Noten? Lernen kann Spaß machen!

Userkommentar6. März 2018, 10:47
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Ein Plädoyer für #LerneGerne, Vielfalt und Wahlfreiheit in der Notengebung aus Elternsicht

Die geplante Gleichschaltung der Notengebung im österreichischen Bildungssystem löst Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit aus. Wie ist es möglich, dass jahrzehntelange positive Erfahrungswerte mit diesem Schulkonzept überhaupt keine Beachtung finden? Hätte es sich nicht bewährt, würde diese Schulform unter der Eltern- und Schülerschaft nicht so großen Anklang finden, und der Andrang wäre nicht so groß. Wie ist es in einer Demokratie möglich, dass allen das Gleiche vorgeschrieben werden soll? Dass es keine Vielfalt und Wahlfreiheit beziehungsweise individuelle Entscheidungsmöglichkeiten in diesem Bereich der Bildung (Schulkonzept, Notengebung ja/nein) mehr geben soll? Zeigt nicht der Film "Alphabet" in anschaulicher Weise auf, welche pädagogischen Konzepte bei Kindern erfolgversprechend im Hinblick auf das spätere Leben sind?

Dabei geht es uns nicht darum herauszuarbeiten, dass die Variante "keine Noten" die bessere ist. Wichtig erscheint vielmehr, die Vorteile einer individuellen Leistungsbeurteilung ohne Noten aufzuzeigen. Dabei lassen wir unsere Eigenerfahrung einfließen.

Natürlicher Lerneifer

Die meisten Kinder freuen sich aufgrund ihres natürlichen Lerneifers und ihrer Wissbegierde auf den Schuleintritt. Diese Freude und dieser Lerneifer verschwinden oft nach kurzer Zeit aufgrund des dort herrschenden Leistungsdrucks. In unserem eigenen Berufsalltag sind wir oft mit den herkömmlichen Schulformen konfrontiert und den "Dramen", die mit den Schulnoten verbunden sein können. Die Notengebung impliziert, dass alle Kinder – unabhängig von ihrer emotionalen, kognitiven oder sozialen Reife – über einen Kamm geschoren werden. Mit anderen Worten sollen Kinder dasselbe Leistungsniveau zum selben Zeitpunkt, ungeachtet ihres Entwicklungsstandes und ihrer Tagesverfassung, aufweisen.

Noten sagen unserer Erfahrung nach nichts über das zusammenhängende und begreifende Wissen und das Verständnis für die Materie aus. Ihre Aussagekraft bezieht sich vorrangig auf einen fragmentierten Ausschnitt von "Temporärwissen". Zudem besteht wenig Zusammenhang zwischen Schulnoten, Begabungsniveau und späterem Erfolg im Berufsleben oder im Studium. Noten führen oft zu Stress, Leistungsdruck und Konkurrenzdenken. Individuelle Wissensstände sowie persönliche Stärken und Schwächen (Lerndefizite) finden in Ziffernnoten keine Berücksichtigung. Lernen um der Noten willen kann Stress, Angst, Abwehrverhalten und erhebliche Selbstzweifel verursachen, die im schlimmsten Fall mit starken Denk- und Lernblockaden und erheblicher Lernunlust einhergehen. Das Vertiefen in ein Wissensgebiet sowie das Ausschöpfen der eigenen Leistungsfähigkeit werden dadurch verhindert.

Lernen, weil es Spaß macht

Lernen kann und soll dauerhaft Spaß machen! Diese Annahme war einer unserer Beweggründe für die Auswahl des Schultyps, den die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau (ILB) repräsentiert. Wir haben Erfahrungen mit älteren Geschwisterkindern, die die Primarstufe der ILB besuchten. Beide Kinder schafften den Wechsel in ein Gymnasium ohne Schwierigkeiten und hatten einen verglichen mit den Mitschülerinnen und Mitschülern gut durchschnittlichen Wissensstand.

Eines dieser Kinder hatte in der zweiten Klasse der ILB vor lauter Mathematik-Begeisterung im Halbjahr den Jahresstoff durchgearbeitet, und das in Eigeninitiative! Es machte ihm ganz einfach großen Spaß. Dasselbe Kind verlor im Laufe der Unterstufenzeit im Gymnasium sukzessive die Motivation, entwickelte eine starke Ablehnung gegenüber der Schule mit diversen Vermeidungsstrategien, die bis zur Schulangst sowie zu Albträumen – die Schule betreffend – führten. Der Wechsel in ein Oberstufengymnasium mit künstlerischem Schwerpunkt, das ein eher freies Lernkonzept vergleichbar mit dem der ILB verfolgt, zog wieder positive Auswirkungen in der Schullaufbahn nach sich.

Fokus auf Stärken statt Schwächen

Ein anderes Kind konnte sich die Erfahrungen aus der ILB dahingehend zunutze machen, dass es seine Begeisterung für gewisse Bereiche aufrechterhielt, trotz teilweise sehr wechselnder Benotung in Deutsch aufgrund der erst im Laufe der Sekundaria gewonnenen Sicherheit in der Orthografie. Die Noten hatten für dieses Kind, zum Erstaunen einiger Lehrerinnen, Lehrer, Mitschülerinnen und Mitschüler, nur marginal Bedeutung, und es freute sich an seinen (gelungenen) eigenen Geschichten, die glücklicherweise auch positiv bewertet wurden. Dieses Kind stellte sich und seine Fähigkeiten aufgrund der gewonnenen Selbstsicherheit im früheren Schulsystem nur begrenzt infrage, da es sich nicht vorrangig auf seine Schwächen fokussierte.

Ein weiterer Punkt des Bildungskonzepts der ILB, den wir als Eltern sehr zu schätzen gelernt haben, ist das deutlich hohe Maß an Eigenverantwortung im selbstständigen Arbeiten, mit dem die Kinder vom ersten Schultag an vertraut gemacht werden und das etwas völlig Selbstverständliches für sie darstellt. Wir Eltern sind immer wieder überrascht darüber, dass wir uns – ohne unsere Kinder unterstützen oder selbst mitarbeiten zu müssen – an ihren selbstgestalteten fertigen Präsentationen erfreuen dürfen.

Politischer Zwang zur Notengebung

Der Zwang zur Notengebung für alle stellt ein absolutistisches Vorgehen dar! Das wird umso unverständlicher, als es scheint, dass positive Erfahrungswerte aus anderen Schulformen außer Acht gelassen werden. Das Vorgehen widerspricht unserem Verständnis von gelebter Demokratie. Die Vielfalt unterschiedlicher Schulformen und Möglichkeiten wird unterbunden. Das führt dazu, dass es keinen Vergleich zwischen diesen Varianten mehr gibt, was wiederum zur Verarmung sowie zum Fehlen von Auswahlmöglichkeiten und Weiterentwicklungsformen im Schulsystem führt.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung wurde die ILB 2014 für den Schulpreis nominiert und mit dem Anerkennungspreis ausgezeichnet. Das Abschaffen des Grundgedankens solcher Schulformen wäre ein großer Verlust im österreichischen Bildungsbereich. Die freie Mitentscheidung der Eltern und Lehrerinnen und Lehrer im Sinne der Schulautonomie wird dadurch unterwandert, was einen erheblichen Rückschritt darstellt.

Für die Wahlfreiheit

Aufgrund eines deutlichen Richtungswechsels der neuen Regierung in der Bildungspolitik, der sich unseres Wissens weder auf Erfahrungswerte noch auf aussagekräftige wissenschaftliche Studienergebnisse bezieht und der den Wünschen und Bedürfnissen einer großen Zahl an Menschen zuwiderläuft, appellieren wir an die zuständigen politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, in dieser Angelegenheit – nach einer nochmaligen genaueren Betrachtung – den Rückwärtsgang in dem Vorhaben "Noten für alle" einzulegen und die Vielfalt im österreichischen Schulsystem sowie die Wahlfreiheit der Eltern und der Kinder hinsichtlich des Schultyps weiter zu ermöglichen und so den österreichischen Nachwuchs – je nach Neigung und Vorlieben – bestmöglich zu unterstützen.

Die Vergleichbarkeit beziehungsweise die Gegenüberstellung der verschiedenen pädagogischen Konzepte kann – wenn es nicht nach dem Prinzip richtig oder falsch erfolgt – äußerst bereichernd und anregend hinsichtlich Adaptierung, Optimierung, gegenseitiger Befruchtung und Erweiterung gesehen werden. In diesem Sinne ist uns eine Weiterführung der inklusiv geführten Mehrstufenklassen mit alternativer Leistungsbeurteilung im österreichischen Bildungssystem ein großes Anliegen. Dies kann für nachfolgende Generationen von Schülern und Schülerinnen nur von Nutzen sein. Lernen kann Spaß machen! So soll es bleiben! (Patricia Schmögl, Sonja Schweinhammer, 6.3.2018)

Patricia Schmögl ist Klinische Psychologin, Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Sonja Schweinhammer ist Psychotherapeutin und Psychologin, ebenfalls mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche. Ihre Kinder besuchen derzeit die Übergangsstufe der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau, in der es erst ab der 8. Schulstufe Schulnoten gibt.

Zum Thema

  • Der natürliche Lerneifer und Wissensdurst bleibt in der Schule durch geeignete pädagogische Konzepte erhalten.
    foto: standard/urban

    Der natürliche Lerneifer und Wissensdurst bleibt in der Schule durch geeignete pädagogische Konzepte erhalten.

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