Wie Bindung den Erkundungsdrang eines Kindes weckt

Blog9. März 2018, 15:00
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Die Nähe zur Bindungs- und Bezugsperson gibt Sicherheit. Aus dieser heraus kann das Kind seine Umgebung erkunden, seiner Neugier und seinem Forscherdrang nachgegeben

Moritz ist gerade dabei seine Umwelt zu entdecken. Auf dem Spielplatz tapst der 1,6-Jährige zur Sandkiste. Zwischendurch schaut er immer wieder, wo sich denn seine Mama befindet. Wenn er bemerkt, dass sie in seiner Nähe ist, dass sie zu ihm schaut und ihn auch ermutigt, dann geht er weiter.

Antonia wird heute Nachmittag von der Oma betreut, weil die Eltern gemeinsam einen Termin wahrnehmen müssen. Die Zweijährige weint bitterlich, als die Eltern sich verabschieden. Nach einiger Zeit lässt sich aber von der Oma beruhigen und spielt dann fröhlich weiter. Als die Eltern zurückkommen, freut sich Antonia sichtlich, läuft zu ihnen hin, begrüßt sie und kehrt dann zur Oma und zum gemeinsamen Spielen zurück.

Marina hat Liebeskummer. Obwohl die 15-Jährige momentan mit ihren Eltern oft streitet und diese altmodisch, spießig und manchmal auch echt blöd findet, ist es jetzt doch die Mama, bei der sie sich ausweint und die sie trösten soll.

Drei Beispiele von Kindern und Jugendlichen, die eine gute Bindung an ihre Eltern, vor allem an ihre primäre Bezugsperson haben. Dies ist in den meisten Fällen die Person, die in den ersten beiden Lebensjahren die meiste Zeit mit dem Baby verbringt und sich am häufigsten um das Kind kümmert.

Bindung festigt sich in ersten Lebensjahren

Diese Bindung an die Bezugspersonen beginnt bereits nach der Geburt zu entstehen und festigt sich vor allem in den ersten beiden Lebensjahren. Das Neugeborene zeigt Verhaltensweisen, die darauf ausgerichtet sind, dass sich ein Erwachsener um es kümmert, dass es Nähe und Fürsorge bekommt. Das Baby weint, es quengelt, es lächelt und schaut die Person an, die auf seine Aktionen reagiert. All das dient dazu, dass die Bezugsperson das Baby nimmt, mit ihm spricht, es unter anderem berührt, liebkost, es füttert und wickelt.

Das Baby sucht die Nähe der Bezugsperson, wenn es Bedürfnis nach einer frischen Windel, nach Essen, nach Nähe, nach Spaß und Unterhaltung hat, wenn es verunsichert ist, wenn es Stress oder Angst hat, wenn Gefahr besteht. Immer dann wird dieses Bindungsverhalten erneut aktiviert um die Bezugsperson herbeizuholen.

Gefühl der Sicherheit macht Erkundungsdrang möglich

Kommt die Mama oder der Papa oder eine andere wichtige Bindungs- und Bezugsperson und kümmert sich um das um Aufmerksamkeit suchende Kleinkind, dann kann dieses sich wieder beruhigen, es fühlt sich sicher und entspannt sich. Die Bindung an eine wichtige Bezugsperson dient also der Regulierung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Das Kind fühlt sich in der Nähe der Bindungsperson sicher, und kann aus dieser Sicherheit heraus seine Umgebung erkunden, seiner Neugier und seinem Forscherdrang nachgegeben.

Diese Mischung aus dem Bedürfnis und dem Gefühl nach Verbundenheit, Zugehörigkeit, Beständigkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit und das Vertrauen darauf, dass die Bezugsperson verlässlich greifbar ist, machen die Neugierde und den Erkundungsdrang möglich. Nur wenn es sich sicher fühlt und weiß, dass es gut aufgehoben ist, kann das Kleinkind sich von der Bezugsperson wegbewegen und damit andere Erfahrungen machen.

Die Art und Weise der Bindung, die ein Kind erfährt, hat Einfluss darauf, wie es sich entwickelt. Wie Situationen bewältigt werden können, hängt unter anderem davon ab, was das Kind bisher an Bindungsverhalten erlebt und welche Beziehungserfahrungen es gemacht hat. Ob es das Vertrauen in sich selbst hat, dass es Schwierigkeiten alleine lösen kann oder Hilfe und Unterstützung suchen und annehmen kann.

Was aber, wenn diese Bindung nicht genug Sicherheit gibt?

Das Baby weint, ja es schreit, aber niemand kommt. Das kleine Kind wird versorgt, allerdings läuft die Bedürfnisbefriedigung eher routiniert als liebevoll ab. Möglicherweise fällt es den Bezugspersonen schwer, sich adäquat auf ihr Baby einzustellen und die Interaktion zwischen Bezugsperson und Kind ist nicht optimal.

Hat das Kind Bezugspersonen, die sehr überfürsorglich, ja sogar ängstlich und überbeschützend sind, die ihrem Kind wenig zutrauen, dann kann das Kind mitunter nur unzureichende und wenig vielfältige Erfahrungen machen.

Verwirrung beim Kind

Sind die Eltern an einem Tag liebevoll und feinfühlig, gehen so oft es ihnen möglich ist auf die Bedürfnisse ihres Kindes ein beziehungsweise sind sie am nächsten Tag nicht greifbar, sind mehr mit sich und ihren eigenen Problemen und Herausforderungen des Alltags beschäftigt, und können sich daher weniger um ihr Kind kümmern, entsteht im Kind Verwirrung. Wenn die Reaktionen der Bezugspersonen nicht beständig sind, kann das Kind das Verhalten seiner Bezugspersonen nicht einordnen, es weiß nicht woran es ist und wie die Bezugspersonen reagieren werden.

Ist die Bezugsperson, also die Person, zu der das Kind die engste Bindung aufgebaut hat, gleichzeitig auch der Mensch, der es beschimpft, schlägt und bestraft, misshandelt oder ihm Schaden zufügt, dann ist das Kind extrem verunsichert. Es ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe und dem Bedürfnis nach Nähe zur und der Angst vor der Bezugsperson, so entsteht Unsicherheit beim Kind es kennt sich überhaupt nicht aus.

Haben Kinder unbeständige Bindungserfahrungen gemacht, dann kann es passieren, dass sie Schwierigkeiten haben, sich in verschiedensten Situationen und Beziehungen adäquat zu verhalten. Es kann sein, dass sie in ihrer Entwicklung Defizite aufweisen, dass sie ihre Bedürfnisse schwerer verständlich machen können, dass sie Probleme haben mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und diese aufrecht zu erhalten. Oftmals reagieren sie in unbekannten Situationen unter anderem mit Wut, Aggression, Distanzlosigkeit oder Zurückgezogenheit. Doch auch wenn ein Kind als Baby für sich keine zufriedenstellende Bindungserfahrung machen konnte, kann es im Leben garantiert noch Möglichkeiten geben, andere Beziehungserfahrungen zu machen.

Ihre Erfahrungen?

Wie schaffen Sie es abzuwägen, wann Sie gleich auf die Bedürfnisse Ihres Kindes regieren müssen? In welchen Situationen kommen Ihre Kinder mit der Bitte um Unterstützung zu Ihnen? Welche Rituale helfen Ihnen und Ihren Kindern diese Bindung immer wieder zu festigen? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 9.3.2018)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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