STANDARD-Chef Kotynek will investigative Recherche verstärken

    9. März 2018, 08:00
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    Der neue Chefredakteur will in Print und Online gleichermaßen investieren

    Wien – Der neue STANDARD-Chefredakteur Martin Kotynek plant einen schrittweisen Relaunch der Printausgaben und deutliche Neuerungen für derStandard.at. Mit Online-Bezahlmodellen will er "experimentieren", eine "klassische Paywall" ist derzeit keine Option, sagt er im APA-Interview. Die Chefredaktion wird aufgestockt, er sucht zwei zusätzliche Stellvertreter.

    "Beim Planen und Erzählen von Geschichten wollen wir künftig stärker in drei Geschwindigkeiten denken", begründet er die Ausweitung auf insgesamt drei Stellvertreter. "Die schnelle, aktuelle Geschwindigkeit; das Langsamere, Ausgeruhtere, Magazinige; und dazwischen die mittlere Geschwindigkeit für die Hintergrundgeschichte von übermorgen. Dafür brauchen wir in der Chefredaktion auch Zuständigkeiten." Die neuen Köpfe stehen noch nicht fest, aber "ich werde mir nicht mehr allzu lange Zeit lassen".

    Mitteräcker und Kotynek glauben an Zukunft von Print

    Kotynek ist seit November im Amt, er kam von "Zeit Online" und folgte auf die langjährige Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid. Sein Ziel: "DER STANDARD soll das relevanteste Diskursmedium im deutschsprachigen Raum werden." Die 2013 am neuen Standort realisierte Integration von Print und Online funktioniere in einigen Ressorts schon gut. "Es gibt aber noch Punkte, an denen wir arbeiten werden. Das gilt auch für die Konferenz- und Planungsstruktur." Kotynek, der seine berufliche Laufbahn bei der "Süddeutschen Zeitung" gestartet hatte, hält fest: "Ich denke integrativ – ich habe sieben Jahre Print und drei Jahre Online gemacht, und jetzt bringe ich diese Erfahrung zusammen."

    Sorgen um die Printausgaben des 1988 gegründeten STANDARD seien unbegründet, versichert er. Er sei sich mit Verlagsvorstand Alexander Mitteräcker "komplett einig: Print hat einen besonderen Wert, und wir beide glauben an die Zukunft von Print. Es lohnt sich, in Print zu investieren, und wir tun das auch." Die Erlöse aus der Printauflage seien "stabil, und die Maßnahmen, die hier getroffen wurden, halte ich für sehr klug".

    Schwerpunktsetzung als Stärke von Print

    "Den Wettkampf um Vollständigkeit mit Online" allerdings könne die gedruckte Zeitung nicht gewinnen. Ihre Stärken liege in der "Gewichtung und Schwerpunktsetzung. Und dazu gehört auch eine hochwertige Optik. Wir sind schon mitten in einem Relaunchprozess." Das Motto dabei: "Wir machen das Große groß und das Kleine klein." Bei der optischen Umgestaltung müsse man aber "den Mut zu kleinen Schritten" beweisen, um die Leser nicht zu überrumpeln.

    Online ist ein deutlicher Relaunch geplant. "Wir werden hier neue Akzente setzen, stärker auf interaktive Erzählformate setzen, den Online-Auftritt stark weiterentwickeln", so der Chefredakteur. Die im Vorjahr auch als Labor lancierte Deutschland-Ausgabe derStandard.de liefere hier "wichtige Erkenntnisse über die Bedürfnisse der Nutzer". Dennoch soll derStandard.at "anders sein als das jetzige Konzept für Deutschland". Details und den Zeithorizont für die Umsetzung nennt Kotynek noch nicht.

    Experimente mit Finanzierungsmodellen

    Mit der Performance von derStandard.at zeigt er sich zufrieden, Verweildauer und Visits seien zuletzt gestiegen. "Trotzdem ist es wichtig, dass wir auch dort sind, wo sich die Leser ebenfalls aufhalten." Und das seien soziale Medien und Plattformen wie Whatsapp. "Wir haben eine große Follower-Schar auf Facebook, und es ist für mich selbstverständlich, dass wir dort präsent sind." Auf Instagram und Whatsapp erreiche man vor allem junge User.

    Die Monetarisierung von Online-Content will der gebürtige Wiener, der im Vorjahr bei "Zeit Online" für die Einführung des dortigen Bezahlsystems ("Z+") mitverantwortlich zeichnete, experimentell erproben. "Wir sind sehr erfolgreich am Online-Werbemarkt, wollen aber natürlich noch zusätzlich andere Formen der Finanzierung finden. Die Zahlen des Pur-Abos für eine werbefreie Nutzung sind nach einem Monat sehr zufriedenstellend." Erkenntnisse des "Z+"-Projekts könnten hilfreich sein, "der Weg des STANDARD liegt aber nicht im Kopieren, sondern im Experimentieren". Welche Experimente ihm vorschweben, gibt Kotynek vorerst nicht preis. Nur so viel: "Das wird ganz anders ausschauen als eine klassische Paywall."

    "Österreich braucht großes, investigatives Medium"

    Ein Sparpaket braucht die STANDARD-Redaktion nicht zu fürchten, versichert Kotynek. "Ich habe ausreichend Mittel, um das zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Von Sparen ist momentan keine Rede."

    Investieren will er in investigative Recherche: "Für den STANDARD wird das relevanter werden." Kotynek selbst war nach seinem Wechsel zur "Zeit" Redakteur im Investigativressort und findet: "Es ist Zeit, dass Österreich wieder ein großes investigatives Medium bekommt. Ich möchte, dass es uns öfter gelingt, hier den Ton anzugeben. Da werden wir uns klar positionieren."

    Medienwandel "fantastische Chance"

    Er plant einen "Investigativbereich", "in dem werden wir Kompetenzen bündeln". DER STANDARD mache "da auch keinen Halt vor Nationalhelden und Legenden", verwies er auf die jüngste Berichterstattung zu Missbrauchsfällen im Skiverband.

    Das erwarten sich auch die Leser, zu dieser Erkenntnis gelangte Kotynek bei insgesamt zwölf Abendessen mit ausgewählten Usern in ganz Österreich. Dort hörte er "den Wunsch nach Ausgewogenheit, nach allen Perspektiven" ebenso wie "das Bedürfnis nach Tempo und Tiefe zugleich". Erste Resultate, etwa das Format "Für & Wider", hat dieses Feedback bereits gezeitigt. DER STANDARD als Zeitung mit "Haltung", diese Positionierung werde gut angenommen.

    Der studierte Neurobiologe sieht sich als Vertreter "einer neuen Generation von Medienmachern. Ich bin mit Print wie Online gleichzeitig aufgewachsen und habe natürlich einen klaren Anspruch, international zu sein, innovativ zu sein, investigativ und integrativ zu sein." Entsprechend wenig Kopfzerbrechen bereitet ihm der vielbeschworene Medienwandel. Im Gegenteil: "Diese Veränderungen, die sich in unserem Bereich gerade vor uns abspielen, sind eine fantastische Chance." (APA, 8.3.2018)

    • Martin Kotynek ist seit November der Chefredakteur des STANDARD.
      foto: standard / peter rigaud

      Martin Kotynek ist seit November der Chefredakteur des STANDARD.

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