Der tiefe Fall einer weltberühmten Fakultät

9. März 2018, 07:00
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Keine Universität hat mehr Wissenschafter aus rassistischen Gründen entlassen als die Uni Wien nach dem "Anschluss"

"Meine sehr Verehrten! Hiermit sage ich Ihnen allen – auch Namens meiner Frau und meines Sohnes Peter – Dank und Lebewohl! (...) Spätestens am 20. Juni erfolgt der Transport nach Theresienstadt-Böhmen. In einem späteren Zeitpunkte wird es mir wohl möglich sein, Ihnen unsere genauere Adresse mitzuteilen." Mit diesen Zeilen verabschiedete sich der Mediziner Victor Hammerschlag am 10. Juni 1942 von seinen Freunden in Wien.

Es war ein Abschied ohne Rückkehr. Nicht einmal ein Jahr später starb der HNO-Spezialist unter den grausamen Bedingungen der Lagerhaft. Seine Frau Hedwig war schon wenige Wochen nach der Ankunft im Juli 1942 an den Folgen der menschenunwürdigen Behandlung in Theresienstadt umgekommen. Im gleichen Monat wurde der Sohn des Mediziners, der bekannte Kabarettist und Schriftsteller Peter Hammerschlag, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Einzigartiger Exodus

Bis zum "Anschluss" hatte Victor Hammerschlag 35 Jahre lang dem Lehrkörper der Universität Wien angehört. Was dort nach dem 12. März 1938 geschah, ist bis heute weltweit einzigartig: An keiner Hochschule wurden in so kurzer Zeit so viele Wissenschafter aus rassistischen und – zu einem geringeren Teil – aus politischen Gründen entlassen. Als der Anatom und NS-Dekan Eduard Pernkopf am 26. April 1938 das Sommersemester etwas verspätet eröffnete, fehlten von den rund 760 Lehrenden nicht weniger als 252, also rund jeder Dritte.

foto: österr. nationalbibliothek / picturedesk.com
Mit Hakenkreuz und Hitlergruß: Semestereröffnung für die Mediziner am 26. April 1938, am Rednerpult NS-Dekan Eduard Pernkopf.

Bis zum Ende der NS-Herrschaft sollte diese Zahl auf über 320 und somit auf über 40 Prozent steigen. Das waren sowohl in absoluten wie auch relativen Zahlen mehr Entlassungen als an jeder deutschen Universität nach 1933.

"Geistige Verarmung Mitteleuropas"

Die Folgen davon wirken bis heute nach: "Die Nazifizierung der deutschen und österreichischen Universitäten scheint mir einer der Gründe für die geistige Verarmung Mitteleuropas zu sein", konstatierte Bruno Kreisky 1986 in seinen Lebenserinnerungen: "Eine Gelehrtenflucht trat ein, wie es sie bis dahin nicht gegeben hat."

Besonders stark betroffen war der Lehrkörper der medizinischen Fakultät: Von den 321 Medizinern, die bis zum "Anschluss" dem Lehrkörper der Uni Wien als Professoren und Dozenten angehört hatten, wurden insgesamt 175 verwiesen – "aus Gründen des öffentlichen Wohls", wie die zynische Begründung lautete.

Mehr als die Hälfte musste gehen

Diese 175 Lehrenden stellen zugleich rund 55 Prozent der Entlassenen der Uni Wien und 55 Prozent aller Mediziner der Uni Wien dar. Etwa 125 von ihnen gelang die Flucht ins Ausland, drei begingen Selbstmord, und zumindest vier starben im Ghetto/KZ Theresienstadt – neben Victor Hammerschlag noch der Physiologe Felix Reach, der Zahnmediziner Fritz Schenk und der Anatom Alexander Spitzer.

Dieser in jeder Hinsicht einzigartige Verlust ist fraglos der wichtigste Grund für den dramatischen Niedergang der einst weltberühmten medizinischen Fakultät, die rund um den Ersten Weltkrieg – wenn es damals schon Uni-Rankings gegeben hätte – gewiss unter den ersten fünf der Welt platziert gewesen wäre. Heute ist die Fakultät, die seit 2004 eine eigenständige Medizinische Universität ist, in den Medizin-Rankings eher zwischen Platz 51 und 100 zu finden.

Der Beginn des tiefen Falls

Der tiefe Fall der medizinischen Fakultät hat freilich nicht erst mit dem 12. März 1938 begonnen – und er war 1945 noch lange nicht zu Ende. Antisemitische Diskriminierungen, die nach 1918 neue Formen erreichten, sowie Einsparungen während des Ersten Weltkriegs und danach hatten der Zweiten Wiener Medizinischen Schule viel von ihrem Glanz genommen.

Robert Bárány, Medizinnobelpreisträger 1914, wanderte wenig später nach Schweden aus, weil man ihm in Wien auch aus antisemitischen Gründen den Professorentitel verweigerte. Karl Landsteiner, der Entdecker der Blutgruppen, emigrierte ebenfalls unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, da man ihm in Wien keine ausreichenden Forschungsmöglichkeiten mehr bot. Den Medizinnobelpreis 1930 erhielt er als US-Staatsbürger.

Pensionierungswelle im "Ständestaat"

Der nächste Einbruch, der lange übersehen wurde, kam dann mit dem Dollfuß/Schuschnigg-Regime: Gab es 1932 noch 60 Professoren an der medizinischen Fakultät, waren es unmittelbar vor dem "Anschluss" aus Einsparungsgründen nur mehr 38. Da die antisemitisch unterwanderte Universität selbst die Vorschläge für die Frühpensionierungen machen konnte, befanden sich unter den Betroffenen auffällig viele jüdische Professoren – unter anderem auch Victor Hammerschlag, der noch bis zum März 1938 als lehrberechtigtes Mitglied der Fakultät geführt wurde. Gehen musste damals aber auch Julius Tandler, der vor allem aus politischen Gründen frühpensioniert wurde.

Da nach dem "Anschluss" an der medizinischen Fakultät so viele Stellen nachzubesetzen waren, ist es auch nicht weiter überraschend, dass nach 1945 von den 29 Professoren der medizinischen Fakultät nicht weniger als 24 von der Entnazifizierung betroffen waren, weil sie der NSDAP beigetreten waren oder es zumindest versucht hatten.

Gescheiterte Remigration

Zunächst sah es auch so aus, als ob man es mit der Stunde null ernst nehmen würde: Die ehemaligen Nazis wurden von der Uni Wien entfernt, und 1946 konfrontierten die britischen und US-amerikanischen Alliierten die Unileitung mit zwei Listen, auf denen sich die Namen von 175 bzw. 370 vertriebenen Forschern befanden, die zumindest zum Teil rückkehrwillig waren. Jene mit den 370 Namen (ausschließlich Emigranten in den USA) umfasste immerhin 159 Mediziner.

Doch in fast allen Fällen scheiterte die Rückkehr: einerseits aus wirtschaftlichen und politischen Gründen, andererseits, weil man in Österreich eine andere Lösung präferierte. Symptomatisch war eine "Einladung" aus dem ÖVP-geführten Unterrichtsministerium, die 1946 in US-Emigrantenkreisen für Aufregung sorgte. Sie erging an einen Mediziner, und zwar obwohl "vermutet werde, dass der Eingeladene Jude, ja sogar Sozialist sei".

Integration der "Ehemaligen"

Im Ministerium und an der Uni setzte man lieber auf die "Ehemaligen". Der erste und prominenteste "Minderbelastete", der wieder zurück an die Uni durfte, war der Chirurg und Krebsforscher Leopold Schönbauer, der sich später auch als ÖVP-Politiker einen Namen machte. Jene Ausnahmebestimmung im NS-Verbotsgesetz, von der viele andere Ex-Nazis profitierten, hieß im Volksmund sogar "Schönbauer-Paragraf".

Die wirtschaftlichen Nöte der Nachkriegszeit trugen dazu bei, dass die Zahl der Professoren und Dozenten nach den Verlusten 1933/34 und 1938 nach 1945 noch einmal weiter schrumpfte. Rein quantitativ dauerte es bis in die 1970er-Jahre, ehe die einst so renommierte medizinische Fakultät den Personalstand erreichte, den sie in den 1920er-Jahren gehabt hatte. Rein qualitativ ist der Aufholprozess wohl immer noch nicht abgeschlossen. (Klaus Taschwer, 9.3.2018)


Medizin unter dem Hakenkreuz: Symposion und Ausstellung

Es hat vergleichsweise lange gedauert, ehe sich die Mediziner an den Unis dem stellten, was 1938 und danach an ihren Fakultäten und Kliniken passierte. Dieses lange fehlende Geschichtsbewusstsein zeigt sich auch daran, dass der Neurologe Franz Seitelberger noch von 1975 bis 1977 Rektor der Uni Wien werden konnte, obwohl er der SS angehört und an Humanpräparaten geforscht hatte, die unmittelbar auf die NS-Euthanasie zurückgingen.

Erst in den 1980er-Jahren begann eine jüngere Generation von Medizinern und Medizinhistorikern wie Werner Vogt und Michael Hubenstorf mit gründlichen Recherchen über die Opfer und die Täter der NS-Medizin in Österreich. Die Erforschung der Atlanten des Anatomen Eduard Pernkopf oder der Tätigkeit des Euthanasiearztes Heinrich Gross am Spiegelgrund bildeten weitere Meilensteine eines kritischeren Umgangs mit der eigenen NS-Vergangenheit, deren medizinhistorische Aufarbeitung längst noch nicht abgeschlossen ist.

Nächste Woche stellt sich die Med-Uni Wien gemeinsam mit der Uni Wien gleich mehrfach den dunkelsten Jahren ihrer Geschichte: Am 12. und 13. März findet im Van-Swieten-Saal (1090, Van-Swieten-Gasse 1a) die Tagung "Anschluss" im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft statt, bei der Historiker, Mediziner und Journalisten über die Vorgänge in der NS-Zeit und ihre Langzeitfolgen diskutieren werden. Anschließend an die Tagung wird im nahegelegenen Josephinum die Ausstellung 80 Jahre "Anschluss" – Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945 eröffnet.

Detaillierte Informationen über die Tagung "'Anschluss' im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft" sowie über die Ausstellung "Anschluss" – Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945

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