"Laufen hilft": Von Bloggern und Joggern

Blog7. März 2018, 07:00
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Der beste Charity-Lauf kommt ohne Sponsoren nicht aus – und die brauchen Präsenz: Ein Blick hinter die PR-Kulisse am Beispiel von "Laufen hilft"

foto: thomas rottenberg

Ein bisserl Wehmut, gab Martin Mair zu, sei da. Schließlich ist Loslassen selten einfach. Und wer ein Projekt ab- oder aufgibt, das er über zehn Jahre hinweg großgezogen hat, schaut doppelt sensibel auf das, was daraus wird.

Es ist über elf Jahre her, dass Mair, heute 43, mit dem Großziehen begann. Im Rahmen eines Schulprojekts zum Thema Rechnungswesen erfand er einen Charity-Laufevent. Den galt es zu verrechnen. Die Theorie alleine wäre fad gewesen: Bei "Laufen hilft" liefen 2007 daher ein paar hundert Beine in Oberlaa durch das Wig-Gelände. Der Erlös ging an karitative Einrichtungen. Das Ding funktionierte und übersiedelte in den Prater: Im Vorjahr (hier im Bild) feierten Mair und sein Team die zehnte Auflage ihres Benefizlaufs – wenn auch mit einer Träne im Augenwinkel: "Es geht nicht mehr. Der Aufwand ist zu groß. Das Projekt frisst uns auf." Ich war dagegen.

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foto: thomas rottenberg

Auch andere fanden es nicht sexy, dass es "Österreichs Lauf-Opening" nicht mehr geben sollte: Mehrere Interessenten klopften an, um Marke und Idee weiterzuführen.

Das beste Gefühl, so Mair, habe er bei Michael Buchleitner gehabt: Als Organisator des Wachau-Marathons verfügt der über Erfahrung und Know-how. Als ehemaliger Spitzenläufer, TV-Co-Kommentator des Vienna City Marathon und Betreiber des Laufshops Run Inc hat er die Netzwerke, um den Bewerb politisch, medial und wirtschaftlich gut zu platzieren. Aber vor allem: Buchleitner muss niemandem mehr etwas beweisen. Dass er vom Laufen was versteht, dürfte belegt sein.

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foto: thomas rottenberg

Gut so. Denn auch wenn es im Prater zwischen Mitte Jänner und Ende Märze viele, manche meinen zu viele, Bewerbe gibt, hatte "Laufen hilft" immer eine eigene Atmosphäre.

Wieso? Keine Ahnung. Allein daran, dass man hier nicht die exakt identische Sieben-Kilometer-Runde der VCM-Winterlauf- und der LCC-Eisbärlaufserien rennt, sondern auf einem 5k-Kurs auch den Wurstelprater sieht, kann es nicht liegen. Daran, dass man sich als Teilnehmerin oder Teilnehmer nicht für Verhalten oder Verfehlungen des Veranstalters rechtfertigen muss, auch nicht. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Laufserien nutzen die Läufe als Standortbestimmungen nach der Winterpause und laufen nicht nur einen Event: Lauf-, Strand- und Sommerkörper werden im Winter geformt – auch wenn natürlich immer nur die anderen aus Eitelkeit laufen.

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foto: thomas rottenberg

Ich selbst war heuer wie in den Jahren zuvor mit einem Gastticket dabei. Heuer hatte mich nicht der Veranstalter, sondern einer der Sponsoren eingeladen: das US-Schuhlabel New Balance. Ohne Sponsoren kann ein Eventmacher so karitativ sein, wie er will: Es wird sich nicht ausgehen. NB war hier schon früher dabei. Mit Gründen: So hip die Marke derzeit ist ("Wir bekommen täglich Kooperationsanfragen von Bloggerinnen, das geht voll ab", verriet die PR-Agentur-Mitarbeiterin), so unauffällig war sie lange in der Laufcommunity: Man stellte Lifestyle (etwa die omnipräsenten Sneaker-Linien) in die Auslage, wehrte sich ab 2006 erfolgreich gegen die Vereinnahmung des "N"-Logos durch Rechtsextreme und kämpfte zuletzt mit einer unglücklichen (angeblich falsch interpretierten) Aussage eines der US-Chefs, dessen Nicken zu Donald Trumps "Make America great again" in Europa sauer aufstieß.

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foto: thomas rottenberg

Dass Spitzenläufer (etwa die Österreicher Jennifer Wenth und Christoph Sander, hier bei der Schuhübergabe für das Läufer-helfen-Läufern-Projekt meines Coaches Harald Fritz) von dem 1933 in Boston gegründeten Unternehmen gesponsert werden und man ein ebenso breites Laufschuh-Portfolio hat wie alle anderen namhaften Mitbewerber, weiß kaum jemand. Nicht in jener Welt, auf die es ankommt: der breiten Masse der Freizeit- und Hobbyläufer. Also jener Mehrheit, die nicht stundenlang über spezielle Schuhfeatures debattiert und sich nicht in Spezialgeschäften den richtigen Schuh "verschreiben" lässt, sondern im Megashop oder online nach Image und Farbe kauft.

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Das ist für jedes Label ein Thema: Da die Leute Marken kaufen, die sie mit dem Thema assoziieren, ist es entscheidend, Logo und Name mit der Tätigkeit zu verknüpfen. Dass zum Beispiel Ilse Dippmanns "Frauenlauf" seit heuer offiziell "Asics Österreichischer Frauenlauf" heißt und sich bei der Pressekonferenz vergangene Woche ORF-Moderatorin Henni Lang (im Bild links neben Ilse Dippmann und Andreas Schnabl) zweimal selbst verbessern musste, weil sie den neuen, ersten Teil des Namens vergessen hatte, zeigt das: Sponsoren unerwähnt lassen geht. Darauf, dass der eigene Name richtig genannt wird, hat man aber Anspruch.

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Österreich ist da nur ein Nebengeräusch. Weil Eventbranding nur bewusst wahrgenommen wird, wenn es sich ändert: Im November, beim New-York-Marathon etwa: Wo 2014, bei meinem ersten Start, noch der Asics-Schriftzug omnipräsent war, prangt nun das Logo aus Boston.

Das kostet Unsummen, rechnet sich aber. Denn nur zum Jux heizt kein Konzern mit Geld: Vor dem Heimflug aus NY erkannte mich ein deutscher Laufschuhshop-Besitzer. Er hatte soeben drei Tage Vollprogramm genossen: Flug, Hotel, Startplatz, Bespaßung, alles inklusive. "New Balance hat 750 Leute – Händler, Journalisten und tonnenweise Influencer- und Insta-Mädels – eingeflogen", erzählte er. Der US-Konzern habe für die Marathons in New York und London die Sponsorenrechte gekauft. Für zehn Jahre. Das habe es zu kommunizieren gegolten. Nachprüfen lassen sich da Summen, Einladungslisten und Gruppengrößen so gut wie nie. Eines aber weiß ich: Aus Österreich war niemand dabei. "Too small a country …"

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Zurück zum Sonntag im Prater. Obwohl New York nichts mit "Laufen hilft" zu tun hat. Denn dass sich die Österreich-PR-Agentur von NB drei Wochen später meldete, war Zufall. Offiziell. Vielleicht hatte es aber wirklich nichts mit der Media-Beobachtung nach dem Lauf zu tun, dass ich eine Einladung bekam. Nicht nach New York oder London – aber in den Prater. Auch fein, obwohl ich durch Einladungen zu Charity-Events "gespartes" Startgeld grundsätzlich spende.

Man habe, hieß es, eine Gruppe an Laufschreibern und BloggerInnen zusammengestellt. Die Distanz könne ich mir aussuchen: 5k, 10k oder 21 Kilometer? Auf meinem Trainingsplan wäre ein zügiger Halbmarathon gestanden: "Super, solange die anderen mir nicht zu schnell sind, renne ich gern im Rudel."

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Der Lauf war fein – aber anders als erwartet. Aber das war meinem eigenen Denkfehler zuzuschreiben. Ich hatte in die falsche Richtung gedacht. An Leute wie den "Harle Runner" oder Stefan Drexl von "Sugar and Pain". An "Running Zuschi", Sigrid Huber von Trailrunning Szene, Natascha Marakovits oder Instagram-Läuferinnen wie Eva Mitteregger: Wenn die trödeln, halte ich an einem guten Tag mit.

Nur: Der Markt, die absatzmaximierende Reichweite und daher die medienrelevante "Influencer"-Gruppe sitzt anderswo. Im Bereich der Lifestyle-, Wellness-, Fitness- und Beautyblogger. Genauer: Bloggerinnen. Sie sind alle jung, hübsch und unfassbar professionell. Anders würde sich das Businessmodell für sie auch nicht rechnen.

Tatsächliche "Tough Cookies" müssen, ja, dürfen sie nicht sein: Bloggerinnen wie Victoria Fellner (die Dame in Grau mit den großen Kopfhörern) und Anna-Maria Posch (jubelnd mit weißer Jacke) sind für ihre Zielgruppe Integrationsfiguren. Leserinnen (es handelt sich großteils um junge Frauen) wollen exakt so sein und leben wie sie. Meine Freundin ist Yogalehrerin. Sie kannte alle Namen auf der Einladungsliste – und erklärte mir, dass ich in einer anderen Welt lebe: "Die jungen Mädels, die in die Studios kommen, kommen fast ausschließlich, weil 'ihre' Bloggerinnen uns empfehlen – und sie tragen exakt das, was die anhaben. Die haben Einfluss."

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Die Agentur (im Bild in Orange: Naoko Moo von der PR-Agentur) hatte also alles richtig gemacht: Die Liste der Damen passte perfekt ins Lifestyle-Konzept. Dass kurzfristig und offiziell krankheitsbedingt mehrere absagten, überraschte nicht: Die Kältewelle war für Draußenläufe eine echte Herausforderung. Sogar "lustige" Aerobic-Laufschuh-PR-Events wie der von On-Running in einem Fitnesscenter wirkten da logisch und schlüssig: Dass Leute, die auf kein Frühjahrsziel hintrainieren, bei Minusgraden absagen, ist nachvollziehbar.

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foto: thomas rottenberg

Um etwas zu bewerten, muss man die Rahmenbedingungen kennen: Wenn sich Läuferinnen, die noch nie mehr als sieben Kilometer supergemütlich gelaufen sind, entscheiden, ihren ersten Zehner zu machen, ist das ein großer Schritt. Und ich bin gern dabei.

Ob wir da (wie hier im Bild) von Sandrina Illes als Pacerin der Halbmarathongruppe mit einer Zielzeit von 1:30 überholt werden, ist vollkommen egal: So wie Sandrina für ihre Gruppe und nicht "voll" lief, lief ich für Naoko und Victoria. (Anna hat dann doch die 5k-Option gewählt.) Und war froh darüber: Sich hin und wieder zu erden, Druck rauszunehmen und zu sehen und zu spüren, wie Laufen im Mittel- und Hauptfeld funktioniert und aussieht, ist eine alles andere als eine unnötige Lektion.

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Und zu erleben, mit welcher Euphorie Läuferinnen, die sich noch beim Start alles andere als sicher waren, ob sie sich diese 10 Kilometer zutrauen "dürften", dann auf den letzten zwei, drei Kilometern kämpfen, fluchen und leiden und ihre allerletzten Kräfte zusammenkratzen, hat was. Vor allem das "Wunder" zu sehen, wenn sie auf der Zielgeraden wie von Geisterhand plötzlich die Power für echte Zielsprints haben – und darüber selbst am meisten staunen: Das macht Spaß. Denn das ist Laufen.

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Und ja, ich bin auch ein bisserl stolz, die Damen gezogen oder getrieben zu haben. Obwohl natürlich jede selbst gelaufen ist: "Ich hätte nie geglaubt, dass ich das schaffe", strahlte Victoria, als sie wieder Luft bekam. Und lachte schon wieder darüber, wie rasch man von "Ich sterbe" zu "Es geht mir ziemlich super" zurückwechseln kann.

Naoko schrieb am Montag, dass sie "infiziert" sei: "Nächstes Jahr der Halbmarathon?" Gerne. Und wenn ich helfen kann: jederzeit. Der Event heißt ja "Laufen hilft".

Auf dem Heimweg traf ich dann Martin Mair noch einmal. Er war zufrieden: Die 1.500 Starterinnen und Starter hatten in Summe 7.000 Euro an Spendengeldern "erlaufen". Das Geld geht wie immer an die St.-Anna-Kinderkrebsforschung und das Neunerhaus. Aber da war noch etwas: Mair hatte heute etwas Besonderes erlebt: Er war bei "Laufen hilft" mitgelaufen. "Zum allerersten Mal. Und es hat Spaß gemacht."

Mehr Lauf- und Trainingsgeschichten gibt es auf derrottenberg.com.

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Der Start bei "Laufen hilft" war eine Einladung von New Balance. Die dabei eingesauten Laufschuhe und das durchgeschwitzte Shirt wurden nicht zurückgegeben.


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