STANDARD-Korrespondent Sebastian Borger über London

    11. März 2018, 08:00
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    Sebastian Borger stellt im vierten Teil unserer Städtereise-Serie "Meine Stadt" erschreckt fest: Seine Stadt erfindet sich ständig neu. Nur sein Lieblingslokal macht da zum Glück nicht mit

    Alte Eiche, Wurmholzgebüsch, Königspark – in Großbritannien versprechen poetische Namen einen Zauber, der häufig der Realität nicht standhält. So ist es auch mit den unscheinbaren, ja eher unwirtlichen Orten im Londoner Westen: dem heruntergekommenen Stadtteil Park Royal, dem riesigen Eisenbahnrangiergelände Old Oak und der angrenzenden gewaltigen Grünfläche – deren Namen Wormwood Scrubs kennen die meisten Briten vor allem in Zusammenhang mit regelmäßigen Randalen, die im gleichnamigen Gefängnis ausbrechen.

    foto: apa / afp / giuseppe cacace
    Clerkenwell: Hier halten sich notwendige Erneuerung und charmant abblätternde Grandezza des 20. Jahrhunderts die Waage.

    Ich träume von einer Begehung dieses 6,5 Quadratkilometer großen, mir völlig unbekannten Gebiets, seit Regierung und Stadtrat das überwiegend aus Industriebrachen bestehende Gebiet zum größten Stadterneuerungsprojekt des Vereinigten Königreichs erklärt haben. Dort sollen in den kommenden Jahren 25.500 Wohnungen und Häuser gebaut werden und rund 65.000 neue Jobs entstehen.

    Olympiaspektakel gegen Paradies

    In diesem Ausmaß hat sich die 8,8-Millionen-Metropole London zuletzt vor rund zehn bis 15 Jahren neu erfunden – tief im bis dahin vernachlässigten Osten, wo 2012 die Olympischen Spiele veranstaltet wurden. Den Sportstätten und dem neuen Park mussten damals kleine Gewerbebetriebe, halblegale Sportplätze, ein Sumpf weichen – und eine Kleingartenanlage, die so etwas wie ein kleines Paradies gewesen sein muss.

    Leider weiß ich das nicht aus erster Hand, sondern nur aus einem Buch, genauer gesagt einem Kochbuch: "Moro East" enthält außer wunderbaren Rezepten auch eine rührende Beschreibung der Idylle von Stratford, die 2007 dem Olympiaspektakel weichen musste.

    foto: apa/herbert neubauer
    Im bis dahin vernachlässigten Osten Londons fanden 2012 die Olympischen Spiele statt.

    Die Autoren Samuel und Samantha Clark betreiben seit 20 Jahren im innerstädtischen Viertel Clerkenwell das Restaurant Moro. Clerkenwell gehört zu jenen Gegenden Londons, in denen sich notwendige Erneuerung und charmant abblätternde Grandezza des 20. Jahrhunderts die Waage halten.

    Oase brillanter Kochkunst

    Mittendrin Moro, spanisch für Maure: Gekocht wird überwiegend spanisch-nordafrikanisch mit Einsprengseln aus dem Osten des Mittelmeers. Sam und Sam ließen sich von einer langen Reise über die iberische Halbinsel und durch Marokko ebenso inspirieren wie von ihren zyprischen, libanesischen und türkischen Schrebergartennachbarn. Ihr Restaurant ist eigentlich immer voll und stellt doch eine gleichbleibende Oase von brillanter Kochkunst und unaufdringlichem Service dar. (Sebastian Borger, RONDO, 11.3.2018)

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