"Die grüne Grenze" von Isabel Fargo Cole: Ist das wirklich ein DDR-Roman?

    11. März 2018, 09:00
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    Das Werk der US-Amerikanerin ist ein überraschender Kandidat auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis

    Ein DDR-Roman, geschrieben von einer amerikanischen Autorin, nominiert für einen deutschen Buchpreis: Das muss einen nicht wundern, denn erstens schreibt Isabel Fargo Cole, Wahlberlinerin seit 1995, auf Deutsch, und zweitens hat sie schon etliche deutsche Romane ins Englische übersetzt. Sie weiß Bescheid, und sie kann das, und nicht zufällig lässt sie den Roman im Jahr ihrer Geburt 1973 beginnen, als die Protagonisten, Editha und Thomas, aus Berlin wegziehen und sich im Harz, im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze, niederlassen. Sie ist Bildhauerin, er Schriftsteller. In dem kleinen Dorf Sorgen finden sie ihren Lebensmittelpunkt, hier kommt auch die Tochter Eli zur Welt, ein fantasiebegabtes Kind, und die Fantasie greift auch stark in die Handlung ein – ob das gut ist, soll einmal offenbleiben.

    Auch der historische Roman, an dem Thomas in der Abgeschiedenheit schreibt, gibt der Handlung nicht die entsprechende Bedeutung: Mönche beginnen ab dem zehnten Jahrhundert den Harz urbar zu machen und ihn als Grenze zu überwinden. Ob das wirklich spannend und relevant ist? Die Frage stellt sich, weil die Autorin immer wieder Passagen dieses "Romans" zitiert, was zwar hinsichtlich des Entstehungsortes nachvollziehbar ist: ein ehemaliger Gasthof an der Staatsgrenze, umgeben von Wald, in unmittelbarer Nähe der Brocken – beides erscheint nicht nur mystisch, sondern ist geradezu mythenbeladen, wobei das eine mit dem anderen zu tun hat, das "Geheimnisumwobene" mit dem Mythos vom Wald, von der deutschen Nation: dort, wo Germanen und Slawen siedelten und wo jetzt das "Kollektiv" den Raum nicht definieren kann, weil die Grenze durch ihn geht.

    Parallelgeschichten

    Diese Schilderung gerät langatmig. Erst ab Seite 251 fängt es an, gut und spannend zu werden. Wir machen einen Zeitsprung und finden uns im Jahr 1950 im deutschen Osten, in Wünsdorf nahe Berlin, wieder. Thomas ist ein kleiner Junge und heißt Fomá, zumindest nennt ihn sein Ziehvater so, Lew Lwowitsch, ein sowjetischer Offizier, der ihn 1945 während der Kampfhandlungen um Berlin aus einer "Kammer mit doppeltem Boden" gerettet hat. Ein verstecktes, elternloses jüdisches Kind, ein "jewrei".

    Die Zeit in Wünsdorf, im ehemaligen Hauptquartier der Sowjets, endet abrupt, als Lwowitsch abberufen wird und sich nicht mehr um Fomá kümmern kann. Das Kind kommt zu einem linientreuen Ehepaar. Klar, dass sich der Heranwachsende von ihnen befreien will und in die Ostberliner Studentenszene flüchtet, ins Künstlermilieu, wo er seinen ersten Roman schreibt, der auch das Rätsel seiner Herkunft beleuchtet. Dort trifft er aber auch Lena, die russische Kindheitsfreundin aus Wünsdorf, wieder. Erst jetzt erfährt er, was damals geschehen ist: Lew Lwowitsch wanderte in den Gulag, als Jude fiel er der stalinistischen Säuberung zum Opfer.

    Unklare Vergangenheit

    Dieser dritte Teil, mehr als hundert Seiten, ist der erzählerisch dichteste Abschnitt im Buch. Man wollte, der Rest wäre nur auch so! Ein wenig ermüdend entwickeln die ersten beiden Teile die Handlung, vor allem wo sie mit einer Parallelgeschichte versponnen wird, die nicht überzeugen kann: Das ist der Roman, den Thomas im Harz schreibt, der ihm auch nicht aufgeht, den er abbricht. Er hat zum eigentlichen Geschehen nicht den Bezug, den sich die Autorin vorstellt.

    Logisch, dass ihr Roman nun einen anderen Verlauf braucht: Thomas reist mit Frau und Kind nach Berlin, er will seine richtigen Eltern suchen, im Archiv der Jüdischen Gemeinde recherchieren. Aber ist er wirklich das jüdische Kind, wie Lwowitsch damals behauptete? Die Frage wird er in Berlin nicht klären, stattdessen holt ihn eine andere Vergangenheit ein, und die führt ihn in die "russische" Kindheit zurück, als plötzlich Lena, die nach "drüben" ging, auf familiäre Weise präsent wird.

    Manches klärt oder verdichtet sich in diesem Jahr 1980. Und nicht nur Thomas hat ein Geheimnis, ein solches umgibt auch die Herkunft seiner Frau. Da dringt der Schatten der NS-Zeit in die Gegenwart und macht den Harz umso mehr zum narrativen Boden deutscher Geschichte. Überzeugend münden deren Stränge im Grenzgebiet zusammen, und die Autorin versucht nicht sie zu entwickeln.

    So richtig scheint niemand zu leiden

    Kein Zweifel – dieser Roman ist atmosphärisch, poetisch (die wunderbaren Naturbeschreibungen!) und streckenweise gekonnt. Aber ist das wirklich ein DDR-Roman? Es fehlt die bekannte graue ostdeutsche Realität: die Stasi, die Nachbarn, die einen bespitzeln, die Ohnmacht gegenüber dem repressiven Staatsapparat. Am Rande hört man kurz von der Ausbürgerung Biermanns, aber so richtig scheint niemand unter der Tristesse des grauen DDR-Alltags zu leiden, die Künstlerszene ist so angepasst, dass sie schon langweilig erscheint. Oder ist genau das das Zerrbild der DDR, dass sich alle schon abgefunden haben? Erst hing Stalin im Wohnzimmer, dann wachten der alte und der jüngere "Onkel" über die spießige Normalität.

    Auch das kommt bei Fargo nur am Rande vor und oft, so hat es den Anschein, nur, um die Handlung zu verorten. Die eigentliche Problematisierung bleibt aus. Kein Wunder, wenn stattdessen ins Imaginäre eingetaucht wird: in den Märchenwald "nebenan". So überlagern Mythen die DDR-Realität, fern jeglicher Ironie, als hätte diese DDR nicht ihr unfreiwillig Komisches gehabt. Zu schicksalsschwer wird hier erzählt, auch bleibt der Roman nicht frei von Pathos. Vor allem: Vieles ist undurchsichtig und erscheint am Ende entrückt. So heißt es übrigens in einer Leserrezension auf Amazon. Und da ist was dran. (Gerhard Zeillinger, 11.3.2018)

    Isabel Fargo Cole, "Die grüne Grenze". € 26,80 / 495 Seiten. Edition Nautilus, Hamburg 2017

    • Erzählt von Mythen, die die ostdeutsche Realität überlagern: Isabel Fargo Cole.
      foto: simona lexau

      Erzählt von Mythen, die die ostdeutsche Realität überlagern: Isabel Fargo Cole.

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