Das "Geisterhaus" am Wiener Rochusmarkt

    6. März 2018, 12:00
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    Vor einem halben Jahr wurde die Post am Rochus eröffnet – mit Büros für 1.100 Postmitarbeiter und einem Shoppingcenter. Letzteres scheint zu floppen

    Wien – "Hier wohnen gute Menschen", sagt Roland Schätzl. Hier, damit meint der Gemüseverkäufer den dritten Wiener Gemeindebezirk. Und mit dem Wort "gute" spielt er nicht unbedingt auf die positiven Charaktereigenschaften der Anrainer an. Er will damit sagen, dass sie etwas im Börserl haben. "Ich kann ihnen eine Ananas um 20 Euro verkaufen", meint der Marktstandbesitzer wohl etwas überspitzt. Seit 35 Jahren verkauft Schätzl am Rochusmarkt Obst und Gemüse. Das Geschäft läuft zu seiner Zufriedenheit, er hat viele Stammkunden: "Die Landstraßer lieben ihren Markt."

    Kein Gemüse, dafür Käse – auch Ernst Poppenberger ist mit seinem Geschäft "Käseland" ein Alteingesessener am Markt. Wie Schätzl lebt er von den Stammkunden, die hier Delikatessen erstehen, sei es slowakischer Gebirgsbrimsen oder Vorarlberger Bergkäse.

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    Die Post am Rochus wurde im September eröffnet. Einige Marktstandler hatten Sorge wegen Geschäftseinbußen.

    Daran hat auch das neue Shoppingcenter nichts geändert, das vor einem halben Jahr eröffnet hat. Es ist Teil der Postzentrale, die hier neu errichtet wurde. Sie bietet nicht nur 1.100 Mitarbeitern Büros, sondern auf 5.500 Quadratmetern auch Geschäftsflächen.

    "Unser Marktplatz im Dritten" – den Slogan des Einkaufszentrums könnte man als Kampfansage gegen den Rochusmarkt direkt vor der Postzentrale missverstehen. Als die Pläne zur Errichtung bekannt wurden, war die Skepsis groß. Sogar Unterschriftenlisten lagen auf, um den damals gerüchteweise drohenden Abriss des Marktes zu verhindern. Man habe die Eröffnung daher auch "mit Angst" beobachtet, sagt Marktamtssprecher Alexander Hengl. Noch dazu, da die Post am Rochus nicht das erste Shoppingcenter im Bezirk sei. Am unteren Ende der Landstraßer Hauptstraße befindet sich The Mall, wenige Hundert Meter stadtauswärts die Galleria.

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    Die Rollgitter von immer mehr Geschäften bleiben geschlossen.

    Die Befürchtungen scheinen jedoch unbegründet gewesen zu sein. "Weder besonders positiv, noch besonders negativ", zieht Poppenheimer Bilanz über die Auswirkungen. Immerhin hat sich ein Merkur angesiedelt, der dem Käseverkäufer Kunden abtrünnig machen könnte? Kopfschütteln bei Poppenheimer. Die wenigen Kunden, die nun lieber im Supermarkt einkaufen, würden durch die Postmitarbeiter wettgemacht, die auf den Käsegeschmack gekommen seien.

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    Geschäftsflächen werden nach wie vor angepriesen.

    Auch Schätzl kann fünfeinhalb Monate nach Eröffnung des Shoppingcenters keine negativen Auswirkungen erkennen. Schade findet er nur, dass das Einkaufszentrum mehr und mehr einem "Geisterhaus" ähnle. "Die ziehen einer nach dem anderen wieder aus", beobachtet er die Situation. Tatsächlich: Ein kurzer Rundgang im Inneren des Einkaufszentrums zeigt, dass zahlreiche Rollgitter zugezogen sind.

    Die Post selbst betreibt zwar eine eigene Filiale und zwei Pop-up-Stores, und im Untergeschoß befindet sich ein Merkur. Im Erd- und Obergeschoß hat sich außerdem ein Steakrestaurant eingemietet, zusätzlich haben eine Backfiliale, zwei Modegeschäfte und ein kleines Fitnesscenter ihre Pforten geöffnet. Viele andere haben dem Shoppingcenter allerdings wieder den Rücken gekehrt: etwa eine Saftbar und ein Schlüsseldienst. Auch der im Obergeschoß eingemietete Frisör Fehringer, der Niederlassungen im Donauzentrum und im G3 hat und daher shoppingcentererfahren ist, hat wieder zugesperrt.

    Leere Versprechungen

    "Der Standort war nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe", sagt der ehemalige Saftbarbetreiber, der anonym bleiben will. Das Centermanagement habe sich "um gar nichts" gekümmert. Auch in Gesprächen mit anderen Mietern sickert durch, dass Versprechungen nicht eingehalten wurden. So sei man damit gelockt worden, dass pro Tag bis zu 5.000 Personen im Shoppingcenter zugegen sein würden, weil die Postfiliale in der Landstraßer Hauptstraße schließen würde. Das ist aber bis jetzt nicht der Fall. Man sei hohe Mietkosten nur deshalb eingegangen, weil man eine funktionierende Infrastruktur erwartet habe.

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    Die Errichtung der Post am Rochus kostete rund 100 Millionen Euro.

    Walter Wölfler von der CBRE GmbH, die für das Centermanagement zuständig sind, sagt, dass die Mietpreise "fair und adäquat" seien. Er versichert im Gespräch mit dem STANDARD, dass man dran sei, die leerstehenden Lokale zu vermieten. Über die künftigen Mieter hält er sich aber bedeckt.

    Zufrieden mit ihrer Filiale in der Post am Rochus sind immerhin die Inhaber des Steakrestaurants El Gaucho. Die Betreiber orten einen Unterschied zu den anderen Mietern. Man sei nicht auf Laufkundschaft angewiesen, im Gegenteil: El Gaucho sei ein Magnet, der anderen Kunden bringe.

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    Alteingesessene Marktstandler reagieren abwartend auf das Einkaufszentrum.

    Von mehr solcher Magneten träumt Käsehändler Poppenberger, etwa von einem Elektronikriesen, der ins Center einzieht, und möglicherweise neue Kunden bringt. Er und sein Kollege Schätzl sind aber auch nicht unglücklich, wenn die Situation für die Marktstandler einfach bleibt, wie sie ist. Das wird man nach der Sommersaison wissen: Die wird laut Alexander Hengl vom Marktamt abgewartet, ehe Bilanz gezogen wird. (Rosa Winkler-Hermaden, 6.3.2018)

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