Ungewöhnliche Grenzen: Von Trumps Mauer zum koreanischen Grenztisch

Ansichtssache9. März 2018, 12:42
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Während es an manchen internationalen Grenzen zu freundschaftlichen Begegnungen und sportlichen Duellen kommt, sterben immer noch zahlreiche Menschen entlang militarisierter Zonen

Die globalisierte, grenzenlose Welt, von der viele nach dem Mauerfall in Berlin 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre träumten, bestätigte sich nicht. Mauern und Zäune erleben speziell seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York ein Revival. Da die menschliche (und tierische) Mobilität aber der künstlichen und oft willkürlichen Grenzziehung von Staaten widerspricht, spielen sich besonders an internationalen Grenzen oft skurrile, schockierende und beeindruckende Szenen ab.

foto: reuters/stringer

Während die einen in der spanischen Exklave Melilla eine gemütliche Runde Golf spielen, versucht eine Gruppe nordafrikanischer Flüchtlinge 2014 den rettenden Sprung von Marokko auf europäischen Boden. Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla sahen sich immer wieder mit Migrationsbewegungen konfrontiert, weshalb spanische Behörden die Grenzanlagen massiv erhöht und modernisiert haben. Immer wieder sterben Flüchtende beim Versuch der Überquerung.

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foto: apa/afp/narinder nanu

Diese zwei gelenkigen Männer gehören zu den Grenzschutztruppen Indiens und Pakistans. Jeden Abend seit 1959, wenn am Grenzübergang Wagah die Tore geschlossen und die Flaggen beider Staaten eingeholt werden, treten die oft mit ausgeprägtem Oberlippenbart ausgestatteten Herren zu ihrer rituellen Choreografie vor mehreren hundert Schaulustigen an. Am Ende folgt der obligatorische Handshake zwischen den verfeindeten Nationen. Ein Terroranschlag während der Zeremonie kostete 2014 rund 60 Menschen das Leben. Bei direkten militärischen Auseinandersetzungen bleibt die Grenze oft tagelang geschlossen.

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foto: apa/afp/guillermo arias

"I'm gonna build that wall!" Nun, so könnte sie aussehen. US-Präsident Donald Trump ließ kürzlich Prototypen für die Grenzmauer zu Mexiko in der Grenzregion aufstellen. Rund 16.000 Grenzschutztruppen bewachen derzeit die 3.144 Kilometer lange Grenze zu Mexiko, eine der meistfrequentierten der Welt.

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foto: reuters/jorge duenes

341.084 Menschen wurden 2017 bei dem Versuch, die amerikanisch-mexikanische Grenze zu passieren, von den Behörden aufgegriffen. Mindestens 412 starben, die Dunkelziffer liegt wohl deutlich höher. 2016 waren es noch 398 Tote bei 611.689 gescheiterten Fluchtversuchen.

Trotz dieser fürchterlichen Zahlen schrecken Menschen nicht davor zurück, auch diesen Aspekt unserer Gesellschaft zu kommerzialisieren. Seit 2004 betreibt eine mexikanische Firma die sogenannte "Caminata Nocturna", den Nachtspaziergang – eine simulierte dreistündige Flucht entlang eines zwölf Kilometer langen Hindernisparcours. Sirenen, Gummigeschoße, angebliche Grenzoffiziere und Drogenkartell-Mitglieder inklusive – Adrenalinkick garantiert! Laut den Veranstaltern soll die Simulation Bewusstsein für die gefährliche Flucht schaffen.

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foto: jeff topping/ reuters

Rund 1.000 Kilometer Grenzmauern und -zäune bestehen bereits an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Sollte sich Trumps Grenzmauer, wie während seiner Kandidatur angekündigt, tatsächlich über die vollen 3.144 Kilometer erstrecken, würde das einer Distanz von Paris bis nach Bulgarien am Schwarzen Meer entsprechen, mehr als 20 Milliarden Dollar kosten und das seit 1979 jährlich stattfindende Volleyballspiel zwischen den Nachbarstädten Naco in Mexiko und Naco in den USA massiv erschweren. Das Netz wird stets entlang der internationalen Grenze aufgespannt. Die "Fiesta Bi-Nacional" inspirierte bereits zahlreiche andere Städte, ähnliche Events zu organisieren.

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foto: apa/afp/stringer

So zum Beispiel auch Spieler des Umager Volleyballteams während einer Demonstration gegen die Errichtung des kroatisch-slowenischen Grenzzauns 2015.

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foto: thomas peter/reuters

In Berlin gab es 2013 eine besonders beeindruckende Ausstellung. Entlang der East Side Gallery, des Überbleibsels der Berliner Mauer, installierte der deutsche Fotograf Kai Wiedenhöfer Bilder aktueller Grenzmauern. Ein warnendes Signal, nie zu vergessen und das Verbindende über das Trennende zu stellen. Auch andernorts werden Grenzmauern oft zu Kunstflächen, um Protest auszudrücken. Und auch heute noch ist der Verlauf der Berliner Mauer nachts vom All aus wegen der unterschiedlichen Straßenbeleuchtungen in Ost und West zu erkennen.

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foto: neumayr f./apa

Im mittlerweile aufgelassenen Salzbergwerk in Bad Dürrnberg bei Hallein verläuft, zweihundert Meter unter Tage, eine Staatsgrenze zwischen Österreich und Deutschland. Sie geht auf die sogenannte Salinenkonvention zurück, die Österreich erlaubte, unterhalb deutschen Staatsgebiets Salz abzubauen, wenn im Gegenzug dafür Deutsche beschäftigt wurden.

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foto: reuters/nasa

Hätten Sie es erkannt? Die Unterschiede auf der Koreanischen Halbinsel sind bei Nacht (und vom Weltraum aus) besonders beeindruckend zu erkennen. Die Energieknappheit des Nordens (739 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr pro Person) ließe das Land fast verschwinden, wäre da nicht der helle Fleck bei Pjöngjang. Der mit keinerlei Energieproblemen konfrontierte Süden (10.162 kWh) ist seit dem Ende des Koreakriegs (1950–53) entlang der Demilitarisierten Zone (DMZ) von seinem nördlichen Nachbarn getrennt.

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foto: reuters/kim hong-ji

Auch am Boden beeindruckt die DMZ, wie der Grenzstreifen entlang der Waffenstillstandslinie zwischen Nord- und Südkorea genannt wird, immer wieder. Im "Flaggenwettkampf" ist Südkorea mit seinem rund 100 Meter hohen Turm derzeit im Hintertreffen.

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foto: reuters/yuriko nakao

Der Norden hat mit 160 Metern den deutlich größeren.

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foto: reuters/pool

Auch interessant: Der Verhandlungstisch an der Grenze steht zur Hälfte in Südkorea und zur Hälfte in Nordkorea. (Im Bild: ein südkoreanischer Soldat auf der südlichen Seite des Tisches)

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foto: reuters/jorge dan lopez

Weiter südlich der amerikanisch-mexikanischen Grenze sieht sich Mexiko ebenfalls mit illegalen Grenzübertritten aus Guatemala konfrontiert. Wobei man nicht genau weiß wie ernst es den Mexikanern ist angesichts der Tatsache, dass die illegale Überführung direkt unterhalb (!) der offiziellen Grenzbrücke vonstattengeht und das Phänomen landesweit bekannt ist. Für ein paar Pesos oder Dollar geht es von Guatemala auf dem selbstgebauten Floß ans andere Ufer.

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foto: ap/ eyad baba

Ein anderes Fortbewegungsmittel "wählte" diese Kuh, als sie 2008 die zwölf Kilometer lange Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen überquerte.

Nachdem militante Palästinenser Teile der Grenzmauer weggesprengt hatten, konnten die Bewohner einige Zeit problemlos aus- und einreisen. Als Ägypten die seither massiv verstärkte Grenzmauer Anfang 2018 für kurze Zeit erstmals seit einem Jahrzehnt wieder öffnete, war der Andrang groß. Der von Israel und Ägypten eingeschlossene Gazastreifen wird von seinen Bewohnern regelmäßig als "das größte Freiluftgefängnis der Welt" bezeichnet.

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foto: apa/afp/paul faith

Ein Trend, der vor einigen Jahren in der irisch-nordirischen Grenzregion zu beobachten war, könnte demnächst auch Österreich ereilen.

Als die Republik Irland Anfang der 2000er-Jahre ein umfassendes Rauchverbot einführte, nahmen jeden Abend einige Personen den kurzen Fußweg entlang der Straße über die Grenze nach Nordirland in Kauf, weil dort nach wie vor geraucht werden durfte. Aufgrund der strengeren Schließzeiten im Vereinigten Königreich war zur Sperrstunde dann der gegensätzliche Trend zu beobachten. Eine regelrechte Menschentraube machte sich jeden Abend, besonders an den Wochenenden, auf den Weg gen Süden in die Irische Republik. Dort durfte zwar nicht mehr in den Pubs geraucht werden, aber immerhin gab es noch ein anderes beliebtes Suchtmittel zu konsumieren: Alkohol.

Als wenig später auch das Vereinigte Königreich ein umfassendes Rauchverbot einführte, nahm der Trend der nächtlichen Wanderbewegungen deutlich ab. Ob Österreich durch das Kippen des Rauchverbots zukünftig auch vermehrt Besuch von passionierten Rauchern aus den Nachbarländern bekommt?

Das Foto zeigt eine komödiantische Protestaktion von Brexit-Gegnern, die eine erneute harte Grenzen zwischen der Republik Irland und dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland ablehnen.

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foto: reuters/enrique calvo

Was zum Geier haben diese Vögel mit internationalen Grenzen zu tun?

Sie leben im spanisch-portugiesischen Grenzgebiet und überqueren diese Grenze dennoch fast nie. Grund dafür sind die in beiden Staaten unterschiedlich umgesetzten EU-Richtlinien. Um den 2001 grassierenden Rinderwahnsinn (BSE) zu bekämpfen, verabschiedete die EU Gesetze zur umgehenden Verbrennung oder Beerdigung toter Rinder. Spanien verwarf diese Gesetze wenig später, und so schätzen die Aasgeier den spanischen Boden und seine verendeten Rinder sehr. In einer Testreihe von Wissenschaftern wurden 71 Tiere mit GPS-Trackern ausgestattet. Nur 13 wagten einen sehr kurzen Abstecher nach Portugal.

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foto: imago/ imagebroker/harald von radebrecht

Wie oft diese Lamas, die an der Grenze zwischen Chile und Bolivien stehen, diese überqueren, ist nicht bekannt.

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foto: afp photo / aamir qureshi

Der höchste für Autos überquerbare Grenzübergang liegt übrigens zwischen China und Pakistan auf rund 4.600 Metern Seehöhe.

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foto: reuters/lucy nicholson

Die längste internationale Grenze teilen sich Kanada und die USA mit rund 8.891 Kilometern.

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foto: reuters/jayanta dey

Der längste Grenzzaun der Welt entsteht derzeit hingegen zwischen Indien und dem von Überschwemmungen bedrohten und bevölkerungsreichen Bangladesch. Indien möchte sich laut eigenen Angaben vor Terrorismus, Drogen- und Waffenschmuggel sowie überbordender Kriminalität schützen und ist deshalb kurz davor, rund drei Viertel seiner 4.156 Kilometer langen Grenze zu dem Nachbarland abzuriegeln.

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foto: unep

Die unterschiedlichen Herangehensweisen von Staaten zu Abholzungsgesetzen werden selten so deutlich wie hier zwischen Haiti (links) und der Dominikanischen Republik.

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foto: apa friedemann derschmidt

Wer erinnert sich? Der in Wien lebende tschechische Künstler Abbé Libansky veranstaltete 2002 eine Kunstaktion an der österreichisch-tschechischen Grenze bei Fratres, bei der er 200 Gipsbüsten des früheren tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš entlang der Grenze als Warnung "gegen die Grenzen in unseren Köpfen" aufstellte. (Fabian Sommavilla, 9.3.2018)

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