"Ganymed Nature": Hinhören und weitergehen

    8. März 2018, 18:07
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    Die Gruppe namens "wenn es soweit ist" zieht zum fünften Mal in das Kunsthistorische Museum. Die oft musikalisch unterlegte Parcours-Kunst, die für ausgewählte Bilder sprechen soll, stößt dabei klar an ihre Grenzen

    Wien – Die Ganymed-Serie von Regisseurin Jacqueline Kornmüller und Schauspieler Peter Wolf (zusammen bilden sie die Gruppe "wenn es soweit ist") hat im Kunsthistorischen Museum seit 2010 eine spartenübergreifende Kunstbetrachtung etabliert. Zum fünften Mal nun nehmen Literatur, Schauspiel, Musik und Tanz mit ausgewählten Gemälden der Kunstgeschichte Kontakt auf. Das funktioniert diesmal leider nicht besonders gut.

    Das in die Malerei von Tizian bis Gentileschi eingeschriebene jeweilige Narrativ (die Momenthaftigkeit der Bilder birgt doch immer eine Geschichte) haben Schriftsteller und Schriftstellerinnen für sich geknackt, indem sie unter dem Generaltitel Ganymed Nature kurze Texte verfasst haben. Milena Michiko Flasar etwa zog aus dem tiefen Dunkel des Gemäldes Waldlandschaft von Gillis van Coninxloo das Motiv für eine Vereinsamungsgeschichte; Franz Schuh brainstormte angesichts von Nymphe und Schäfer über das Annäherungsritual des Flirts; Vivien Löschner machte sich zu Fra Bartolomeos Bild Maria mit Kind Gedanken über das Ideal der Elternschaft und die Prozedur der In-vitro-Befruchtung.

    Der titelgebende Verhandlungsgegenstand der Natur blieb dabei aber immer vage. Anders gesagt: Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen ist voller Natur-Topoi – was darin ist nicht Natur? Selbst eine kleine Rose aus einem Porträt Marie Antoinettes wird hier als etwas mit Naturbezug in Anspruch genommen.

    Erstaunlich romantischer Gefängnisbericht

    Wie aber passt der Gefängnisbericht von Ahmet Altan ins Naturkonzept? Der Text des in der Türkei inhaftierten Journalisten und Autors zum Bild Alter Mann am Fenster von Samuel van Hoogstraten handelt von der geistigen Freiheit eines Schreibenden, also von der Leistung, sich qua Gedanken über die Beengtheit der Zelle (Raphael von Bargen auf einem Fensterbrett) hinwegzusetzen. Eine angesichts der Realität der weggesperrten Intellektuellen erstaunlich romantische Vorstellung.

    Oder: Rania Mustafa Alis Beitrag zu Orazio Lomi Gentileschis Ruhe auf der Flucht nach Ägypten. Die junge Syrerin hat ihre eigene Flucht mitgefilmt und thematisiert in ihrem Auftritt auch die Wartezeiten auf dieser gewaltvollen Reise. "Ich wäre nie gegangen ohne meine Game of Thrones-DVD", sagt sie und wirkt durch dieses Bekenntnis zur Popularkultur wie eine Freundin von nebenan.

    Torpedierte Auseinandersetzung

    Mehr noch als der vage Naturbegriff dieser Ganymed-Produktion ziehen aber die wenig praktikablen Rahmenbedingungen dieses Performanceparcours die Kunstbetrachtung in Mitleidenschaft. Da es keine Ordner gibt, ziehen Besucherströme frei durch die Gänge und frequentieren Stationen nach Lust und Laune, egal, ob die Show schon läuft. Dauerknarzende Holzböden, musikalische Höhepunkte aus dem Nachbarzimmer oder Applausschwall von nebenan tragen das Ihrige dazu bei, eine Auseinandersetzung (ohnehin im Instantformat) zu torpedieren.

    Die Gemälde werden so zu nebensächlicher Staffage, auf die der Blick der Betrachter kaum gelenkt wird bzw. aufgrund der Besucherzahl werden kann. Vielmehr dient das KHM hier als luxuriöse Kulisse für eine aufwendige, aber oberflächliche Konfrontation der Kunstsparten. (Margarete Affenzeller, 8.3.2018)

    • Martin Eberle (Trompete, Harmonium) und Martin Ptak (Klavier) kommentieren das Gemälde "Der düstere Tag" von Pieter Bruegel d. Ä. Das Publikum darf sich dabei auf die Podeste legen.
      foto: helmut wimmer

      Martin Eberle (Trompete, Harmonium) und Martin Ptak (Klavier) kommentieren das Gemälde "Der düstere Tag" von Pieter Bruegel d. Ä. Das Publikum darf sich dabei auf die Podeste legen.

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