Novomatic: Bad news is bad news

    Kommentar der anderen5. März 2018, 17:01
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    Die Empörung über Glawischnigs Engagement beim Glücksspielriesen an sich ist absurd. Was vielmehr zu denken geben sollte, ist das dadurch gesendete Signal. Nämlich: Nachhaltigkeit ist eh wurscht

    Wieder einmal hat die Tagespresse sich als treffsicherer Seismograf österreichischer Befindlichkeit bewährt. Da die Realität mit Satire nicht zu toppen war, wurde der Sachverhalt einfach wahrheitsgetreu gemeldet: Die Ex-Grüne Eva Glawischnig geht zu Novomatic. Das hat viel Aufmerksamkeit generiert. Wenn das Unternehmen nach dem Motto "Bad news is good news" handelt, ist die Sache ein voller Erfolg. Wenn nicht, ist sie ordentlich danebengegangen.

    Der Verdauungsproduktesturm hat es in sich. Die Grünen sind – das ist offenbar ihr Kerngeschäft – empört. Mit ihrem Seitenwechsel sorgt Frau Glawischnig für hyperventilierende Aufregung in ihrer Ex-Partei und in den sozialen Netzwerken. In der Tat kann man sich wundern. Die Inszenierung und die gestanzten Äußerungen zum Amtsantritt ("bei den ganz Großen dabei sein", "Verantwortungsmanagerin", "am Gehalt lag es nicht") waren jedenfalls eine vehemente Einladung zum Fremdschämen.

    Was ernster ist: Wie qualifiziert ist eigentlich eine Person für das Thema Verantwortung, die in ihrem vorigen Job ein desorganisiertes Trümmerfeld hinterlassen hat und die unmittelbar vor einer Landtagswahl einen Schritt tut, der ihrer Partei massiv schadet? Nun: Sie ist überhaupt nicht qualifiziert. Man muss bekanntlich nicht in einer Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben. Aber man sollte Ahnung von einem Thema haben, für das man, nun – Verantwortung übernimmt. Dass Frau Glawischnig schon allein aufgrund der erwähnten Aktionen als geradezu groteske Fehlbesetzung gelten muss, ist ihr Problem und das ihres neuen Arbeitgebers.

    "Greenwashing" als Kerngeschäft

    Weitaus relevanter ist das Problem, das mit dieser Aktion für die Gesellschaft entsteht, genauer: für die Reputation von wichtigen Anliegen wie Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung (CSR). Verantwortung heißt nicht zuletzt zu antworten – da hilft es, die relevante Frage zu kennen. Und hier irren viele Menschen, die jetzt ostentativ ihrer Empörung Ausdruck verleihen: Die Frage ist nicht, wie man möglichst moralisch unbefleckt durchs Leben kommt. Sondern wie man die Wirkung von Handlungen nachhaltig gestaltet.

    Und für diese wichtige Herausforderung setzt Glawischnigs Wechsel ein desaströses Zeichen. Denn jetzt werden viele Leute über Nachhaltigkeit das glauben, was sie mehrheitlich wohl auch über Fußball und Marketing denken: dass das jede und jeder kann. Was falsch ist: Nachhaltigkeitsmanagement ist ein anspruchsvoller Job. Die Aktion signalisiert auch: CSR ist eine Reputationssache für politische Netzwerker, Anliegen und Inhalt sind irrelevant – "Greenwashing" als Kerngeschäft. Klar gibt es das auch – aber dass CSR immer auf eine "grüne Lüge" hinausläuft, ist falsch. Hysterische Empörung ist unangebracht. Natürlich braucht es strenge staatliche Regulierungen für das Glücksspiel. Aber es ist absurd, der Gesellschaft das (Glücks-)Spielen austreiben zu wollen. Das kann man, hier hat Glawischnig recht, nicht erfolgreich verbieten.

    Paradoxe Herausforderung

    Es scheint der Glaube vorzuherrschen, dass man in bestimmten Sektoren auf keinen Fall arbeiten darf, wenn man an Nachhaltigkeit und Verantwortung interessiert ist. Auch das ist absurd. Es gibt in nahezu allen Branchen sehr kluge und engagierte Leute, die nach Kräften versuchen, Verantwortung zu übernehmen und Nachhaltigkeit voranzubringen. Ihnen moralinsauer vorzuhalten, dass die für die Bösen arbeiten, ist ausgemachter Blödsinn. Dass es für Nachhaltigkeit keinen Staat braucht und die Unternehmen es schon richten werden, ist zwar eine dämliche "neoliberale" Legende. Die Auffassung, dass der Staat allein für die Nachhaltigkeit zuständig ist, ist allerdings keinen Deut intelligenter. Es braucht dringend auch Leute, die sich in Unternehmen engagieren. Sie sollten dafür freilich auch geeignet sein.

    Die empörungsgesättigte Debatte über Glawischnig und Novomatic lenkt also ab. Der gesellschaftliche Ausnahmezustand ist durch die paradoxe Herausforderung charakterisiert, unsere Lebensweise vehement verteidigen und gleichzeitig grundsätzlich umbauen zu müssen. Für diese Aufgabe braucht es gute Ideen und engagierte Menschen überall in der Gesellschaft: grüne, gute Menschen in der Zivilgesellschaft, aber auch in der Wirtschaft – und zwar nicht nur in Gemeinwohlbetrieben und Ökofirmen, sondern auch in kapitalistischen Unternehmen.

    Das eigentlich Empörende an der Angelegenheit ist also, dass ein Unternehmen und eine Person eine Entscheidung treffen, die ein verheerendes Signal an die Öffentlichkeit sendet: Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung sind eh wurscht – es geht um Image, politisches Lobbying und Bestandswahrung, nicht um Glaubwürdigkeit, Wirkung und Innovation. Das ist das Problem – nicht der Kampf zwischen Gut und Böse, den sich manche Leute hier zusammenfantasieren. (Fred Luks, 5.3.2018)

    Fred Luks lebt und arbeitet in Wien. Mitte April erscheint bei Metropolis sein neues Buch "Ausnahmezustand". Er hat als Nachhaltigkeitsmanager einer Bank gearbeitet und hat an Veranstaltungen von Novomatic mitgewirkt.

    • Ein "N" statt  eines "G" am Revers: Eva Glawischnig  und Novomatic-Vorstandschef Harald Neumann bei der Präsentation der früheren Grünen-Obfrau als neue Mitarbeiterin  des Glücksspielkonzerns in der vergangenen Woche.
      foto: novomatic/thomas meyer

      Ein "N" statt eines "G" am Revers: Eva Glawischnig und Novomatic-Vorstandschef Harald Neumann bei der Präsentation der früheren Grünen-Obfrau als neue Mitarbeiterin des Glücksspielkonzerns in der vergangenen Woche.

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