Wiener Start-up: "Buben verwechseln Menstruation mit Masturbation"

    9. März 2018, 08:56
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    Jugendliche wissen zu wenig über Menstruation. Eine Lernplattform zum Thema soll fixer Bestandteil des Unterrichts werden

    Was fällt dir zum Thema Menstruation ein? "Selbstbefriedigung" ist bei männlichen Jugendlichen oft die Antwort auf diese Frage. "Vor allem Burschen denken bei Menstruation immer wieder an Selbstbefriedigung, weil sie den Begriff mit Masturbation verwechseln", weiß man bei Erdbeerwoche. Das Wiener Start-up hat vergangene Woche die Lernplattform Ready for Red für Schüler von elf bis 16 Jahren vorgestellt, mit der Mädchen und Buben über Zyklus, Menstruation und Frauenhygiene aufgeklärt werden sollen.

    Dass das Wissen zum Thema Menstruation bei Jugendlichen sehr lückenhaft ist, weiß man bei Erdbeerwoche spätestens seit dem Vorjahr. Eine Umfrage unter 1.100 jungen Menschen hat gezeigt: 17 Prozent der Mädchen und 34 Prozent der Jungen wissen nicht, was der Begriff Menstruation überhaupt bedeutet. 60 Prozent der Mädchen haben eine negative Einstellung zu ihrer Menstruation, und 70 Prozent der Jungen fanden das Thema unwichtig und peinlich. 53 Prozent der Buben glauben außerdem, die Menstruation dient der Verhütung.

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    Frauen (und ein Mann) erzählen auf Ready for Red, was Menstruation für sie bedeutet.

    Das soll sich ändern. Spielerisch, interaktiv, bunt und mithilfe zahlreicher Videos klicken sich die Jugendlichen im Unterricht und gemeinsam mit ihren Lehrern auf Ready for Red durch vier Levels, in denen Gleichaltrige Basiswissen zu Menstruation, Wissen über Damenhygieneprodukte, Regelschmerzen und Umweltfaktoren sowie Ökologie vermitteln.

    Regelschmerzen-Memory

    Dabei soll das Thema ganz nahbar und enttabuisiert vermittelt werden. In Videos erzählen verschiedene Frauen etwa, wie sie ihre erste Regelblutung erlebt haben, junge Männer sehen sich in einem anderen unterschiedlich großen, mit einer roten Flüssigkeit gefüllten Gläsern gegenüber und müssen schätzen, welche Mengen an Blut eine Frau monatlich verliert. Dazu kommen Puzzles zu den weiblichen Geschlechtsorganen, Rätsel zum Ablauf eines Monatszyklus und ein Regelschmerzen-Memory.

    Immer wieder wird auch das männliche Geschlecht miteinbezogen. Burschen erklären, wie eine Binde funktioniert, Männer bekommen Tipps, wie sie mit Regelschmerzen von Frauen umgehen können. Zentrale Aussage: Menstruation geht auch Jungs etwas an.

    Ein Level ist den Umweltfaktoren gewidmet, dazu zählt etwa, wie Jugendliche mit ihrer Familie über Menstruation sprechen können oder wie in anderen Ländern und Kulturen mit dem Thema umgegangen wird. In diesem Teil der Lernplattform geht es auch um nachhaltige Monatshygieneprodukte, wie sie die Erdbeerwoche selbst vertreibt. Die Schüler lernen, dass nachhaltige Produkte (etwa Menstruationstassen) weniger bis gar keinen Müll produzieren, und können sich ausrechnen, wie viel Frauen in ihrem Leben für Tampons, Binden et cetera ausgeben. Apropos: Hier wird auch der Steuersatz auf Damenhygieneprodukte (in Österreich derzeit 20 Prozent) thematisiert. Seit längerer Zeit fordern die Gründerinnen der Erdbeerwoche eine Senkung der Steuer auf zehn beziehungsweise 13 Prozent ein, wie sie für andere Güter des täglichen Bedarfs eingehoben wird.

    Engagierte Lehrerinnen

    Eingesetzt werden soll die Plattform in der fünften und siebten Schulstufe, dafür benötigt werden etwa zwei bis vier Schulstunden. Das langfristige Ziel ist, das Thema fix im Lehrplan zu implementieren. Bis dahin müssen Schulen Ready for Red auf Eigeninitiative umsetzen, die Kosten belaufen sich je nach Anzahl der Schüler auf etwa 200 bis 300 Euro.

    Bei den Erfindern hofft man auf engagierte Direktoren beziehungsweise Lehrerinnen und Lehrer, die in einem Onlineseminar eingeschult werden. Zum Start des Programms wird der Einsatz der Plattform für eine begrenzte Anzahl öffentlicher Neuer Mittelschulen von Stadtschulrat und der Stadt Wien finanziert.

    Bei der Stadt zeigt man sich vom Projekt begeistert. "Selbst als erwachsene Frau denkt man sich an der Supermarktkassa hin und wieder: 'Hoffentlich sieht der Mann hinter mir jetzt nicht, dass ich Binden kaufe'", sagt Kristina Hametner, Leiterin des Wiener Programms für Frauengesundheit – das Thema müsse dringend aus der Tabuzone geholt werden, am besten schon im Teenager-Alter. "Für das erste Mädchen in der Klasse, das die Menstruation bekommt, ist es oft besonders schwierig. Deshalb müssen Frauen gerade in der Pubertät empowert werden." (Bernadette Redl, 9.3.2018)

    • Besonders Buben finden Menstruation oft eklig. Mehr Wissen zum Thema soll das Grausen beenden.
      foto: istock

      Besonders Buben finden Menstruation oft eklig. Mehr Wissen zum Thema soll das Grausen beenden.

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