Schwanz ab! Eine Fluchtstrategie mit sehr alten Wurzeln

11. März 2018, 12:00
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Viele heutige Echsen setzen bei Angriffen auf Autotomie – Forscher fanden nun Hinweise, dass die Methode schon vor 289 Millionen Jahren angewandt wurde

foto: aaron leblanc
Dieser Schwarzleguan ist bereits mit Zweitschwanz unterwegs – den originalen hatte er bei einem Angriff geopfert.

Toronto – Eine ganze Reihe heute lebender Echsen verfügt über eine etwas eigenwillige, aber effektive Fluchtstrategie: Autotomie – das bedeutet, sie können den Schwanz abwerfen, wenn sich ein angreifender Räuber darin verbeißt. Manche Arten schaffen dies sogar ohne zusätzliche äußere Gewaltanwendung.

Das ist kein kleines Opfer: Bei den zierlichen Skinken etwa macht der Schwanz mehr als die Hälfte der gesamten Körperlänge aus. Aber es rechnet sich, den Angreifer mit einem solchen Snack abzuspeisen, wenn dafür alle lebenswichtigen Organe in Sicherheit gebracht werden können. Bei vielen Spezies wächst der Schwanz anschließend wieder nach – oft nicht mehr so stattlich wie früher, aber groß genug, um dem Tier ein unbehindertes Weiterleben zu ermöglichen.

Offenbar haben die Reptilien schon sehr früh in ihrer Stammesgeschichte diese Fähigkeit entwickelt, berichten nun kanadische Forscher im Fachmagazin "Scientific Reports". Sie fanden Hinweise darauf, dass Vertreter der urtümlichen Tiergruppe der Captorhinidae ebenfalls dazu in der Lage waren, den Schwanz für das größere Ganze zu opfern. Und die lebten bereits vor 289 Millionen Jahren im Zeitalter des Perm.

illustration: robert reisz
Pionier der Autotomie: Captorhinus.

Das Team um Robert Reisz und Aaron LeBlanc untersuchte mehr als 70 Schwanzwirbel und teilweise erhalten gebliebene Schwanzskelette von verschiedenen Captorhinus-Exemplaren. An diesen fanden sie etwas, das sie als Sollbruchstellen interpretieren: Spalten bzw. Bruchlinien, die mitten durch den Wirbel verlaufen und laut Reisz wie die Perforation auf einem Blatt Papier funktioniert hätten.

Histologische Analysen führten die Forscher zum Schluss, dass es sich dabei nicht um zufällige Beschädigungen handelte, sondern um ein anatomisches Merkmal, das sich bei der Entwicklung der Wirbel ausbildete. Eines der Indizien: Bei älteren Exemplaren waren die Bruchlinien zum Teil zusammengewachsen, während sie bei jüngeren noch klar ausgeprägt waren. Das passt laut den Forschern zu dem Umstand, dass Jungtiere gefährdeter waren als ausgewachsene Exemplare.

Viele Feinde

Im Ökosystem des Perm war Captorhinus die Opferrolle zugeschrieben. Weniger als zwei Kilogramm schwer, sahen sich die kleinwüchsigen Pflanzen- und Allesfresser Räubern gegenüber, die um einiges größer waren: fleischfressende Amphibien ebenso wie ferne Vorläufer der Säugetiere.

Dennoch schaffte es Captorhinus im Verlauf des Perm, sich annähernd weltweit – soll heißen: über den ganzen Superkontinent Pangaea – auszubreiten. Die spezielle Fluchtstrategie könnte zu diesem Erfolg entscheidend beigetragen haben, vermutet Reisz. Und sie war auf die verschiedenen Captorhinus-Arten beschränkt – bei Fossilien von nahen Verwandten fanden die Forscher keine Sollbruchstellen.

foto: ap photo/alex brandon
Skinke praktizieren die uralte Methode heute wieder (auch wenn das diesem speziellen Exemplar nichts geholfen hat).

Erst beim großen Massenaussterben am Ende des Perm, vor 251 Millionen Jahren, verschwanden diese Reptilien – und mit ihnen vermutlich auch für lange Zeit die Autotomie. Laut den Forschern gibt es im Fossilienbefund keine Hinweise auf Vergleichbares, bis die modernen Echsen diese Strategie vor etwa 70 Millionen Jahren "wiederentdeckten". (jdo, 11. 3. 2018)

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