"Into the Breach" im Test: Der kleinste Strategiehit des Jahres

    11. März 2018, 10:56
    43 Postings

    Das zweite Spiel der Macher von "FTL" beweist, dass weniger oft mehr ist und bietet Taktikspannung in bewundernswerter Perfektion

    In Zeiten, in denen Day-One-Patches über 20 Gigabyte haben und Fotorealismus und aufwendige Vertonung auf Hollywoodniveau Standard bei großen Videospielen sind, mutet "Into the Breach" (Windows, 14,99 Euro) wie ein Spiel aus einem anderen Jahrhundert an: Die Pixelgrafik erinnert an die 16-bit-Ära Mitte der 90er-Jahre, Sprachausgabe gibt’s nicht und mit 340 MB Gesamtgröße ist das Strategiespiel in seiner Gesamtheit kleiner als so mancher Grafikkartentreiber. Und trotzdem: "Into the Breach" ist nach Meinung vieler Kritiker und begeisterter Spielerinnen und Spieler schon jetzt mindestens das Strategiespiel des Jahres.

    Dass einem Titel mit so bescheidenen Schauwerten überhaupt so viel Aufmerksamkeit zuteil wird, ist seinen Machern und deren Erstlingsspiel zu verdanken: Matthew Davis und Justin Ma, die Masterminds des winzigen Indie-Studios Subset Games, haben vor über fünf Jahren mit "FTL – Faster Than Light" einen wahren Indie-Hit gelandet. Die vielfach prämierte Weltraum-Odyssee verband geschickt Echtzeitstrategie mit Zufallsgenerierung und anderen Rogue-like-Elementen und faszinierte Millionen Spielerinnnen und Spieler weltweit. "Into the Breach", das "schwierige zweite Album", ist nun ein völlig anderes Spiel geworden – das dennoch vieles mit seinem erfolgreichen Vorgänger gemeinsam hat.

    Kampfroboter gegen Insektenmonster

    Im Zentrum des Spiels steht der Kampf riesiger Roboter gegen ebenso gewaltige Insektenmonster, die die Menschheit bedrohen, wobei: Die relative Größe von Helden wie Monstern lässt sich angesichts der niedlichen Retrografik nur an den ebenso winzigen Hochhäusern und Bergen auf den Schlachtfeldern ablesen. Diese sind – wie Schachbretter – acht mal acht Felder groß und die Kulisse für rundenbasierte Taktikschlachten, in denen wie im Spiel der Könige der Zufall (fast) keine Rolle spielt. Die Monster haben es auf die Zerstörung der Infrastruktur und ihrer Verteidiger abgesehen, die Dreiergruppen aus Stahlkolossen müssen der ständig Verstärkung bekommenden Insekteninvasion mit jeweils eigenen Mitteln Herr werden.

    Unklarheit über die unmittelbar nächsten Zerstörungsaktionen der Angreifer herrscht dabei niemals: Es ist zu Beginn des Spielerzuges eindeutig ersichtlich, was im nächsten Zug von welchem Angreifer droht. Zur Abwehr können die Monster entweder zerstört, unterbrochen oder aber auch bewegt werden – im Bestfall geht deren Angriff dann entweder ins Leere oder richtet sich sogar gegen andere Monster. Die Situationen im Kampf erinnern nicht zufällig auf gewisse Weise an Schachprobleme – nur dass es dank vieler unterschiedlicher Figuren eine große Palette an Reaktionsmöglichkeiten gibt. Neben dem Hauptziel jeder Schlacht, eine bestimmte Anzahl von Runden durchzuhalten und die Zerstörung der Infrastruktur zu minimieren, resultiert die Erledigung optionaler Nebenziele in Belohnungen, die sich in Upgrades der eigenen Roboter investieren lassen.

    Das Rundherum macht’s

    Die rundenbasierten, taktischen Kämpfe sind das spielerische Zentrum von "Into the Breach", und sie entfalten eine Faszination, der man sich mit zunehmendem Spielen immer schwerer entziehen kann – auch wegen des spielmechanischen Rahmens, der Abwechslung und Langzeitmotivation garantiert. Wie bei "FTL" sorgen Zufallsgenerierung, Permadeath und zum Experimentieren motivierende neue Waffen, Roboter und Pilotenfähigkeiten dafür, dass man sich wieder und wieder in die im Minimalfall etwa ein Dutzend Schlachten umfassende Kampagne zur Befreiung der Welt von dieser Bedrohung wirft – ein Umstand, der von der Hintergrundgeschichte des Spiels übrigens sympathischerweise mit den Zeitreisefähigkeiten der Helden erklärt wird.

    Denn zu entdecken gibt es jede Menge, auch wenn man bereits einmal am Ende der Kampagne angelangt ist; ein erfolgreicher "Run" lässt sich in etwa einer knappen Stunde abschließen. Insgesamt gibt es 27 in Bewaffnung und Möglichkeiten stark unterschiedliche Roboter, die sich durch Dutzende Waffen in unterschiedlichen Kombinationen zu Dreier-Teams zusammenstellen lassen; manche Fähigkeiten ergeben in gewissen Teamkombinationen keinen Mehrwert, lassen aber mit anderen gemeinsam effektive Taktiken zu. Das Herausfinden dieser unzähligen Kombinationsmöglichkeiten ist eine der befriedigendsten Langzeitbeschäftigungen in "Into the Breach". Anfängern ist der Einstieg im einfachsten Schwierigkeitsgrad anzuraten, wer sein Können wirklich testen will, findet im Hard-Mode eine Herausforderung.

    mrout
    Launch-Trailer zu "Into the Breach".

    Fazit: Klein, aber oho

    Schönheitsbewerbe wird "Into the Breach" keine gewinnen, doch die nicht nur durch die minimalistische Grafik gebotene Atmosphäre ist durchaus nicht reizlos: Die unterschiedlichen Mechs sind nett designt, Soundtrack sowie Effekte sind absolut gelungen und kleine Details wie Wortmeldungen der unterschiedlichen Piloten sowie der um ihre Rettung zitternden Zivilisten sorgen für überraschend dichtes Science-Fiction-Feeling. Wie es überhaupt beachtlich ist, wie viel Subset Games aus der Reduktion ihres Spieles geholt haben. Das taktische Gameplay ist einfach zu erlernen, doch aufgrund großer Variationsmöglichkeit schwer zu meistern – was zu Beginn noch simpel erscheint, öffnet sich dank Freischaltung vieler neuer Spielmöglichkeiten in überraschende taktische Tiefe.

    Freunde von "FTL" finden in "Into the Breach" ein ebenso faszinierendes, in seinen grundlegenden Gameplay-Mechaniken aber ziemlich unterschiedliches Spielerlebnis, das sich trotzdem aus dem Stand als absolut gelungener Instant-Klassiker neben diesem einreiht; aber auch all jene Taktikfreunde, die mit dem Vorgänger nichts verbinden, werden von diesem kleinen, großen Spiel verlässlich in seinen Bann gezogen. "Into the Breach" ist ein anschaulicher Beweis dafür, dass Größe oder auch Hochglanzpräsentation zwar nett sind, aber letztlich eben vielmehr cleveres Design, innovative Spielmechaniken und begeisternde Langzeitmotivation genau jene Zutaten sind, die ein wirklich gutes Spiel ausmachen. Wer sich von der Präsentation abschrecken lässt, verpasst eines der besten taktischen Strategiespiele aller Zeiten. (Rainer Sigl, 11.03.2018)

    "Into the Breach" ist für PC erschienen, eine macOS- und Linux-Version sollen folgen. UVP: 14,99 Euro.

    Link

    Subset Games

    • Artikelbild
      into the breach
    • Artikelbild
      into the breach
    • Artikelbild
      into the breach
    • Artikelbild
      into the breach
    • Artikelbild
      into the breach
    • Artikelbild
      into the breach
    • Artikelbild
      into the breach
    • Artikelbild
    Share if you care.