Opferanwältin Plaz: "Vor Gericht geht es um Schadensbegrenzung"

Interview13. März 2018, 06:00
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Eva Plaz vertrat die Opfer von Josef Fritzl und ist Vorreiterin beim Opferschutz. Ein Gespräch über härtere Strafen für Sexualstraftäter, Spitzensport und darüber, was Opfer wirklich brauchen

STANDARD: Was fehlt Missbrauchsopfern in Strafverfahren?

Plaz: Der Weg von der Welt eines traumatisierten Opfers bis zur Welt des Gerichts ist weit. Vor 20 Jahren sind 19 von 20 Verfahren scheiße gelaufen. Eigentlich war es damals fast schon kriminell, nicht von einer Anzeige abzuraten. Heute verlaufen drei Viertel der Verfahren okay. Kulturell ist viel passiert. Das ist natürlich ausbaufähig.

STANDARD: Wie ist die Situation bei Gericht?

Plaz: Es ist eine Lotterie, zu wem man kommt. Einzelne Richter sind wunderbar. Da weine ich, wenn die gehen. Ich würde mir wünschen, dass sie mehr entlastet werden. Es ist von der emotionalen Belastung her ein Unterschied, ob ich einen Missbrauch oder einen Diebstahl verhandle. Oft fehlt die Wertschätzung: Bei der Staatsanwaltschaft wurden Missbrauchsfälle früher abschätzig als "Schweinderl-Akten" bezeichnet. Es ist aber für alle Beteiligten schwere Arbeit. Einer kann versauen, was 14 andere gut gemacht haben.

STANDARD: Opfer haben Anspruch auf eine juristische und psychosoziale Prozessbegleitung. Wozu braucht man das?

Plaz: Früher haben sich Opfer nach den Verfahren an Beratungseinrichtungen gewandt und gesagt: Wenn ich gewusst hätt, was auf mich zukommt, hätte ich nie angezeigt. Heute versucht man, dass es Opfern nach dem Verfahren zumindest nicht schlechter geht als vorher. Wir machen eine doppelte Übersetzung: Es passiert ein äußerer Prozess bei Gericht und ein innerer bei den Betroffenen und deren Familien. Wir versuchen, das jeweils zu vermitteln.

STANDARD: Das Ziel der Prozessbegleitung ist die Schonung des Opfers vor Gericht.

Plaz: Es geht um Schadensbegrenzung. Es ist wesentlich, zu begreifen, dass persönliche Prozesse, die noch anstehen, nicht erschwert oder gar verunmöglicht werden sollen durch das Strafverfahren. Kollegen, die nicht in dem Bereich arbeiten, glauben mitunter, das Ziel sei eine hohe Strafe und viel Kohle. Je länger ich mich damit beschäftige, umso mehr weiß ich: Weder das eine noch das andere ist wichtig.

STANDARD: Kommt es in Strafverfahren dann nicht zu einem Zielkonflikt? Als Anwältin soll man doch das Beste für seine Mandantin rausholen.

Plaz: Was ist das Beste? Und um welchen Preis? Das heimliche Ziel darf ja gern auch die Verurteilung sein. Aber es ist nicht primär. In manchen Fällen raten wir, das Strafverfahren lieber sausen zu lassen, bevor wir ein Kind ein weiteres Mal durch ein Gutachten schleifen. Kollegen, die Vertretungen ohne Rücksprache mit den psychosozialen Begleitern machen, kommen eher in diese Kollision.

STANDARD: Die Regierung will auf Härte gegenüber Sexualstraftätern setzen. Ist das zielführend?

Plaz: Es ist nicht das, was mir zum Thema einfallen würde. Null Toleranz ist gut und schön, aber was heißt das konkret? Man müsste besser ausbilden, mehr Ressourcen zur Verfügung stellen. Stattdessen kommt die große Sprechblase. Verfahren gehen schief, weil Kompetenzen und Ressourcen fehlen, und nicht, weil die Strafen nicht hoch genug sind. Schwarz-Weiß-Denken bringt hier gar nichts. Meine Befürchtung ist, dass man unter dem Titel "Null Toleranz" in Wahrheit einspart. Unter dem Motto: Wir sind jetzt eh so hart, das muss reichen.

STANDARD: Wäre es nicht ein Signal an Opfer?

Plaz: Es werden die Rachegelüste der Gesellschaft bedient, aber sicher nicht die der Opfer. Viel wichtiger für sie ist, gehört und verstanden und mit Respekt behandelt zu werden. Es geht darum, dass der Staat feststellt: Nicht ich bin schuld, sondern der Täter. Es ist eine billige Variante, die Strafen raufzusetzen. Viel wichtiger wäre, dass es eine g’scheite Täterarbeit gibt. Ich begrüße es sehr, wenn teilbedingte Verurteilungen an Auflagen geknüpft werden.

STANDARD: Wie kann man Opfer überzeugen anzuzeigen?

Plaz: Ich rate nicht zur Anzeige. Die Entscheidung anzuzeigen wird wenn, dann eher hinterfragt. Meine Rolle ist zu sagen: Sie müssen damit rechnen, dass diese und jene Dinge passieren. Wollen Sie es trotzdem?

STANDARD: Multiplizieren sich die Bedenken, wenn überlegt wird, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Plaz: Es gibt viele Leute, die aus Angst – auch vor den Medien – nicht anzeigen. Ich hatte einen Mandanten, der angezeigt hat, aber nie freiwillig an die Öffentlichkeit gegangen ist. Er wurde aber vor dem Verhandlungssaal gefilmt. Eine Woche später war er seinen Job los. Man muss wissen, auf was man sich einlässt. Bei vielen prominenten Fällen ist es verständlich, nicht anzuzeigen, weil der Druck zu groß wäre und die Folgen nicht seriös abschätzbar sind.

STANDARD: Wie kann man dem entgegenwirken?

Plaz: Wir brauchen besseren Schutz. Dringend notwendig wäre zum Beispiel ein Veröffentlichungsverbot von Aussagen der Opfer aus dem Ermittlungsverfahren. Es sind die Verletzungen des Identitätsschutzes, die deutlich höher bestraft gehörten. Das scheint sich aber die Politik nicht zu trauen.

STANDARD: Haben soziale Medien alles verschlimmert?

Plaz: Dort ist der Geifer zu Hause, da wird es tief. Das große Problem ist aber der Boulevard: Leute entscheiden sich gegen eine Anzeige, weil sie Angst haben, dass der über sie herfällt. Sie müssen sich fragen, ob sie das sich und ihrer Familie zumuten wollen. Oder junge Menschen, die am Anfang ihrer Berufskarriere stehen, fragen sich: Bin ich für den Rest meines Lebens stigmatisiert? In den spektakulären Fällen werden nach wie vor Grenzen ausgetestet.

STANDARD: Wie?

Plaz: Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel in den Gerichten, das zum Spießrutenlauf wird. Wir fragen uns regelmäßig, wie wir die Betroffenen sicher in den Verhandlungssaal kriegen. Wir scherzen manchmal, dass wir sie mit der Burka hineinbringen. Die nie ausgeschöpfte Höchststrafe für Verletzung des Identitätsschutzes ist 20.000 Euro. Das ist für viele Medien Portokassa.

STANDARD: Wie ist es um die Glaubwürdigkeit von Kindern und Jugendlichen bei Gericht bestellt?

Plaz: Es gibt die berechtigte Sorge wegen möglicher Beeinflussung. Prozessbegleiter werden deshalb geschult, so zu arbeiten, dass sie in das Erleben und Erinnern des Kindes nicht eingreifen. Es gilt, das Kind nicht zu befragen. Erstens, um unnötige Traumatisierungen zu vermeiden, zweitens, um eine möglichst unmittelbare, eine nicht verfälschte Aussage zu erhalten. Bei Kindern muss es schon Hinweise geben, warum ihre Aussage jetzt nicht stimmen soll.

STANDARD: Ab welchem Alter fängt das Glaubwürdigkeitsproblem an?

Plaz: Ab 15, 16, 17. Das ist eigentlich das schwierigste Alter, um anzuzeigen. Manche gehen davon aus, dass Jugendliche eh notorisch lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Wenn es um Missbrauch geht, ist man besser dran bis 14 und dann wieder ab 20.

STANDARD: Welche Rolle spielt Schuld?

Plaz: Das Motiv gibt es in beide Richtungen: Wenn es eine nahe Beziehung zum Täter gibt, die Angst, den reinzutheatern. Damit wird von Tätern auch gezielt gearbeitet. Aber auch das Schuldgefühl, dass man, wenn man nicht anzeigt, mitverantwortlich ist für zukünftige Taten.

STANDARD: Der soziale Nahraum ist die größte Gefahrenquelle bei sexuellem Missbrauch. Kann man Parallelen zwischen der Familie und dem Spitzensport ziehen?

Plaz: Ja. Im Sport hängen jahrelange Arbeit und Träume daran, es gibt eine starke emotionale Bindung zum Täter. Da entstehen soziale Biotope, mit sehr viel Vertrauen und Abhängigkeit. Oft werden Täter gut geschützt durch die vorhandenen Strukturen. Manche Täter machen es auch zum Trainingskonzept und sagen: Wir sind hier eine Familie. Das sollte eigentlich schon misstrauisch machen.

STANDARD: Viele gehen mehrmals wöchentlich zum Verein, seit sie kleine Kinder sind …

Plaz: Es macht einen Unterschied, wann es begonnen hat. Je größer der Altersunterschied, je kleiner das Kind, je enger die Bindung, umso mehr Schädigung kann passieren. Oft gibt es auch in Hinblick auf die Eltern einen Loyalitätskonflikt, weil man ein Geheimnis hat.

STANDARD: Sehen wir im Sport derzeit nur die Spitze des Eisbergs?

Plaz: Da kommt wahrscheinlich noch einiges. Der Sport hat den wesentlichen "Vorteil", dass der Übergang in die Körperlichkeit leichter funktioniert. Missbrauchstäter wissen ja genau, was sie tun. Dort können sie leichter austesten, wie das Kind reagiert.

STANDARD: Wie bewerten Sie die Reaktionen des ÖSV und des Judoverbands in der Causa Seisenbacher?

Plaz: Hie wie dort wird gebunkert. Erst auf dem Druck hin, der medial entsteht, wird Schadensbegrenzung betrieben. Beim eigenen Schaden, wohlgemerkt. Wenn das im Ergebnis dazu führt, dass künftig bessere Strukturen etabliert werden, soll es mir recht sein. Wenn man sich die bisherigen Reaktionen vom ÖSV ansieht, denk ich mir als Opfer wohl kaum, dass ich mich bei deren Aufklärungskommission melde.

STANDARD: Kann man solche Fälle sinnvoll intern aufarbeiten?

Plaz: Wenn es ernst gemeint ist, schon, aber mit externer Kompetenz. Auch der ÖSV holt sich Leute von außen, aber er wählt sie selber aus und beauftragt sie. Ich weiß, die sind unabhängig, aber man muss sich schon überlegen, ob das ein ernstzunehmendes Angebot ist oder ob diese Leute als Feigenblatt herhalten. Geht es um Schadensbegrenzung für den Verband, oder passiert das auf Augenhöhe mit den Betroffenen? Kriegen die, wenn überhaupt, ein bissl ein Geld, oder geht es um ernsthafte Aufarbeitung und Veränderung? Wenn die Experten nur vorne hingesetzt werden, damit man eigentlich innen nichts ändern muss, dann ist es für die Fisch.

STANDARD: Der Judoverband hat sich bisher nicht gemeldet?

Plaz: Als zwei der Betroffenen anonym ein Interview gegeben haben, hat es zumindest die Ankündigung gegeben, dass sich etwas tun wird. Das hat für uns mehr nach einem Schnellschuss geklungen als nach einer ernsthaften Strukturänderung. Vielleicht passiert intern wirklich was. Vielleicht haben sie aber auch die Sorge, dass sie danach nicht mehr genug Trainer hätten ... (lacht)

STANDARD: Sind jetzt viele nervös?

Plaz: Ja, es gibt sicher einige. Das merkt man übrigens auch in den Foren. Da sind manche sehr aggressiv in der Vorwärtsverteidigung.

STANDARD: Was halten Sie von der MeToo-Kampagne?

Plaz: Ich finde es, bei aller Kritik, die man haben kann, gut und richtig. Einzelne mögen sich in Szene setzen, aber zu 98 Prozent ist es wertvoll. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist, dass sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch mitten unter uns passieren. Und die Debatte ist im Zentrum der Gesellschaft angekommen.

STANDARD: Wo bleibt das Recht auf einen fairen Prozess?

Plaz: Die Opfer haben jedes Recht, die eigene Geschichte öffentlich zu machen. Wer das tut, muss damit rechnen, dass die Staatsanwaltschaft in alle Richtungen ermittelt und dass sie oder er geklagt wird. Wenn jemandem Unrecht getan wurde, ist es zu verurteilen. Somit hält sich mein Mitgefühl in Grenzen. (Vanessa Gaigg, 12.3.2018)

Eva Plaz ist Rechtsanwältin und Pionierin im Bereich Opferschutz. Gegenüber Medien macht sie sich in der Regel rar. Ihre Spezialgebiete neben Opfervertretungen sind Schadenersatz, Erb- und Familienrecht.

  • "Wenn man sich die bisherigen Reaktionen vom ÖSV ansieht, denke ich mir als Opfer wohl kaum, dass ich mich bei deren Aufklärungskommission melde", sagt Rechtsanwältin Eva Plaz.
    foto: heribert corn

    "Wenn man sich die bisherigen Reaktionen vom ÖSV ansieht, denke ich mir als Opfer wohl kaum, dass ich mich bei deren Aufklärungskommission melde", sagt Rechtsanwältin Eva Plaz.

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