Die Burschenschaften und der "Anschluss"

7. März 2018, 06:00
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Waren die Korporationen Opfer des NS-Regimes, weil sie 1938 verboten wurden? Oder haben sie zum "Anschluss" beigetragen? Was die Zeitgeschichte weiß – und was nicht

Was die FPÖ-Historikerkommission erforschen wird und was nicht, ist ebenso unklar wie ihre Zusammensetzung. Immerhin weiß man, dass im Oktober ein erster Bericht vorgelegt werden soll, in dem es vermutlich vor allem um die Gründungsgeschichte der Partei rund um 1956 gehen wird. Wie sehr die Rolle der FPÖ-nahen schlagenden Burschenschaften – der eigentliche Stein des Anstoßes – thematisiert wird, bleibt ebenso abzuwarten wie der Untersuchungszeitraum.

Der umstrittene Begriff des "dritten Lagers"

Wird man sich auf die Zeit nach 1945 beschränken? Oder will man sich doch weiter zurückwagen in die Geschichte des sogenannten dritten Lagers, von dem FPÖ-Vertreter gerne reden? Dieser zeithistorisch umstrittene Begriff hat selbst eine längere Geschichte: Er wurde in den 1950er-Jahren nicht zuletzt deshalb vom Historiker und ehemaligen NSDAP-Mitglied Adam Wandruszka geprägt, um damit einen Beitrag zur Einigung der verschiedenen rechten Fraktionen und für deren Selbstbewusstsein zu leisten.

Liegt für die Zweite Republik mit Bernhard Weidingers umfassender Studie "'Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen': Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945" seit einigen Jahren ein Standardwerk vor, so ist die Forschungslage für die Zeit vor und nach 1938 deutlich dürftiger.

Radikalisierung nach 1918

Unbestritten ist, dass es nach 1918 zu einer Radikalisierung der schlagenden Burschenschaften kam, die bereits ab den 1880er-Jahren an den österreichischen Unis für antisemitische Exzesse gesorgt hatten. Der Antisemitismus der Studentenverbindungen ging aber weit über die schlagenden Burschenschaften hinaus, auch der katholische Cartellverband war davon betroffen: So stellte CV-Mitglied Engelbert Dollfuß im August 1920 auf der 51. Internationalen Versammlung des Cartellverbands in Regensburg den Antrag auf Einführung eines Arierparagrafen beim CV. Der Antrag wurde abgelehnt.

Im Laufe der 1920er-Jahre gerieten die katholischen Studierenden innerhalb der Deutschen Studentenschaft, die so etwas wie die heutige ÖH war, gegenüber den Nationalsozialisten immer mehr ins Hintertreffen: Bei den Studentenwahlen Anfang 1931 hatten die NS-Vertreter an allen österreichischen Unis die Mehrheit erreicht. Aus 1931 ist auch ein Ausspruch Adolf Hitlers überliefert: "Wenn eines mich an den Sieg der Bewegung glauben lässt, so ist es der Vormarsch des Nationalsozialismus in der Studentenschaft."

Burschenschaften und NS-Politik

Was aber haben diese Erfolge mit den Burschenschaften zu tun? Vermutlich eine ganze Menge, glaubt man einer 1940 an der Uni Wien approbierten Dissertation. Der Nachwuchshistoriker Erich Witzmann kam unter dem Titel "Der Anteil der Wiener waffenstudentischen Verbindungen an der völkischen und politischen Entwicklung 1918–1938" zu folgendem Schluss: "In diesen Jahren erkannte der ostmärkische Waffenstudent, dass er keineswegs ein Deutscher zweiten Ranges war, dass er im Gegenteil ein festgefügteres Weltbild als der Reichsdeutsche besaß und dass er diesem in allen völkisch-nationalen Belangen weit überlegen war."

Politisch besonders wichtig waren die schlagenden Burschenschaften dann ab 1933, nachdem sowohl die NSDAP wie auch der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund vom autoritär regierenden Bundeskanzler Engelbert Dollfuß verboten worden waren. So erinnert sich der Zeitzeuge Albert Massiczek in seiner Autobiografie "Ich war Nazi" daran, dass die Waffenringe – also die Arbeitsgemeinschaften schlagender Studentenverbindungen – in dieser Zeit "das legale Dach etlicher illegaler Naziformationen im Bereich der Universitäten und Hochschulen" bildeten.

foto: austrian archives (s) / imagno / picturedesk.com
Ende 1936 in der Aula der Universität Wien: Heinrich Drimmel, damals Österreichs oberster Hochschülerschaftsvertreter und nach 1945 ÖVP-Unterrichtsminister, hält neben dem Siegfriedskopf und vor Chargierten eine Rede bei der "Heldenfeier". Zu dieser Zeit boten die schlagenden Burschenschaften für die damals illegalen Nazis eine wichtige legale Organisationsbasis.

Empirische Befunde aus Innsbruck

Historiografisch gesicherte Erkenntnisse zu den Kooperationen der illegalen Nationalsozialisten mit den Burschenschaftern sind freilich spärlich. Pionierarbeiten dazu lieferte der Zeithistoriker Michael Gehler in den 1990er-Jahren. Gehler ermittelte für eine Reihe von Innsbrucker Verbindungen einen NSDAP-Mitgliederanteil von 75 bis 80 Prozent bei den schlagenden Burschenschaften.

Im Fall des Österreichischen Cartellverbandes (ÖCV) betrug der Nazi-Anteil freilich auch noch stolze 40 Prozent. Dass sich diese Zahlen auf die Korporationen in den übrigen Hochschulstädten Österreichs übertragen lassen, ist zu vermuten – allein: Es fehlen die konkreten Zahlen und die Zugänge zu den jeweiligen Archiven.

"Erreichtes Kampfziel"

Zehn Tage nach dem "Anschluss" bestätigte dann der NS-Rektor Fritz Knoll in einer Rede noch einmal die Bedeutung der Burschenschaften für die NS-Machtergreifung: Der große Verdienst der deutsch eingestellten studentischen Korporationen Österreichs bestehe darin, "dass sie sich in der Zeit des Kampfes restlos in den illegalen politischen Aufbau eingefügt haben".

Zwar sind die schlagenden Burschenschaften kurze Zeit später im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund aufgegangen, doch die Enttäuschung scheint sich damals in Grenzen gehalten zu haben. Bei der Aldania Wien jedenfalls überwog die Freude darüber, dass man das "gesteckte Kampfziel" erreicht habe. (Klaus Taschwer, 7.3.2018)

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