Frauentag zwischen Tradition und Kommerz

    8. März 2018, 13:00
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    Der Weltfrauentag jährt sich zum 107. Mal. Heute nutzen Geschäfte den Tag und werben mit Geschenken um Frauen. In der Geschichte stand er sowohl für Kampf und Widerstand als auch für Harmonie nach dem Krieg

    Ein roter Lippenstift als Geschenk zu anderen Make-up-Produkten, billigere Bücher und Putzmittel oder eine Blume an der Busstation: Den Frauentag verbinden viele mit Präsenten und Prozenten für die weibliche Hälfte der Gesellschaft. "Der Frauentag ist kommerzialisiert worden", sagt Maria Mesner, wissenschaftliche Leiterin des Wiener Kreisky-Archivs. "Das spricht auch für seinen Erfolg. Er ist so attraktiv geworden, dass versucht wird, Gewinn herauszuschlagen." Der Frauentag ist nicht nur in den Geschäften, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. "Er hat seinen Schrecken verloren", sagt Mesner.

    foto: apa/picturedesk
    Mit großen Hüten und ebenso großen Reifröcken wurde am ersten Frauentag in Berlin 1911 für das Frauenwahlrecht demonstriert.

    Dabei wurde der Frauentag vor 107 Jahren als politischer Kampftag ins Leben gerufen. Zu einer Zeit, als Frauen noch keine politischen Vereine gründen konnten, sondern ihr Engagement im Mäntelchen von Bildungsvereinen getarnt haben. "Um die Jahrhundertwende haben sich viele soziale Bewegungen internationalisiert. In diesem Zusammenhang ist auch die Entstehung des Frauentages zu sehen", sagt Mesner. Die erste große gemeinsame Forderung war jene nach dem Frauenwahlrecht: "Es wurden aber auch allgemeinere Forderungen gestellt, die etwa für alle Unterschichten relevant waren." In Österreich waren es vor allem sozialdemokratische Frauen und bürgerliche Frauenbewegungen, die sich für das allgemeine gleiche Wahlrecht unabhängig vom Geschlecht eingesetzt hatten.

    Tag mit Tradition

    Mit der Einführung des Frauenwahlrechts fiel zwar diese Forderung weg, Frauen wurden als politische Subjekte und Wählerinnen interessant. "Das war ein Motiv, den Frauentag auch in der Ersten Republik wiederaufzunehmen", sagt Mesner. Die Neustrukturierung des Frauentages fasste den Tag im Frühjahr nicht ausschließlich als Frauenraum. "Es war zumindest für die Sozialdemokratinnen konsensual, dass Gleichstellung eine gemeinsame Sache ist."

    Mit dem politischen Klima hat sich in den späten 1920er-Jahren auch der Frauentag militarisiert. "Wie man den Tag begangen hat, hat sich nicht so sehr verändert, aber die Darstellungen und die Sprache auf den Plakaten." Statt Arbeiterinnen wurden Kämpferinnen abgebildet, die gegen die Faschisierung der Republik aufgetreten sind. "Ein starkes Anliegen des Frauentags war der Erhalt der Republik", sagt Mesner. In den 1930ern war es jedoch vorerst vorbei mit dem Frauentag. Von jenen, die im Untergrund oder der Illegalität lebten, soll er aber weiterhin begangen worden sein.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Frauentag im Zeichen des Friedens. "Durch die traumatische Erfahrung des Weltkriegs und der Faschismen herrschte eine gewisse Form der Konsensorientiertheit in der Gesellschaft vor." Die Radikalisierung kam erst mit der Zweiten Frauenbewegung zurück.

    Provokanter Bauch

    "Die Töchter der ersten Nachkriegsgeneration von Frauen haben ihren Anteil an der Welt eingefordert", beschreibt Mesner. Die Ausweitung von Bildung bei jungen Frauen führte auch zur Unzufriedenheit. Proteste am Frauentag wurden von Studentinnen getragen und passten auch in deren Lebenssituation. "Sie waren nicht mehr zufrieden mit dem, womit ihre Mütter zufrieden sein mussten." Zentral war die Forderung der Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. "Mit der provokanten Forderung, dass es das Recht der Frauen war, über sich selbst zu bestimmen, wurden die Grenzen des bis dahin Forderbaren infrage gestellt."

    Abgeordnete Anneliese Albrecht hält am 23. Jänner 1974 eine Rede im Nationalrat. An diesem Tag fasste das Parlament mit den Mehrheitsstimmen der SPÖ den Beharrungsbeschluss für die Straffreiheit bei Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate, nachdem der Gesetzesbeschluss vom Bundesrat beeinsprucht worden war.

    Heute ist der Frauentag individualisierter. Zwar wird das Anliegen der Gleichstellung weiterhin unterstützt, nach der Autonomen Frauenbewegung hat die Skepsis gegenüber Organisationen jedoch angehalten. Das habe auch "Nachteile gegenüber institutionalisierten Parteien", meint Mesner. Trotzdem bleibt der Frauentag ein Ritual, das weiter mit einer kleinen Demonstration begangen wird.

    Riesenchance und Ritual

    Das Internet sei in dem Kontext "eine Riesenchance für die Frauenbewegung", sagt Maria Mayrhofer von der Plattform #aufstehn. Lange seien wichtige Themen nur im "stillen Kämmerchen" diskutiert worden. "Mit dem Internet kommen nun auch Menschen, die bislang kaum Zugang zu den Diskursen hatten, mit feministischen Anliegen in Kontakt, können sie unterstützen und teilen", sagt Mayrhofer. Das habe sie auch bei der Kampagne #Solidaritystorm gemerkt: "Wir können schnell und billig viele Menschen erreichen." Aber mit vielen Likes lässt sich der Kampf um Gleichberechtigung natürlich nicht gewinnen: "Der Klick im Netz, die Mobilisierung online kann nur ein erster Schritt sein. Wir müssen dafür sorgen, dass es im echten Leben ankommt", sagt sie.

    Ein Weg dafür sei die Neuauflage des Frauenvolksbegehrens. "Es ist eine temporärere Form, ob sie adäquat ist, muss man am politischen Effekt messen", so Mesner. (Oona Kroisleitner, 8.3.2018)

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