Die hart erkämpfte Freiheit der Frauen auf zwei Rädern

    Blog8. März 2018, 08:53
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    Das Fahrrad gilt als Maschine der Emanzipation. Das ist historisch auch richtig. Und doch kämpfen Frauen im Radsport bis heute mit Problemen und Vorbehalten wie vor 120 Jahren

    Innsbruck/Wien – Vor gut 120 Jahren sorgte die Wiener Rennradpionierin Cenci Flendrofsky für Furore. Sie war eine der ersten Frauen in damals Österreich-Ungarn, die Radwettkämpfe bestritt. Die Radhistorikerin und Autorin Petra Sturm erforscht derzeit die Geschichte dieser Pionierinnen, um sie nicht dem Vergessen preiszugeben. Denn diese Frauen haben nicht nur den Radsport, sondern auch die Emanzipationbewegung geprägt.

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    Die besten Radlerinnen der Welt feiern den Internationalen Frauenkampftag.

    Fahrradfahren gilt als ein Motor der Selbstbestimmungsbewegung des späten 19. Jahrhunderts. "Weil das Rad die perfekte Projektionsfläche bietet", erklärt Sturm. Radfahren verlieh Frauen bis dahin ungekannte Freiheiten. Es vergrößerte ihren Aktionsradius im öffentlichen Raum und verhalf ihren Ideen zu Breitenwirksamkeit. Und gerade deshalb gab es viele Vorbehalte gegen radfahrende Frauen.

    Kleidung als Hindernis

    Der größte Hemmschuh auf dem Weg in den Fahrradsattel war die damalige Kleidung. Im langen Rock und mit atemraubendem Korsett oder Mieder ist Radfahren praktisch kaum möglich. Enge oder gar kurze Hosen waren jedoch als unschick und unweiblich verpönt. Obwohl die Erfindung des Rades auf das Jahr 1817 zurückgeht, sollten die ersten Damenradmodelle, die frau mit Rock fahren konnte, erst rund 70 Jahre später folgen.

    Das löste zwar einen regelrechten Boom aus, doch Pionierinnen wie Flendrofsky mussten dennoch in unzweckmäßiger Kleidung die ersten Rennen bestreiten. Überhaupt ist die Emanzipation im Radrennsport nur sehr langsam vorangekommen. "Eine These dazu wäre: je älter die Disziplin, umso stärker hat sie sich als Männerdomäne etabliert", sagt Sturm. So fand erst 1990 die erste offizielle Straßenradmeisterschaft für Frauen in Österreich statt.

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    Der Verein Mitzi and Friends fördert Frauen im Radsport.

    Dabei war der Radsport anfangs und andernorts noch offener. Beim ersten Straßenradrennen von Paris nach Rouen im Jahr 1869 waren unter gut 100 Teilnehmern auch fünf Frauen. Eine von ihnen schaffte es – neben 32 Männern –, das Rennen erfolgreich zu beenden. Im schon damals liberaleren Dänemark sorgte Susanne Lindberg 1897 für einen neuen Rekord über die 1.000 Kilometer, die sie in 54 Stunden und 30 Minuten abspulte. Sie war fast drei Stunden schneller als der bis dahin männliche Rekordhalter.

    Weil aber die meisten Radverbände Europas in den 1890ern Rennen für Frauen verboten hatten, verschwanden diese Pionierinnen und ihre Leistungen aus dem Bewusstsein. Während sich andere Sportarten durchaus für Frauen öffneten, verschloss sich der Radsport. Das wirkt bis heute nach. Etwa beim Grand Boucle Féminine, der von 1984 bis 2009 mit Unterbrechungen als weibliches Pendant zur Tour de France ausgetragen wurde und bei dem 2008 die mehrfache österreichische Staatsmeisterin Christiane Soeder den Gesamtsieg einfuhr. Noch im letzten Jahr des Rennens wurde täglich nach Etappenende der sogenannte "Preis der Eleganz" verliehen, berichtet Historikerin Sturm in einem ihrer Texte.

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    Die Leistungen der derzeit besten Downhillerin der Welt, Rachel Atherton, werden stets auf ihre Rolle als Schwester zweier erfolgreicher Brüder reduziert.

    Auch die Mountainbikerinnen haben es in ihrem Sport nicht leicht. Im Downhill werden Frauen nach wie vor zum Beiwerk der Männer degradiert. So werden die Leistungen einer der erfolgreichsten Athletinnen in dieser Disziplin, Rachel Atherton, stets mit ihren beiden Brüdern begründet. Ihre vier Weltmeistertitel, die fünf Gesamtweltcupsiege, die "perfekte Saison" 2016, in der sie jedes Rennen gewann – alles nur, weil sie die Schwester zweier erfolgreicher Radfahrer ist. Atherton machte das wütend zum Thema in der Bikeszene, nachdem Moderatoren bei Rennen ihre Leistung wiederholt auf ihre Rolle als Schwester reduziert hatten.

    Massive Vorbehalte gegenüber Frauen

    In den Disziplinen Freeride und Slopestyle sucht man Frauen überhaupt fast vergebens. Eine der wenigen ist die Kärntnerin Angie Hohenwarter. Auch sie berichtet von massiven Vorbehalten gegenüber Frauen. So war Hohenwarter die erste weibliche Punkterichterin auf der FMB-Worldtour. Nach zahllosen despektierlichen Kommentaren der männlichen Kollegen und Sportler zog sie sich jedoch ebenfalls entnervt zurück.

    Was im Profisport nicht funktioniert, hat sich unter Amateurinnen dank zahlreicher Initiativen etabliert. "Im Breitensport haben sich Frauennetzwerke entwickelt", erklärt Sturm. Das reicht von Hobbyradlerinnen-Gruppen, die sich über Internetforen zu gemeinsamen Ausfahrten verabreden, bis hin zu sportlich ambitionierten Bikerinnen, die sich gegenseitig motivieren, an die eigenen Grenzen zu gehen. Auch im Nachwuchs werden weibliche Talente mittlerweile gezielt gefördert. Mit den Downhillerinnen Vali Höll und Paula Zibasa, die bereits im Weltcup starten, trägt diese Arbeit erste Früchte.

    Von einer Gleichberechtigung im Radsport kann trotzdem noch lange keine Rede sein. Bleibt zu hoffen, dass es keine weiteren 200 Jahre dauert, bis diese endlich Normalität wird. (Steffen Arora, 8.3.2018)

    Weitere Literatur und Links zum Thema:

    - Artikel von Petra Sturm zum Thema Radfahren und Emanzipation

    - Mitzi and Friends, Radsportplattform für Frauen

    - Velochicks, Plattform für radbegeisterte Frauen

    - Bikesisters, Vernetzungs- und Infoplattform für Bikerinnen

    - MTB Downhill & Freeride Verein Innsbruck, Nachwuchstraining für Bikerinnen

    • Die Wiener Rennradpionierin Cenci Flendrofsky auf einem Zeitungsfoto aus dem Jahr 1898.
      foto: petra sturm

      Die Wiener Rennradpionierin Cenci Flendrofsky auf einem Zeitungsfoto aus dem Jahr 1898.

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