Oscars 2018: Die schaumgebremste Feier des neuen Hollywood

    Video5. März 2018, 17:28
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    Die 90. Oscarverleihung am Sonntag war vom Wunsch geprägt, Aufbruchsgeist und Diversität zu demonstrieren. Guillermo del Toros Fantasymärchen "The Shape of Water" wurde mit vier Oscars zum Sieger

    Die originellste Idee kam zum Ende – als seltene zweite Chance. Faye Dunaway und Warren Beatty, die letztes Jahr mit dem falschen Kuvert losgeschickt wurden und das größte Missgeschick der Oscar-Geschichte einleiteten, durften erneut den Gewinner des Besten Films verkünden.

    Diesmal ging alles gut, der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro nahm für seine Fantasyfabel "The Shape of Water" nach dem Oscar als Bester Regisseur noch einen zweiten in Empfang. Beattys Mimik wirkte immer noch besorgt, doch diesmal gab es keine Korrektur – Martin McDonaghs "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri", der größte Konkurrent, war geschlagen.

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    Warren Beatty und Faye Dunaway präsentieren den Gewinner für den Besten Film.

    Die Verwechslung im Vorjahr war angesichts eines turbulenten Jahres für die US-Filmindustrie fast ein wenig in Vergessenheit geraten. Gespannt wartete man darauf, wie die Academy auf die durch Harvey Weinsteins Fall und die von #MeToo ausgelöste Debatte um mehr Gleichberechtigung reagieren würde.

    Moderator Jimmy Kimmel ließ nicht lange darauf warten: "Was mit Harvey geschehen ist und jetzt überall passiert, ist überfällig. Wenn es uns gelingt, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu verhindern, dann müssen Frauen nur noch überall sonst damit zurande kommen." Eine Pointe mit wahrem Kern, hat die Fixierung auf das Showbusiness doch auch etwas Scheinheiliges.

    Pluralistische Branche

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    Jimmy Kimmels Eröffnungsrede.

    Kimmels Anfangsmonolog gab dem Abend den Rhythmus vor, den man, freundlich ausgedrückt, als einen mit ausgeglichenem Temperament bezeichnen könnte – nicht nur, weil der TV-Moderator vom Oscar als penislosem, mithin harmlosem Männlein sprach.

    Kimmel teaserte auch das zweite bestimmende Thema der Gala an: die Feier einer pluralistischen Branche mit etlichen afroamerikanischen Talenten und einer generationsübergreifenden Riege von Frauen als Moderatorinnen. "Stellt euch ein Land mit schwarzem Anführer vor, wäre das nicht toll?", fragte Kimmel mit Blick auf "Black Panther" – und Trump.

    Allerdings wirkte die Betonung der integrativen Seite über weite Strecken allzu lehrbuchhaft. Zumindest als Ashley Judd, Annabella Sciorra und Salma Hayek die Gesichter eines neuen Hollywoods präsentieren durften (darunter schwarze Regisseurinnen wie Dee Rees und Ava DuVernay), wurde das Bild schärfer. Den Höhepunkt in dieser Hinsicht bildete der Oscar für Frances McDormand als beste Hauptdarstellerin ("Three Billboards"), die eine charmant- knorrige Dankesrede hielt und alle weiblichen Nominierten im Saal aufforderte, sich zu erheben.

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    Frances McDormands Rede.

    Der Drehbuch-Oscar für Jordan Peele, Regisseur der Horrorkomödie "Get Out", zeugte indes von allen Preisen am deutlichsten von einer veränderten Wahrnehmung. Ansonsten gab es an vielen Stellen Favoritensiege, oft an Virtuosen ihres Fachs wie Gary Oldman ("Darkest Hour"), der sich artig bei seiner 99-jährigen Mutter bedankte, oder den britischen Kameramann Roger A. Deakins ("Blade Runner 2049"), der beim 14. Anlauf endlich erfolgreich war. "Ich hab's ganz allein getan" – Allison Janney, als vulgäre Mutter der Eiskunstläuferin Tonya Harding in "I, Tonya" prämiert (Beste Nebendarstellerin), sorgte mit gespielter Egozentrik für Lacher, Sam Rockwell freute sich gleich zu Beginn bei den Männern einen Haxn aus.

    Netflix erfolgreich

    Einen anderen Umbruch signalisierte der Oscar für den Dokumentarfilm "Icarus", denn die Arbeit über den russischen Dopingexperten Grigori Rodschenkow ist eine Netflix-Produktion. Zumindest im Non-Fiction-Bereich wurde damit erstmals das Tor für eine Streamingplattform geöffnet.

    Bei der Gala selbst huldigte man allerdings in einer nicht allzu spontan wirkenden Aktion dem kollektiven Filmerlebnis: Kimmel besuchte gemeinsam mit Stars das benachbarte Chinese Theatre und verteilte dort Snacks. Da wird sich die Academy noch andere Dinge überlegen müssen.

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    Eva Marie Saint bei den Oscars.

    Die auratischeren Momente der fast vierstündigen, immer wieder träge dahinfließenden Show gehörten Altstars wie Eva Marie Saint ("Die Faust im Nacken") oder Rita Morena ("West Side Story"), die im selben Kleid wie 1962 auf die Bühne kam. Die Diven erinnerten wieder daran, dass es sich um die Jubiläumsausgabe zum 90er handelte, bei der man das, was Hollywood sonst so gut kann, zu sehr vernachlässigte: sich einfach selbst zu feiern.

    So kündete die Nacht in diesen Zeiten des Umbruchs vor allem von einem: der Vorsicht, nur nichts falsch zu machen. (Dominik Kamalzadeh, 5.3.2018)

    • Beste Darstellerinnen und Darsteller zeigen vor, wie Enthusiasmus aussieht: Sam Rockwell, Frances McDormand, Allison Janney und Gary Oldman (von links nach rechts).
      foto: ap / jordan strauss

      Beste Darstellerinnen und Darsteller zeigen vor, wie Enthusiasmus aussieht: Sam Rockwell, Frances McDormand, Allison Janney und Gary Oldman (von links nach rechts).

    • Doppeltgrinser: Regissseur Guillermo del Toro.
      foto: apa/afp/frederic j. brown

      Doppeltgrinser: Regissseur Guillermo del Toro.

    • Jordan Peele, Regisseur der antirassistischen Horrorkomödie "Get Out", wurde für das beste Drehbuch ausgezeichnet.
      foto: reuters / mike blake

      Jordan Peele, Regisseur der antirassistischen Horrorkomödie "Get Out", wurde für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

    • Glamourös: die 93-jährige Eva Marie Saint.
      foto: apa/afp/mark ralston

      Glamourös: die 93-jährige Eva Marie Saint.

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      Ohne Stilettos: Das Moderatorinnenduo Tiffany Haddish und Maya Rudolph punktete mit Blackness-Witzen.

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