Feminismus 2018: Für die Quotenregelung

Kommentar der anderen7. März 2018, 17:36
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Die Front des Kampfes um Teilhabe verlagert sich praktischerweise weg von den Geschlechtergrenzen mitten hinein in eine systemisch benachteiligte Gruppe: Frauen gegen Frauen, das sieht man immer wieder gerne. Entspricht auch grade so schön dem Backlash-Zeitgeist

Als ich etwa 14 war, erfuhr ich zum ersten Mal von einem Buch mit dem Titel "Das andere Geschlecht". Nachdem eine Frau das Buch geschrieben hatte, nahm ich völlig selbstverständlich an – ich als weibliches Wesen war für mich eben geschlechtsmäßig der normative Standard -, dass es sich dabei über ein Buch über das Phänomen "Mann" handeln musste, das mir zu dem Zeitpunkt schon ein wenig rätselhaft und durchaus der Analyse wert erschien. Dass das Buch im Original "Le Deuxième Sexe", also "Das zweite Geschlecht", benannt wird, weist allerdings schon sehr deutlich auf den im Text verhandelten normativen Charakter des "ersten" Geschlechts, des männlichen, hin.

Das Prinzip des "Ausgreifens"

Dass ich bereits einige Jahre zuvor das Prinzip des "Ausgreifens" durch manche meiner männlichen Alterskollegen kennengelernt hatte, mag zum Rätsel beigetragen haben: Der betreffende Knabe schlich sich von hinten an ein Mädchen heran, legte die Arme um sie und quetschte ihren Busen zwischen seinen Fingern, nur um dann, wenn sie protestierte und sich wehrte, laut zu verkünden, dass sie es (a) selbst gewollt und damit bekommen habe, was sie verdiene, oder, noch effizienter, (b) selbst gewollt, aber nicht bekommen habe, hässlich wie sie sei, die Schlampe!, das glaube die doch selbst nicht, dass sich irgendwer freiwillig an ihr vergreife – diese perfide Hinterhältigkeit empörte mich derart, dass es mir buchstäblich die Sprache verschlug.

Die Machtlosigkeit, die mir in die Knochen fuhr, erschütterte mich, ich begriff instinktiv, dass ich alleine und vor allem ohne hinreichende Benennung des Mechanismus gar nichts ausrichten konnte. Dass das Ganze nur einen sanften Vorgeschmack der über Jahrhunderte in Europa und auch heute noch vielerorts praktizierten "Entehrung" von Frauen durch Vergewaltigung darstellte, verstand ich erst allmählich. Die antike Lucretia etwa rettete ihre durch eine erlittene Gewalttat angeblich verlorene "Ehre" – und wohl vor allem die ihres Ehemannes – durch Selbstmord und war bis zur Neuzeit ein durchaus beliebtes und beispielhaft gedachtes Bildmotiv, was den Ehrbegriff als solchen meiner jugendlichen Einschätzung nach völlig disqualifizierte.

Systematische Behinderung

Um Sachverhalte wie diese zu durchdenken und gewissermaßen von innen begreifen zu können, brauchte ich allerdings noch ein wenig Zeit. Als einer meiner Lehrer in einer für ihn typischen Abschweifung ins Prinzipielle verkündete, Frauen hätten es noch nie zu was gebracht, war ich schon etwas besser vorbereitet; keine Literatinnen habe es je gegeben, führte er aus, keine Komponistinnen, keine Malerinnen, was alles selbstverständlich unzutreffend ist, Literatinnen gab es seit der Antike, schon in der Frühneuzeit waren Malerinnen namentlich bekannt (etwa die im Kunsthistorischen Museum vertretene Sofonisba Anguissola), die meist in den Werkstätten ihrer Väter ausgebildet wurden – davon gar nicht zu reden, dass so etwas wie eine systematische Behinderung von Frauen offenkundig weit jenseits der Vorstellungskraft meines Lehrers war, und nicht nur der seinen. Und außerdem, holte er triumphierend zum ultimativen Schlag aus, habe noch nie eine Frau den Nobelpreis bekommen!

Ich war völlig perplex angesichts dieses argumentativen Eigentors und fragte ihn, ob er schon mal etwas von Marie Curie gehört habe? Die habe ihn gleich zweimal bekommen, einmal in Physik, einmal in Chemie (ihre Tochter Irène erhielt den Preis für Chemie gleich noch einmal). An seine Reaktion erinnere ich mich nicht mehr. Mir wurde jedenfalls zum ersten Mal bewusst, was ein Role-Model sein könnte.

Worauf will ich hinaus? Erstens: Das Prinzip der Ähnlichkeit – das ich selbst unbewusst im Fall der Interpretation des "anderen" Geschlechts angewandt hatte -, ist eines, das wohl ganz wesentlich männliche Vorherrschaft an den Schaltstellen von Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaft zementiert hat und weiterhin zementiert. Gremien, die etwa zur personellen Besetzung einer Stelle berufen werden und selbst größtenteils aus Männern bestehen, werden höchstwahrscheinlich einen Mann auswählen, und dies, ohne dass man eine böse Absicht unterstellen müsste, einfach, weil es Menschen, Männern, Frauen und allen anderen, naheliegt, ein dem eigenen Lebensentwurf ähnliches Lebens- und Selbstrepräsentationsmodell attraktiv zu finden und den anderen vorzuziehen.

Deshalb sind Quotenregelungen unabdingbar, denn sonst wird sich an der Vorherrschaft des normgebenden, implizit männlich gedachten Bildes des optimierten, allzeit bereiten, sich selbst und andere erfolgreich ausbeutenden Businesskriegers schlicht nichts ändern, so unerreichbar (und autodestruktiv) es auch für den durchschnittlichen Mann sein mag – und damit an der Teilhabe von Frauen am Erwerbsleben, damit unmittelbar verknüpft an der ungleichen Entlohnung, dem Gender-Pay-Gap, an der massiv ungleichen Aufteilung der unentgeltlichen Arbeit wie Kindererziehung und Pflege von Angehörigen.

Und, nebenbei bemerkt, am geschlechtsspezifisch zulasten der Männer deutlichen Unterschied in der Lebenserwartung. Die bis zum Abwinken beschworenen freiwilligen Ziele der Geschlechterbeteiligung sind zumindest in Wirtschaft und Medien ein offenkundig völlig untaugliches, weil zahnloses Mittel.

Frauenvolksbegehren

Zweitens: Es gibt sie selbstverständlich auch, die Businesskriegerin. Ein Phänomen, das mir dabei besonders ins Auge zu stechen scheint, ganz konkret auch im Fall der aktuellen österreichischen Bundesregierung, von der bis zum jetzigen Zeitpunkt etwa kein einziges (weibliches) Mitglied das Frauenvolksbegehren unterstützt, ist das, was ich als die "patriarchal-kompatible Frau" bezeichnen möchte.

Ein Weiblichkeitsmodell, das beruflichen Erfolg durchaus einschließt, allerdings um den Preis, dass die Betreffende stets und laut verkündet, dass sie sich gewissermaßen als am emanzipatorischen Ziel angekommen sieht und dass sie den Feminismus für überholt hält, ja, dass sie Feministinnen und Feministen als solche für hoffnungslos hinterwäldlerisch und unzeitgemäß hält, von schlimmeren Zuschreibungen nicht zu reden. Dass sie selbst eventuell aus einer sozial privilegierten Position heraus agiert, die weder Kindergartenöffnungszeiten noch mangelnde soziale oder Bildungsinfrastruktur anficht, wird als gegeben hingenommen und dezent beschwiegen.

Patriarchales System

Dieses Modell ist von der Popliteratin über den Vorabendserienstar bis zur Ministerin höchst erfolgreich, verspricht es dem männlichen Teil eines implizit und manchmal durchaus auch explizit patriarchalen Systems doch, dass von der betreffenden Frau sicher keine Gefahr ausgeht, selbst wenn man ihr einen Anteil am Macht- und Einflusskuchen zugesteht. Diese Haltung hat etwas von Duldungsstarre, und ja, sie verlagert die Front des Kampfes um Teilhabe praktischerweise weg von den Geschlechtergrenzen mitten hinein in eine systemisch benachteiligte Gruppe (natürlich nicht die einzige, da gibt es viele, und es gibt sogar Schnittmengen): Frauen gegen Frauen, das sieht man immer wieder gerne. Entspricht auch grade so schön dem Backlash-Zeitgeist.

Bei all diesen Gründen ist das Einstehen für Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen, für eine staatlich gewährleistete soziale Infrastruktur, für feministische Positionen nach wie vor von substanzieller Bedeutung für ein gedeihliches Zusammenleben aller. (Und übrigens: Ja, ich habe wohl nicht aus heiterem Himmel Physik studiert.) (Olga Flor, 7.3.2018)

Olga Flor (Jahrgang 1968) ist Schriftstellerin. Sie hat an der Universität Graz Physik und Kunstgeschichte studiert. Zuletzt erschienen: "Klartraum", Roman, Jung und Jung, Salzburg/Wien 2017; "Politik der Emotion", Residenz-Verlag, Salzburg 2018.

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    foto: clintscholz/istock
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