Mutti hält sich sehr brav. Sie ist zwar recht hin und her gerissen, da ihr Tante Emmy begreiflicherweise die Ohren vollweint. – Na, es ist ja nichts so heiß gegessen wie gekocht, und es wird sich sicher alles, auch für diese Leute (…) in Ruhe einrenken. Mutti sagt sich halt sehr tapfer, es ist gut, wie es ist, wenn nur ihre Kinder in eine bessere Zukunft gehen. Dass Österreich nicht mehr existiert und wir alle plötzlich Reichsdeutsche sind, ist ja wirklich merkwürdig und selbst für uns junge Leute schwer zu fassen. – Aber der Siegeszug ist so überwältigend, dass es sicher gut werden wird! (…)

Sieg-Heil! Heil Hitler! – Rudi und Cora schicken Handibussi, und ich umarme Euch nochmals,

Eure dankbare Gita

(Gerhard Zeillinger, 10.3.2018)

Das Typoskript des Briefes befindet sich im Archiv der Marktgemeinde Ybbsitz.

foto: önb / privatarchiv martin pollack

Eine erste Reibpartie
Betrachtungen zu einer Fotostrecke, aufgenommen am 14. März 1938

Am 14. März 1938. Zwei junge Männer, beide circa 20, sind an diesem Montag auf einem Motorrad der Marke Puch in Wien unterwegs. Sie wollen den Einmarsch der Hitlertruppen fotografieren, die deutschen Panzer, die Soldaten der Wehrmacht, den Führer und die ihm begeistert zujubelnden Wiener. Die beiden haben zwei Filme hinterlassen. Auf einem sieht man den Einmarsch der Deutschen, die Wagenkolonne Adolf Hitlers, ihn selber, in seinem Mercedes stehend, den Arm zum Gruß gereckt. Diese Aufnahmen werden im 15. Wiener Gemeindebezirk gemacht, auf der Höhe des Schwendermarktes, der Fotograf hat vermutlich in einem Haus Position bezogen, im zweiten oder dritten Stock, von wo er einen guten Blick auf das Geschehen hat.

Wir kennen die Identität der jungen Männer, sie arbeiten in einem Fotogeschäft und sind versierte Fotografen, allerdings Amateure. Haben sie an diesem Schicksalstag freibekommen, um den Einmarsch der Truppen fotografieren zu können? Wir wissen nichts über ihre Motivation. Wollen sie einfach die vor ihren Augen abrollenden aufregenden Ereignisse in Bildern festhalten? Wir waren dabei! Oder geht es ihnen darum, zu dokumentieren, was an diesem Tag in der Stadt geschieht, etwa für die Nachwelt?

foto: önb / privatarchiv martin pollack

Das ist ihnen jedenfalls gelungen. Wir müssen den beiden jungen Männern dankbar sein, dass sie diese Aufnahmen gemacht haben, die heute wertvolle Zeugnisse darstellen. Damit meine ich vor allem die Bilder von den sogenannten "Reibpartien", die wir auf einem der beiden Filme finden. Ich glaube zu wissen, wer von den beiden die schändliche Erniedrigung der jüdischen Mitbürger aufgenommen hat. Vor fünf Jahren habe ich einige der hier gezeigten Bilder schon einmal publiziert, ebenfalls im STANDARD. Damals habe ich die Vermutung geäußert, der Fotograf sei ein "überzeugter Nazi" gewesen. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Nach der Definition der seit dem sogenannten "Anschluss" auch in Österreich eingeführten "Nürnberger Rassengesetze" galt er als Halbjude. Indem er sich in die Menge der Gaffer mischte, die froh zuschauten, wie ihre jüdischen Nachbarn erniedrigt und gedemütigt wurden, wobei die Grenzen zwischen Zuschauern und Tätern oft fließend waren, brachte sich der junge Mann selber in keine geringe Gefahr. Was, wenn ihn einer in der Menge erkannt hätte? Er war Mitarbeiter eines bekannten Fotogeschäfts im ersten Bezirk, das einen jüdischen Namen trug. Es bedurfte einigen Mutes, sich in dieser aufgeheizten Situation mit dem Fotoapparat in der Hand unter die Menge der Schaulustigen zu mischen und Aufnahmen zu machen. Die Bilder zeigen, dass die belustigten Zuschauer keineswegs jene Lemuren oder Halbdämonen waren, die aus dem Schlund der Hölle gekrochen waren, wie sie der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer in Hinblick auf die "Reibpartien" beschrieb.

foto: önb / privatarchiv martin pollack

Nein, der junge Mann, der an jenem schicksalshaften Montag im März 1938 diese Bilder der österreichischen Schande aufnimmt, sieht durch den Sucher seiner Kamera ganz normale Menschen, ganz normale Wienerinnen und Wiener. Gut gekleidete, biedere Bürger, Mütter mit Kindern, Arbeiter und Angestellte, die vielleicht, wie der Fotograf, an diesem Tag freibekommen haben, um an dem großen historischen Ereignis teilhaben zu können. An der Demütigung der Juden, die ein paar Jahre später, beinahe logisch, in die Vernichtung münden wird. Viele der Umstehenden sind mit einiger Gewissheit auch am nächsten Tag dabei, als Adolf Hitler am Heldenplatz unter dem tosenden Jubel der Menge spricht.

Sieben Jahre später allerdings, nach dem Zusammenbruch des "Tausendjährigen Reiches", will plötzlich keiner mehr dabei gewesen sein. Will sich keiner mehr erinnern, dass er fröhlich lachte und feixte, als die jüdischen Nachbarn im Sonntagsstaat mit Reibbürsten auf der Straße knieten und schrubbten, zum Gaudium der Umstehenden.

Davon haben wir nichts gehört, das haben wir nicht gesehen, damit haben wir nichts zu tun. (Martin Pollack, 10.3.2018)