Wenn das letzte Einhorn stirbt

    Userkommentar12. März 2018, 10:35
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    Gibt es noch Politiker mit Werten? Mangelnde Personalauswahl in der Politik führt zu Politikerverdrossenheit und einer sinkenden Wahlbeteiligung

    Immer mehr Menschen kehren der Politik aufgrund von Frustration und Enttäuschung den Rücken. Die Auswahl des politischen Personals erfolgt in der österreichischen Politlandschaft eher nach den Kriterien Anpassungsfähigkeit, Sitzfleisch und Unterordnung als nach sozialer Kompetenz, gereifter eigenständiger Persönlichkeit und Problemlösungsfähigkeit, um nicht das böse Wort Intelligenz in den Mund zu nehmen. So ist es auch wenig verwunderlich, dass derartige Adepten mit einem geringen Grad an Selbstreflexion in die Führungsebene einer Partei oder auch eines Unternehmens kommen. Dass Personen mit einem solchen Profil dann in nächster Konsequenz gerne Gegenüber oder Mitarbeiter in ihre Arbeit integrieren, die ihrem Anspruchsniveau entsprechen, schließt am Ende den Kreislauf der Negativauslese. Die Folgen für Wirtschaft, Politik und der Gemeinschaft als Ganzes sind gravierend. Korruption, Vetternwirtschaft, Protektionismus bis hin zu Mobbing gegenüber jenen, die sich an diese Nivellierung nicht assimilieren wollen, sind damit verbundene psychosoziale Symptome.

    Politik – bloß ein Job

    Die Politik scheint zum bloßen Job verkommen zu sein. Man wird angeheuert, macht sich Parteipolitik und -struktur zu eigen und erfüllt von nun an brav die einem zugeteilte Aufgabe – mal mehr und mal weniger gut, mit mehr oder eben weniger Engagement. Ganz wie von selbst sickert auch der ein oder andere Teil des Wert- und Weltbildes in positiver Korrelation zum persönlichen Einsatz durch und verfestigt sich in der eigenen Persönlichkeit, ganz so wie das bei jedem Job und jeder von Menschen gemachten Struktur der Fall ist.

    Politisch unter die Räder kommt man, wenn man sich nicht an die internen parteilichen Spielregeln hält. Dass das Radfahrerprinzip "nach oben buckeln und nach unten treten" in diesem Zusammenhang leider oft die erfolgreichste Strategie für das individuelle Fortkommen ist, ist da nur logisch. Aber trotz dieser bekannten Fakten, sind die Leute immer wieder überrascht, wenn sich jemand entscheidet, wertetechnisch die Seiten zu wechseln. Da stellt sich doch die Frage, weshalb der Schock so groß ist? Andere glauben zu machen, dass es noch Wahrheit und Werte gibt, wo man doch tagtäglich bewiesen bekommt, dass Stabilität, Werthaltung und Loyalität nicht mehr als eine Leuchtreklame über dem Eingang eines billigen Etablissements sind, gehört schließlich zum täglichen Geschäft eines Politikers.

    Sanfter Fall

    Trotz zahlreicher Angebote an Rhetorik-, NLP- oder Seminaren ähnlichen Inhalts in den staatlich geförderten politischen Akademien werden die zukünftigen Politikergenerationen nicht auf ihre menschliche Substanz und ihr mentales Potenzial hin analysiert, sondern eher im industriellen Sinne fertige Programme über die parteinahen Eleven gestülpt. Vorgänger der heutigen politischen Leistungsträger haben noch einen hohen Preis, oder, wie das Beispiel Che Guevaras zeigt, sogar mit dem Leben zur Verteidigung ihrer Ansichten und Werte bezahlt, dies trifft auf aktuelle Vertreter selten bis gar nicht zu. Der Philosoph Peter Sloterdijk beschrieb dieses Phänomen passend in einem Brief 1999 an seinen Kollegen Jürgen Habermas als den Antrieb der eigenen Hypermoral ein Denkmal zu setzen, wie damals 1968 als kein toter Diktator vor ihrem Widerstand sicher war.

    Geschützt durch den Parteiapparat und ein damit verbundenes Netzwerk fällt man, wie unzählige Beispiele zeigen, sehr sanft. Das klingt dann zumeist so: "Herr oder Frau XY ist in die Privatwirtschaft gewechselt". Der Bürger und Wähler überdreht bei so einer Meldung berechtigt die Augen. Trotzdem hoffen wir doch alle, dass das letzte Einhorn noch lebt – oder vielleicht etwas weniger dramatisch – dass nicht jeder Politiker der leuchtenden Werbung folgt sondern seine harte Arbeit lieber in echte Überzeugungen und Werte steckt. Wie stellte jedoch der Psychoanalytiker Erik H. Erikson treffend fest: "Identität ist der Schnittpunkt zwischen dem, was eine Person sein will, und dem, was die Welt ihr zu sein gestattet." (Daniel Witzeling, 12.3.2018)

    Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

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